«Die Schweiz muss mehr tun»

Bis zum Jahr 2030 fehlen im Land rund eine halbe Million Fachkräfte. Der technologische Wandel verschärft das Problem zusätzlich. Kann die Schweiz noch rechtzeitig reagieren?

«Die Schweiz muss mehr tun»
Nicole Burth Tschudi, zvg.

Frau Burth Tschudi, beginnen wir historisch: bis in die ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts mussten unzählige Menschen die vergleichsweise arme Schweiz auf der Suche nach Arbeit verlassen. Heute jedoch ist die Schweiz ein prosperierendes Land, das seit Jahrzehnten Arbeitskräfte und Ideen importiert, weil sie – wie die meisten Länder der Welt – im wirtschaftlich wachsenden Umfeld den Bedarf nicht aus eigener Kraft decken kann. Der Lebensstandard ist enorm gestiegen, die Zugezogenen sind vergleichsweise gut integriert, die Arbeitslosigkeit im Inland ist konstant niedrig. Es ist eine Erfolgsgeschichte – warum wird sie so selten erzählt?

 Die Schweiz könnte mit mehr Selbstvertrauen auftreten, schliesslich hat sie sehr viel zu bieten. Das beginnt beim international hervorragend aufgestellten dualen Bildungssystem, das Menschen in allen Lebensphasen in die Lage versetzt, sich stetig weiterzubilden. Die Arbeitslosigkeit ist auch bei jungen Menschen sehr niedrig – mit Blick auf viele andere europäische Staaten ein Vorteil. Die Schweiz ist ein idealer Ort, um die Zukunft, eine Karriere aufzubauen. Darauf kann man stolz sein. Aber die Schweizer setzen natürlich auch in dieser Sache auf Understatement – sie gehen nicht hin und prahlen mit ihrem unbestreitbaren Erfolg. Das aktuelle politische Geschehen, diese polarisierenden Diskussionen um Einwanderung generell, aber auch um Fachkräfte, Lohndumping haben nicht so sehr mit der Schweiz zu tun, sie sind ein globales Phänomen – denken Sie nur an die USA, Frankreich oder Grossbritannien. Aktuell dreht die Stimmung in vielen Ländern: die Liberalisierung des Arbeitsmarktes wird nicht als Erfolg, sondern als Problem betrachtet.

Dazu trägt wohl eine Reihe von Umwälzungen und Veränderungen bei, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Vielleicht nähern wir uns dem Fachkräftethema von dieser Seite: welche Veränderungen hat der Schweizer Arbeitsmarkt in den letzten 10, 20 Jahren gesehen?

 In den letzten 15 Jahren hat sich der Markt für Temporärarbeit in der Schweiz mehr als verdoppelt. Und: immer mehr spezialisierte Berufe wurden und werden flexibilisiert, das ist anstrengend, aber lohnenswert.

Können Sie das näher erläutern?

 Wenn man etwa ein grosses IT-Projekt in einem Mittelstandsbetrieb anstrengen will, braucht man dafür zeitweilig Spezialisten aus Bereichen, die sonst mit dem Betrieb nichts zu tun hätten. Eine Begleiterscheinung der Digitalisierung, welche ausserdem dazu führt, dass die Unternehmen immer weniger Bedarf für Jobs mit repetitiven Tätigkeiten haben. Wer seine Produktion automatisiert, baut zwar oft Stellen ab, sorgt aber vor allem für neue Jobs, zuerst solche für Techniker, Ingenieure, Softwarespezialisten. Der Entwicklungsreport der Weltbank von 2016 besagt, dass für jeden Job, der in der IT-Branche kreiert wird, weitere fünf neue Jobs in der Dienstleistungs- oder Supportbranche geschaffen werden. Eine Automatisierung in einem KMU sorgt also nicht nur bei der Wertschöpfung des Betriebs für Aufwind, sondern auch bei IT-Spezialisten. Deren wachsende Zahl wiederum bringt neue Bedürfnisse hervor, die gedeckt werden wollen, seien dies Angebote im Bereich Weiterbildung oder Dienstleistungen von Personal Trainers, Dogwalkers, Nannies usw.

Das klingt, ich spitze zu, wie eine neue Aristokratisierung der Gesellschaft – die Global Class und ihr Dienstpersonal. Der ehemalige Arbeitnehmer, dessen Job durch die Automatisierung oder Digitalisierung obsolet wird, dürfte aber davon kaum profitieren.

 Ihre Bedenken verstehe ich, allerdings: diese Realität hat gesamtwirtschaftlich einen Positivsaldo, und der wird im öffentlichen Diskurs, der momentan im Hinblick auf Globalisierung, Digitalisierung und Wohlstandsverteilung geführt wird, viel zu selten betont. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es in Zukunft nicht weniger Arbeit geben wird, geschaffen werden tatsächlich mehr, aber andere Jobs – in den verschiedensten Bereichen. Und auf deren Profile müssen sich Arbeitswelt, Gesellschaft und Politik jetzt einstellen, wenn die Schweiz auch in Zukunft noch konkurrenzfähig sein will.

Reden wir also vom Qualifikationsniveau im Inland. Es herrscht beinahe Vollbeschäftigung – auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als würden…