Die Rösti als Erinnerungsort

Die Idee ist nicht neu. Vor über zehn Jahren erschien in Frankreich, herausgegeben vom Historiker Pierre Nora, ein umfangreiches Werk in drei Bänden, unter dem Titel «Les lieux de mémoire». Unterstützt von zahlreichen wissenschaftlichen Mitarbeitern, unternahm es Nora, gewisse «Erinnerungsorte» der französischen Geschichte in kurzen Aufsätzen vorzustellen. Unter «Erinnerungsorten» verstand er bestimmte historische Tatbestände, Personen und Mythen, die er als zum Fundus des kollektiven Bewusstseins seiner Nation gehörig betrachtete. Vollständigkeit war nicht angestrebt; aber ein gewisser Ehrgeiz war unverkennbar, all das zu erfassen, was die geschichtlich gewachsene nationale Identität ausmacht. Dem erfolgreichen französischen Vorbild folgten 2001 drei von den Historikern Etienne François und Hagen Schulze herausgegebene Bände über «Deutsche Erinnerungsorte». Das deutsche Werk war weniger ambitiös als das französische, basierte aber auch auf der Mitarbeit namhafter Historiker.

Nun hat der Basler Historiker Georg Kreis, diesmal im Alleingang, ein Buch über «Schweizer Erinnerungsorte» geschrieben. Der wissenschaftliche Leistungsausweis dieses Historikers ist so unbestritten, seine Kenntnis schweizerischer Geschichte und Zeitgeschichte ist so imponierend, dass Georg Kreis es sich leisten kann, das Thema locker anzugehen, mit dem spürbaren Bedürfnis, sich selbst und seinen Lesern ein Vergnügen zu machen. Er hat insgesamt 26 schweizerische «Erinnerungsorte» ausgewählt, unter anderem «Rütli», «Heidi», «Solddienste», «Bernhardiner», «Grand Hôtel», «Rösti», «Soldatenmesser», «Swissair», «Bankgeheimnis». Diesen und andern «Erinnerungsorten» widmet er Essays, die unterschiedlich lang und verschiedenartig strukturiert sind. Einmal fasst er sein Thema weit – so, wenn er unter dem Stichwort «Solddienst» auch die Fremdenlegion und das Heimweh ins Auge fasst; dann wählt er ein bestimmtes Beispiel, etwa wenn er sich unter dem Stichwort «Grand Hôtel» auf das Grand Hôtel von Locarno beschränkt. Einmal betont er die Gegenwart, etwa wenn er beim Stichwort «Rösti» die Diskussion über den «Röstigraben» ins Zentrum rückt; oder er schaut in die Vergangenheit, etwa wenn er der Herkunft der Bernhardinerhunde nachspürt.

Natürlich weiss Kreis, dass der Begriff «Erinnerungsort» wissenschaftlich unscharf ist und dass jede Nation, jeder Kanton, jedes Individuum sich eigene «Erinnerungsorte» schaffen kann. So wird denn keine These und keine abschliessende Erkenntnis formuliert; aber wir erfahren aus Kreis’ Buch viel Interessantes und Vergnügliches zur Schweizer Geschichte, und wir lernen begreifen, dass Geschichte kein abgeschlossener, objektiv feststellbarer Tatbestand ist, sondern das wandelbare Bild, das unsere Erinnerung sich von einem vermeintlich solchen macht.

Georg Kreis: «Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness». Zürich: NZZ Libro, 2010

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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