Die sauren Beine machen stolz
Es beginnt mit einem Plan für eine Velotour, der aus dem Ruder läuft. Drei Pässe und 3600 Höhenmeter später weiss ich: Um Höhepunkte zu geniessen, muss man sich manchmal zum Leiden zwingen.
Zum Glück haben wir diese Route gewählt, denke ich, als wir den Kinzigpass von Schwyz nach Uri hinaufkeuchen. Hinter uns liegt Muotathal. Dort würde ein Bus fahren, doch der Weg nach Hause wäre lang und umständlich. Wären wir von der anderen Seite gekommen, wäre die Versuchung, umzukehren und in Altdorf den Zug zu nehmen, wesentlich grösser gewesen. Leiden fällt einem leichter, wenn einem nicht viel anderes übrigbleibt. Und so strampeln mein Kollege und ich weiter den steilen Schotterweg hinauf Richtung Passhöhe.
Natürlich haben wir uns das alles selber eingebrockt. Am Anfang stand der Plan, mit unseren Velos den Klausenpass zu erklimmen, der von Uri nach Glarus führt. An einem Tag im Jahr ist dieser für den motorisierten Verkehr gesperrt, sodass man als Velofahrer ungestört über den Pass radeln kann. Eine Gelegenheit, die wir nicht verpassen wollten.
Dann fiel uns ein, dass der Pragelpass, der von Glarus nach Muotathal führt, am Wochenende ebenfalls autofrei ist. Man kann die beiden also kombinieren. Fehlt nur noch die Verbindung zwischen Muotathal und Schächental. Da uns der Weg dem Vierwaldstättersee entlang zu wenig attraktiv erscheint, entscheiden wir uns für die Route über den Kinzigpass; dieser ist praktischerweise ebenfalls autofrei (warum, werden wir noch früh genug erfahren).
Unsere Mission: drei Pässe an einem Tag, 3600 Höhenmeter. Als ich die Route auf der Schweiz-Mobil-App zeichne, gibt mir diese – inklusive Anfahrt – einen Zeitbedarf von 23 Stunden an. Meine Selbstzweifel wachsen. Doch ich rede mir ein, dass die App stets viel zu konservativ rechnet – ich bin ja kein Rentner mit Übergewicht.
«Als ich die Route auf der Schweiz-Mobil-App zeichne, gibt mir diese einen Zeitbedarf von 23 Stunden an. Meine Selbstzweifel wachsen.»
Auf den Spuren von Suworow
Und so brechen wir an einem Sonntagmorgen im September um 7.30 Uhr vom Zürcher Oberland in Richtung Glarnerland auf. Das Wetter ist besser als erwartet; es rieselt leicht, doch der Regen hört schon bald auf. Nach knapp zwei Stunden erwartet uns der erste Aufstieg in Richtung Pragelpass. Es ist ein angenehmer Pass, nicht zu steil, nicht zu lang. Nach gut einem Drittel des Anstiegs erreichen wir den Klöntalersee. Die Sonne scheint inzwischen, es ist warm, und fast möchte man sich mit einem Sprung in den See erfrischen. Doch der Berg beziehungsweise der Pass ruft. Immerhin können sich unsere Beine auf der flachen Strecke dem See entlang etwas erholen.

Die schmale Passstrasse führt durch Wälder und an Kuhweiden vorbei. Angesichts der rund 70 Kilometer, die wir bereits in den Beinen haben, erinnert uns der Körper daran, dass die Energiereserven wieder aufgefüllt werden sollten. Hunger! Doch mehr als ein kleiner Snack liegt nicht drin, denn um Gewicht zu sparen, haben wir nur wenig Proviant eingepackt.
Kurz nach 11 Uhr erreichen wir die Passhöhe. Doch wo genau ist der höchste Punkt? Der Pragelpass ist eher eine Hochebene beziehungsweise ein Hochmoor; sicherlich eine der schönsten Passhöhen der Alpen. Lange geniessen wir die Landschaft aber nicht. Auf einer schmalen, steilen Strasse, die durch einen Wald führt, gleiten wir hinunter ins Muotatal. Die Abfahrt ist eine janusköpfige Freude, denn im Hinterkopf wissen wir, dass wir all diese Höhenmeter am Kinzigpass wieder hinaufstrampeln werden müssen.
Vorher stärken wir uns in Muotathal aber noch mit Älplermagronen, Sandwiches, Obst und Nussgipfel. Nun fühlen wir uns (einigermassen) bereit für die rund 1500 Höhenmeter auf den Kinzigpass.
Über diesen Pass war übrigens der russische General Suworow 1799 mit seinen Truppen während des Zweiten Koalitionskrieges im Kampf gezogen. Suworows Armee war von Italien über den Gotthard gekommen, den sie von den Franzosen erobern konnte. Der Plan war, sich mit den Truppen von General Korsakow sowie den österreichischen Verbündeten zu vereinigen und gemeinsam Zürich einzunehmen. In Altdorf musste Suworow allerdings feststellen, dass der Weg entlang des Vierwaldstättersees, der auf seiner Karte eingezeichnet war, gar nicht existierte. So zog er über den Kinzigpass nach Muotathal. Dort erreichte ihn die Hiobsbotschaft, dass seine Verbündeten von der französischen Armee geschlagen worden waren. An einen Angriff auf Zürich war nun nicht mehr zu denken, vielmehr wurde Suworow vom Jäger zum Gejagten. Er floh mit seiner Armee über den Pragelpass, machte also den umgekehrten Weg wie wir heute – notabene auf Wegen, die damals sicher noch nicht so gut ausgebaut waren wie heute. Am Ende musste er auch noch über den Panixerpass, bis er sich und seine Soldaten in Graubünden und schliesslich in Österreich in Sicherheit bringen konnte.
Anfangs ist der Weg noch asphaltiert, danach nur noch ein Kiesweg, der vorbei an zahlreichen Alphütten und über Kuhweiden führt. Das Bergpanorama ist atemberaubend; doch mit bereits einem Pass in den Beinen und auf einem Schottersträsschen, das immer steiler wird, fällt es schwer, die Landschaft zu geniessen.
Der immer steiler werdende Anstieg nagt an der Substanz. Doch abzusteigen verbietet die Velofahrerehre. Es bleibt uns nichts anderes übrig als weitermachen, durchbeissen.
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erreichen wir die Passhöhe. Vor uns tut sich die Aussicht ins Schächental und auf die Urner Alpen auf. Ein Panorama für die Götter, das wir nun in vollen Zügen geniessen können.
«Das Bergpanorama ist atemberaubend; doch mit bereits einem Pass in den Beinen und auf einem Schottersträsschen, das immer steiler wird, fällt es schwer, die Landschaft zu geniessen.»
Der letzte Anstieg
Doch Moment: Noch fehlt ja ein Pass. Und so nehmen mir nach einer kurzen Pause die Abfahrt in Angriff. Der Weg mündet bei Unterschächen in die Klausenpassstrasse. Technisch gesehen bescheissen wir damit ein wenig, denn wir sparen uns auf dieser Route einen Teil der Höhenmeter auf den Klausen. Doch in diesem Moment interessieren uns solche technischen Details herzlich wenig – einen weiteren Aufstieg wie auf den Kinzigpass würden unsere Beine nämlich nicht mehr hergeben. Die «nur» 700 Höhenmeter bis zur Passhöhe fühlen sich jedenfalls noch anstrengend genug an.
Um 17 Uhr, neuneinhalb Stunden nach dem Start, stehen wir oben auf dem dritten und letzten Pass. Wir sind fix und fertig, aber glücklich.

Doch noch fehlt der Weg zurück nach Hause. Wir nehmen die Abfahrt nach Linthal in Angriff und fahren von dort durchs Glarner Haupttal hinab. Natürlich könnten wir nun mit dem Velo bis ganz nach Hause fahren. Aber erstens bringt uns das kaum mehr zusätzliche Höhenmeter auf unser Konto, zweitens kann man uns nach 155 Kilometern und 3600 Höhenmetern schwerlich mangelnde Wehleidigkeit vorwerfen und drittens ist die Zeit weit fortgeschritten, und auch wenn wir nicht die angedrohten 23 Stunden unterwegs waren, warten doch unsere Familien zu Hause. Dort ist dann wieder eine andere Form von Resilienz gefragt.
Und so machen wir in Glarus Feierabend und setzen uns in den Zug. Mit dem wohlverdienten Bier in der Hand lassen wir den Tag nochmals Revue passieren. Er hat uns einiges an Leidensfähigkeit abverlangt. Aber die grandiosen Berglandschaften und der Stolz auf das Erreichte machen die müden Beine mehr als vergessen.