Die Reichen, der Homo oeconomicus und wir Almosenempfänger

Die Reichen. Eine unscheinbare Wendung ist mit voller Wucht zurück. Bürger, Medienleute und Politiker, die nicht klassenkämpferisch veranlagt sind, sondern bloss den Zeichen der Zeit folgen, arbeiten an der Konstruktion eines neuen diskursiven Feindbildes. Man beachte die Verwendung des bestimmten Artikels. Es ist nicht die Rede von Leuten, die mehr oder weniger leisten, besser oder […]

Die Reichen. Eine unscheinbare Wendung ist mit voller Wucht zurück. Bürger, Medienleute und Politiker, die nicht klassenkämpferisch veranlagt sind, sondern bloss den Zeichen der Zeit folgen, arbeiten an der Konstruktion eines neuen diskursiven Feindbildes. Man beachte die Verwendung des bestimmten Artikels. Es ist nicht die Rede von Leuten, die mehr oder weniger leisten, besser oder schlechter verdienen, mehr oder weniger besitzen. Es ist die Rede von DEN Reichen. Was sie tun, wer sie sind und was sie bewegt, interessiert nicht; von Interesse ist bloss, dass sie haben. DIE Reichen bilden eine eigene homogene Gruppe, eine eigene Klasse. Und die Logik des Diskurses geht so: Diese Klasse hat sich vom Rest der Gesellschaft verabschiedet. Darum muss sie sich auch nicht wundern, wenn sich nun der Rest der Gesellschaft von ihr verabschiedet. DIE Reichen haben anderen genommen. Darum ist es an der Zeit, DEN Reichen zu nehmen. – Der neue gesellschaftliche Diskurs formiert sich in den Massenmedien mit grosser Unbekümmertheit. Wenn von DEN Reichen die Rede ist, schwingt stets der Ton sozialer Ächtung mit. Kaum mehr jemand bezeichnet sich deshalb freiwillig selbst als reich. DIE Reichen sind stets die anderen. So kann sich die diskursive Formation ungehindert immer weiter etablieren. Am Ende müssen Leute, die viel geschuftet, geleistet oder einfach Glück gehabt haben, sich ungeachtet ihrer unterschiedlichen Interessen, Haltungen und Schicksale tatsächlich zu einer Gruppe bekennen – als bedrohte Minderheit.

Der Homo oeconomicus, an den kein einziger seriöser Ökonom und Unternehmer jemals geglaubt hat, ist zur Leitfigur staatlichen Handelns geworden. Die Grundidee: der Mensch ist ein anreizgetriebenes Wesen. Bekommt er mehr Geld, arbeitet er mehr. Bekommt er weniger Geld, arbeitet er weniger. Also braucht man bloss die Anreize für die Manager so zu setzen, dass ihr Nutzen mit jenem der Firma zusammenfällt, und alle profitieren. Wie wir mittlerweile wissen, funktioniert dieses simple mechanistische Denken nicht. Der Mensch, der nie ein solch simpler Homo oeconomicus war, hat sich jedoch derweil an die neuen Anreize gewöhnt und reagiert auf sie. Darum schlägt nun auch der Bund vor, widerspenstige Asylbewerber mit einem kleinen Bonus zu ihrem Glück zu zwingen. Abgewiesene Asylbewerber erhalten künftig 500 Franken Prämie, wenn sie sich ihrer rechtmässigen Ausschaffung nicht widersetzen. Der Kanton Genf will verurteilte Kleinkriminelle gar mit einem Bonus von 4000 Franken dazu anstiften, freiwillig in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Die Asylbewerber werden ihre Vergütungen maximieren. Sie werden ihre Verwandten schicken. Es wird (noch mehr) Leute geben, die mit Einreisehilfen Geschäfte machen. Die anreizgetriebenen Asylbewerber werden also den Staat an der Nase herumführen. Aber das soll man ihnen bitte schön nicht zum Vorwurf machen. Sie handeln so, wie es sich der Staat wünscht: als Homo oeconomicus.

Nun wurde also in der Schweiz endlich die Initiative lanciert, die ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert. Auch hier treffen wir auf das Menschenmodell des Homo oeconomicus: Gib uns Geld, und wir werden uns entfalten können. Die Idee ist weltfremd, verdient jedoch Beachtung. Weltfremd ist sie nicht deshalb, weil sie unfinanzierbar wäre. Weltfremd ist sie vielmehr, weil die Initianten fordern, was längst verwirklicht ist. Wer in einem mitteleuropäischen Wohlfahrtsstaat lebt, verfügt heute dank ausgebauter sozialstaatlicher Leistungen über ein implizites Grundeinkommen (auch wenn es an einige Bedingungen geknüpft ist). Die Konstellation ist interessant. Reformfreudige Menschen sollten ernsthaft über diese Idee nachdenken: Jeder Bürger erhält 2500 Franken im Monat, und im Gegenzug wird der Sozialstaat abgeschafft. Allerdings bleiben ernsthafte anthropologische Zweifel. Philosoph Peter Sloterdijk nennt die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens trotz bester moralischer Intentionen deshalb «ein Attentat auf den Menschen», insofern der Mensch es verdiene, «als ein reiches Geschöpf, als ein Freiheitswesen und als ein Selbsthelfer verstanden zu werden». Der Mensch als Almosenempfänger? Das bekommt ihm nicht gut. In Zukunft nicht. Und auch heute schon nicht.

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»