Die Schreckensutopien
Hermann Lübbe. Bild Universität Oldenburg.

Die Schreckensutopien

Rückblick auf das Orwell-Jahr

Der eindrucksvollste Beleg für die Dominanz der Schreckensutopie im literarischen Ausdruck zeitgenössischer Zukunftserwartung ist das Orwell-Jahr 1984, das wir inzwischen nicht mehr besorgt zu erwarten brauchen, vielmehr in der Rückschau gelassen analysieren können. Orwells «1984» ist gewiss ein Roman von literarischem Rang. Aber seine Qualität erklärt nicht das weltweite, medienbeherrschende Echo, das das Buch in seinem Titeljahr fand. Einzig unsere unabhängig von diesem Buch gesteigerte Bereitschaft zur Resonanz auf apokalyptische Ankündigungen macht die Orwell-bezogenen Medienereignisse des Jahres 1984 plausibel. Dabei reichte das Medium «Literatur» bei weitem nicht aus, um unseren gesteigerten Bedarf an Konfrontation mit den Schrecken der Zukunft zu bedienen. Diese Schrecken sind – auch heute noch – omnimedial präsent, massenwirksam in den elektronischen Medien, im Fernsehen vor allem.

Das lässt sich durch Hinweise auf einschlägige Spektakel veranschaulichen. Als die harmloseste Sorte filmisch dargebotener Zukunftsschrecken dürfen die Naturkatastrophenfilme gelten. Seebebenwellen reissen mit ihren am Kontinentalsockel entstehenden Brechern die Zivilisation ganzer Küstenstreifen in den Ozean. Im Rücken der ostpazifischen Platte, die unter den nordamerikanischen Kontinent drängt, geht Kalifornien unter. Erneut ist eine Kollision unserer Erde mit einem Kleinplaneten zu erwarten, wie sie sich ja auch früher schon nach Auskunft unserer Geologen gelegentlich ereignet hat – nicht weit vom Alpenrand zum Beispiel im Nördlinger Ries. Nun steht aber nicht das Überleben von Dinosauriern auf dem Spiel, vielmehr die Existenz unserer eigenen Spezies.

Nachdem mit dem historischen Bewusstsein in eins auch das naturhistorische Bewusstsein für die moderne Kultur spezifisch geworden ist, sind uns freilich Gedanken nicht nur ans unvermeidliche Ende unserer eigenen Individualität, vielmehr darüber hinaus auch ans ebenso unvermeidliche Ende unserer ganzen Art durchaus vertraute Gedanken1. Friedrich Engels fand Tröstung im Zusatzgedanken, dass das im Feuer kosmischer Katastrophen verglühende Leben dereinst in der Umgebung anderer Sonnen auf neuen Planeten wieder erblühen werde2. Insofern lassen sich Naturkatastrophenutopien noch am ehesten als künstlerische Illustration von Zukunftsschicksalen unserer Spezies auffassen, die, so oder so, wie unser individueller Tod unabwendbar sind und deswegen auch nicht in spezieller Weise beunruhigend. Ganz anders steht es mit kollektiven Katastrophen, bei denen die von ihr betroffene Art zugleich das Subjekt ihrer Herbeiführung ist. Solche Katastrophen sind sowohl in intellektueller wie auch in moralischer Hinsicht ungleich interessanter, und das einschlägige Interesse wird schreckensutopisch von den modernen Kriegsvisionen bedient. Entsprechend ist uns das Verglühen der Zentren unserer Zivilisation in den Feuerbällen von Wasserstoffbomben als Leinwandereignis längst vertraut, oder auch das sich anschliessende millionenfache Siechtum der in den Randbereichen des atomaren Feuers zunächst Überlebenden – unter einem sich verdunkelnden Himmel, hungernd, frierend und mit Schwären bedeckt.

Endzustände

Lässt sich das noch überbieten? Durchaus! Die äusserste Empfindung des Grauens wird von der schreckensutopischen Schilderung gesellschaftlicher Endzustände ausgelöst, die den Schrecken nicht als Katastrophe, sondern, nach dem Muster traditionsreicher Höllenbilder, als Dauerzustand präsentieren. Dafür eignen sich Endzustände politisch-sozialer Art, wie sie auf einer hoffnungslos übervölkerten, ausgebeuteten und verwüsteten Erde herrschen mögen: der perfekt gewordene Polizeistaat, in welchem als Einheitsnahrung «Soilent Green» verabreicht wird – ein parfümiertes Fett- und Eisweisspräparat aus nahrungsindustriell perfektioniertem Leichenrecycling. Euthanasie ist in dieser Welt die gewöhnliche, moralisch verbindliche und politisch propagierte Todesursache. Wer die Euthanasie wählt, gewinnt das Privileg, für einen, für den letzten Tag dem grauen Elend des alltäglichen Lebens entfliehen zu dürfen. Man liegt noch einmal in einem richtigen Bett und erhält mit der Spritze, die einen verdämmern lässt, eine letzte richtige Mahlzeit, auf die Zimmerwand werden Bilder heiler Natur projiziert, Butterblumen, die sich im Frühlingswind wiegen, und zu Klängen aus Beethovens «Pastorale» schlummert man sanft dem Recycling entgegen.

Das alles wäre natürlich nicht verkaufs- und damit produktionsfähig, wenn es nicht jene Gestimmtheit gäbe, die uns für dergleichen…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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