«Die Substanz ist da!» – «Es fängt eine neue Zeitrechnung an.»

Der eine steht für modernes Banking und eine Welt ohne Altlasten. Der andere hat den Schweizer Finanzplatz geprägt und fragt sich, wozu es in Zukunft noch Banken braucht. Adrian Künzi und Oswald Grübel im grossen Gespräch über eine Branche im Umbruch.

Herr Grübel, Sie sind ein alter Hase in der Branche. Vermutlich erteilen Sie nicht gerne Ratschläge, aber vielleicht können Sie es trotzdem versuchen: Welche Skills muss man heute mitbringen, um ein erfolgreicher Banker zu werden?

Oswald Grübel: Ich bin nicht mehr im Geschäft und also weniger unwillig als unbefugt, Ratschläge zu erteilen. Natürlich weiss ich, wo wir herkommen, aber die grosse Frage ist ja, wo die Reise in der Bankenwelt nun hingeht – und wer weiss das schon? Das Umfeld hat sich radikal verändert, so viel ist klar. Wir haben in der Schweiz im Bankengeschäft 70 Jahre lang einen einmaligen Aufschwung erlebt, an dem das Bankgeheimnis grossen Anteil hatte. Dieser Aufschwung ist 2007 zu einem Ende gekommen: Das Bankgeheimnis ist ausgehebelt worden, und zwar von der Technologie, die weiterhin auf dem Vormarsch ist.

Sprechen wir also über das Bankgeschäft in diesem veränderten Umfeld. Nehmen Sie, Herr Künzi, als vergleichsweise junger Fuchs die Zäsur genauso wahr und würden sagen, dass es ein Banking vor und ein Banking nach dem Bankgeheimnis gibt?

Adrian Künzi: Herr Grübels Einschätzung ist im Grundsatz sicher richtig. Ich würde aber noch hinzufügen, dass die Technologie nicht der einzige Treiber war, der hinter dem Ende des Bankgeheimnisses stand. Ebenso wichtig war in meinen Augen die Schuldenkrise in vielen europäischen Ländern und den USA. Diese hat dazu geführt, dass die fraglichen Staaten in Sachen Einforderung von Steuergeldern eine viel härtere Gangart eingelegt haben. Was die Regierungen lange geduldet hatten, war plötzlich verpönt – und wird es für immer bleiben.

Grübel: Zweifelsohne: die Krise hat Begehrlichkeiten des Fiskus geweckt, zumal das Ausland ja längst weiss, dass die Schweiz nachzugeben pflegt, wenn der internationale Druck genügend gross ist. Aber die Krise hat nicht das Bankgeheimnis ausgehebelt! Dafür war die Technologie verantwortlich. Schon einige Jahre bevor die UBS und die USA ihre Angelegenheit geregelt haben, waren die Banken nicht mehr in der Lage, ihre Kundendaten gegen Diebstahl zu sichern. IT-Mitarbeiter konnten die Daten einfach und schnell kopieren und verkaufen. Das ist ein lukratives Geschäft – und der Lauf der Dinge.

Künzi: Technologie und Daten sind heute von eminenter Wichtigkeit, darauf können wir uns einigen. Und ihre Bedeutung wird – auch für unser Geschäft – nur noch zunehmen: Fast täglich tauchen neue Möglichkeiten auf, Daten zu analysieren und daraus passgenaue Angebote zu generieren. Wir stehen im Moment an der Schwelle zu einer Welt, in der personenbezogene Daten im Banking eine ebenso zentrale Rolle spielen werden wie in der Konsum- oder Gesundheitsbranche.

In diese nahe Zukunft wollen wir später im Detail blicken. Bleiben wir vorerst noch einen Moment beim aktuellen Umfeld. Sie sagen es beide klipp und klar: Für Ausländer gibt es heute kein Bankgeheimnis mehr. Was bedeutet das fürs «Swiss Banking»?

Künzi: Ich bin überzeugt, dass wir in der Schweiz eine sehr gute Basis für ein weiterhin erfolgreiches Geschäft haben. Meine Sichtweise ist etwas geprägt durch meine Geburtsstadt: Ich bin in Biel aufgewachsen, und Biel musste in den 1970er Jahren eine grosse Krise in der Uhrenindustrie durchstehen. Die Anzahl Beschäftigter ist um zwei Drittel eingebrochen, man hat das Ende der Schweizer Uhrenindustrie prophezeit, und doch ist die Wende geglückt. Dasselbe ist auch in der Bankenbranche möglich. Insbesondere, weil die Grundlage hier hervorragend ist: Wir haben in der Schweiz nach wie vor 6000 Milliarden Franken an deponierten Kundengeldern, wir haben 300 Banken und über 100 000 bestens qualifizierte Leute – die Substanz ist da.

Grübel: Es fällt mir schwer, in diesen 6000 Milliarden einen Garanten für die Zukunft zu sehen. Wie viel von dieser Summe liegt in der Schweiz, wie viel irgendwo auf der Welt? Und wer weiss schon, wie sich diese Zahl entwickeln…