Die Suche nach dem ewigen Leben

Die Suche nach dem ewigen Leben

Mit Milliardeninvestitionen versuchen die Weltveränderer aus dem Silicon Valley den Tod zu besiegen – oder wenigstens das Alter. Das ist nicht so utopisch, wie es scheinen mag. Eine Reportage von Tad Friend Mit Illustrationen von Christina Baeriswyl

Es ist ein linder Märzabend. Norman Lears Wohnzimmer im Mandeville Canyon, hoch über Los Angeles, ist proppenvoll mit einflussreichen Leuten, die etwas über das Geheimnis eines langen Lebens erfahren wollen. Als der erste Referent des Symposions die Frage in den Raum stellt, wer von den Anwesenden 200 Jahre alt werden möchte, vorausgesetzt, er könnte sich seine Gesundheit erhalten, hebt praktisch jeder die Hand. Was erklärt, warum kaum einer den marokkanischen Filoröllchen mit Huhn zuspricht. Die Risikokapitalgeber achten auf ihre Figur, um sich ihre imposante Vitalität zu bewahren; die Wissenschafter achten auf ihre Figur, weil sie die Studien über Kalorienrestriktion kennen – wenn sie sie nicht gar selbst besorgt haben; und dass die Hollywoodstars auf ihre Figur achten, versteht sich von selbst.

Als Liz Blackburn, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Genforscherin, nach ihrem Vortrag um Fragen bittet, meldet sich säuselnd von ihrem gemütlichen Sofa aus eine fürstliche Goldie Hawn: «Ich hätte eine Frage zu den Mitochondrien. Ich habe da von einem Molekül gehört, Glutathion, das mit für die Gesundheit der Zelle sorgt?» Glutathion ist ein wirkungsvolles Antioxidans, das Zellen und ihre Kraftwerke – besagte Mitochondrien – schützt; in Hollywood spricht man hier und da vom «Gottmolekül». Im Überfluss konsumiert freilich kann es eine ganze Reihe körpereigener Reparaturmechanismen beeinträchtigen, zu Leber- und Nierenproblemen führen, ja sogar zu einem rapiden und möglicherweise tödlichen Schälen der Haut. Behutsam weist Blackburn darauf hin, dass nicht einzelne Moleküle, sondern eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung die beste Antwort auf das Rätsel des Alterns sei.

Die Prämisse des Abends jedoch ist: Antworten sind praktisch zum Greifen nah, womöglich sogar eine umfassende Lösung. Die Party ist der Startschuss für die Grand Challenge in Healthy Longevity der National Academy of Medicine, die ein Minimum von 25 Millionen Dollar für den einen oder anderen Durchbruch auf dem Gebiet der Langlebigkeit verspricht. Der Präsident der Academy, Victor Dzau, steht auf, um einige der anwesenden Forscher hervorzuheben. Er lobt ihre Arbeit mit Enzymen, die eine Rolle bei der Regulierung des Alterungsprozesses spielen, Erfolge bei der Isolierung von Genen, die bei einigen Hunderassen für die Lebensdauer verantwortlich sind, und eine Technik, zwei Mäuse, eine junge und eine alte, operativ so miteinander zu verbinden, dass die ältere sich den Kreislauf mit der jüngeren teilt – und binnen Wochen jünger zu werden beginnt.

Der Tod soll optional werden

Joon Yun, Arzt und Manager eines einschlägigen Hedgefonds, gibt bekannt, zusammen mit seiner Gattin die ersten zwei Millionen Dollar zur Finanzierung der Challenge gestiftet zu haben: «Für mich ist das Altern plastisch, es ist kodiert», sagt er. «Wenn etwas kodiert ist, kann man den Code knacken.» Unter zunehmendem Applaus fährt er fort: «Ein Code, den man knacken kann, lässt sich auch hacken!» Es ist eine grosse Aufgabe: mehr als 150 000 Menschen sterben jeden Tag, grösstenteils an altersbedingten Krankheiten. Aber Yuns Überzeugung nach dürfte es, sollte man den Code korrekt hacken, «thermodynamisch eigentlich keinen Grund geben, die Entropie nicht auf unbestimmte Zeit aufschieben zu können. Wir können mit dem Altern für immer Schluss machen», wie er mir sagt.

Die Patentmanagerin Nicole Shanahan gibt bekannt, ihre Firma werde demnächst einschlägige Patente betreuen, die Yun der Sache zur Verfügung gestellt habe. «Ich bin mit meinem Darling Sergey hier», sagt sie und meint damit ihren Lebensgefährten Sergey Brin, einen der Mitbegründer von Google. «Und er rief mich gestern an und meinte: ‹Ich lese da gerade ein Buch, Homo Deus, in dem es auf Seite achtundzwanzig heisst, dass ich sterben werde.› Ich sage zu ihm: ‹Du persönlich?› Er sagte: ‹Ja!›» (In dem Buch setzt sich der Autor Yuval Noah Harari mit Googles Forschung gegen das Altern auseinander und schreibt dabei unter anderem, das…