Die Schweiz, mein Kraftort

Einige grundsätzliche Gedanken aus aktuellem Anlass*

Allzu selten denken wir daran, was für ein Geschenk es ist, in einem Land zu leben, wo Friede und Freiheit herrschen, wo Arbeit, Bildung und Wohlstand in reichem Masse zur Verfügung stehen. Was zeichnet dieses ebenso reich beschenkte wie hart an sich arbeitende Land und dessen Bewohner aus?

Es sind nicht seine Macht oder Grösse, nicht die Weite oder die Schätze seines Bodens, nicht der Zugang zu Meer oder grossen Strömen – Privilegien, aus denen Wertschöpfung und Lebensgrundlage vieler anderer Staaten entstanden sind. Es ist vielmehr der Wille zu steter Erneuerung aus eigener Kraft, der die Schweizer auszeichnet. Dieser Wille gründet auf dem Bewusstsein, dass jede eigene Entfaltung und jede unternehmerische Initiative nur dank anderen gelingen kann – und dass jeder in seinem Gedeihen von der Zukunfts­fähigkeit des Ganzen mit abhängt.

Dieser Wille ist über Jahrhunderte gewachsen, musste – oft der Not gehorchend – errungen und in vielen Auseinandersetzungen entwickelt werden. Die Vielzahl von Selbsthilfeorganisationen und Genossenschaften zeugt davon. Dazu zählen auch die grossen, wegweisenden Pionierleistungen, die im Verbund von Wirtschaft und Öffentlichkeit entstanden sind, ebenso wie der Arbeitsfriede, das von Handwerkern und Akademikern getragene duale Bildungssystem sowie die Bereitschaft zu Freiwilligenarbeit und Milizdienst. Es ist diese Haltung des «Hilf dir selbst!» in Verbindung mit der Einsicht des «Zusammen geht’s (auch mir!) besser», die zur Entstehung unserer direktdemokratischen Spielregeln und Institutionen sowie zur wirtschaftlichen Entfaltung und Blüte geführt haben. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten: Dank dieser Haltung hat sich über die Jahrhunderte ein Wertesystem herausgebildet, das alle in ihrem Denken, Fühlen und Handeln miteinander verbindet.

Heimat ist da, wo die Menschen, die zusammen leben und arbeiten, aus Impulsen des Verbindenden Freude und Kraft schöpfen. Nicht Sprache oder Konfession, nicht Alter oder Geschlecht, weder Hautfarbe noch Stand, Stadt oder Land bilden diese Kraft, sondern die gelebten Werte. Der Respekt voreinander sowie die Achtung und Dankbarkeit für die Gaben der Natur einen die Menschen. Hier sind auch Freiheit und Verantwortung beheimatet. Wer seine Mitmenschen respektiert, achtet in ihnen sowohl das Gemeinsame als auch das Besondere. Zwar ist die Freiheit das höchste Gut des Menschen. Doch ohne die Freiheit aller gilt die Freiheit des einzelnen letztlich nichts. Das ist die Verantwortung, die jeder Bürger trägt, jeder da, wo das Leben ihn hingeführt hat.

Als Stärken der Schweiz können gelten: die Bereitschaft von Minderheiten zu einem geordneten Zusammenleben, das Gewähr gibt für Friede, Freiheit, Menschlichkeit und Wohlstand; die Gesinnung von Hilfsbereitschaft und Solidarität; die Einstellung von Redlichkeit und Zuverlässigkeit; die Haltung von institutionalisierter Offenheit, andere Interessen und Sichtweisen anzuhören, zu verstehen und darin das Verfolgen der eigenen Ziele zu integrieren; das Bewusstsein für die Freiheit und die mit ihr korrelierte Verantwortung; die Pflege hoher Rechtssicherheit und wirtschaftlicher Flexibilität; die Kultur des Engagements der Bürger und hoher sozialer Sicherheit. So hat sich die Schweiz immer wieder befruchtet, ist gewachsen, hat sich neuen Umständen angepasst und weiterentwickelt. Und so hat sich das relativ kleine Land immer wieder als «David» im Wettbewerb mit «Goliath»-Kulturen und -Standorten behaupten können.

Was die Schweiz über die Jahrhunderte stark gemacht hat, sind ihre Menschen und ihr Wille, bei allen eigenen Interessen und unternehmerischen Initiativen stets das Ganze im Auge zu behalten. Diese Einsicht ist meiner Ansicht nach die Grundlage der Lebensqualität in der Schweiz, ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entfaltung, ihrer Innovationskraft und internationalen Wettbewerbsfähigkeit, ihrer Ausstrahlungs- und Anziehungskraft. Jeder einzelne Mensch und Bürger kann viel beitragen zu jener Schweiz, die er seinen Kindern und Kindeskindern dereinst als Heimat wünscht. 

 

* Vgl. Helvetische Geopolitik? Sonderthema 8, Dezember 2012; Reformideen – Rohstoff für die Schweiz, Sonderthema 9, Februar 2013.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»