Die Säkularisierung des Geldes

In der Moderne wird die Welt gemessen in Geld. Weil alles ein identisches Wertmass erhält, kann es mit allem getauscht werden. Dabei allerdings findet eine Verkehrung statt. Denn das Wertmass entwertet zugleich: wertvoll ist folglich allein, was einen Geldwert besitzt. Schon der Philosoph Georg Simmel kam zum Schluss, die Geldwirtschaft könne als neue Religion bezeichnet […]

In der Moderne wird die Welt gemessen in Geld. Weil alles ein identisches Wertmass erhält, kann es mit allem getauscht werden. Dabei allerdings findet eine Verkehrung statt. Denn das Wertmass entwertet zugleich: wertvoll ist folglich allein, was einen Geldwert besitzt. Schon der Philosoph Georg Simmel kam zum Schluss, die Geldwirtschaft könne als neue Religion bezeichnet werden, die alle sozialen und individuellen Beziehungen berühre. Hier setzt Aldo Haesler an, ein Ungläubiger, welcher der Kirche des Geldes nie beigetreten ist. Seit Jahrzehnten müht sich der Soziologe, der an der Universität von Caen lehrt, am Geld ab. Sein neues Buch ist nicht nur eine essayistische Soziologie des Geldes, sondern auch eine persönliche Forschungsgeschichte und Summa, die das Diaphane und Unsichtbare des von seiner Substanz zunehmend befreiten Papiergeldes von heute betont. Geld ist stofflos, entstofflicht, ohne Geschichte, nicht mehr als ein Versprechen – es gehört zu den Absurditäten der Materialisten, dass sie diesem Immateriellsten anhängen.

Dem entspricht, dass die Notenbanken, wie weiland der liebe Gott die Welt, ihr Geld aus dem Nichts schaffen, als creatio ex nihilo, wobei nicht immer klar wird, ob sie dabei Gott oder Teufel spielen. Aber Haesler geht es nicht um antikapitalistisches Geraune, wie es eine entschlossene Ignoranz etwa der Kulturszene seit je zu produzieren weiss. Er unternimmt zwar beherzte Angriffe auf kapitalistische Mythen und das angemasste Heiligtum des Marktes, sein Ziel ist jedoch die Säkularisierung des Geldwesens, nicht die Inquisition. Viele vermeintlich wirklichkeitsgestählte Dogmen der Wirtschaft zeigen sich ihm als fiktionale Gebilde und erinnern an eine Lügendichtung, die einzig beglaubigt wird von der Behauptung ihres Autors, er erzähle zwar nichts als Lügen, das aber sei wahr. Die angemasste Autorität der Geldwirtschaft, ihr Totalitätsanspruch, ist folglich wie alle Totalitätsansprüche im Namen eines denn doch breiter und bunter konzipierten Lebens in die Schranken zu weisen. Wenn Wirtschaft nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass alle an ihre Funktionen glauben, trüge ein sich seuchenartig verbreitender, geradezu ketzerischer Unglauben allerdings nicht zur Stabilität des Ganzen bei.

Deshalb ist Schweigen systemrelevant; deshalb gehören für Haesler Geldsachen zu den «letzten Tabus» einer enttabuisierten Zeit. Geld sei die Pandorabüchse, und es bestehe ein allgemeines Interesse daran, ihren Deckel nicht zu lüften. Er vermutet, das Tabu gründe in der Furcht der Moderne vor Aufdeckung der Kontingenz, und behauptet, nach der grössten Krise der Wirtschaftsgeschichte würden noch immer die falschen Fragen gestellt. Man ginge der entsachlichten Sache selbst nicht auf den Grund: der eine wolle den Finanzkapitalismus reformieren oder abschaffen, der andere den Bankensektor verstaatlichen, der dritte setze auf die massive Besteuerung spekulativer Gewinne. Dabei gelte es, die Auswirkungen des Geldes auf unser Denken, unsere Denkstrukturen überhaupt zu prüfen.

Haesler verschafft dem Leser keinen Frieden beruhigend ordnender Antwort. Seine Ausflüge zur Symbolik und Diabolik eines so tief ambivalenten Phänomens bergen vielmehr den Keim der Verstörung. Dabei meidet er die Glossen und Bonmots über Geld, die Binsenwahrheiten und Geistreicheleien und verurteilt auch das mit dem Schein von Seriosität hochstaplerisch verbundene Herunterleiern von Börsenzahlen und ökonomischen Grössen. Der Wert dieses ungemein anregenden Buchs liegt weniger in den Thesen, zu denen es vorstösst, als in der Fülle der Aspekte, die es namhaft macht. Vor allem ist es ein stilles Plädoyer für das Unvergütbare und Unverkäufliche, das, was sich vormodern und postmodern dagegen verwahrt, in Geld gemessen zu werden.

 

Aldo Haesler: Das letzte Tabu. Ruchlose Gedanken aus der Intimsphäre des Geldes. Frauenfeld: Huber, 2011.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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