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«Die Regulierungen sind bereits überholt, wenn sie in Kraft treten»
Timon Zimmermann, fotografiert von Daniel Wittmer.

«Die Regulierungen sind bereits überholt, wenn sie in Kraft treten»

Timon Zimmermann hat zwei Start-ups im Bereich künstliche Intelligenz mitgegründet. Er sieht die staatliche Förderung von Start-ups skeptisch. Stattdessen wünscht er sich einen Mentalitätswandel.

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Timon Zimmermann, nur 38 Prozent der Schweizer sehen Unternehmertum als eine gute Karriereoption an, während es in vergleichbaren Volkswirtschaften durchschnittlich 65 Prozent sind. Ein Grund sind die hohen Löhne, die das Unternehmertum weniger attraktiv machen. Nach einem Master in Datenwissenschaften an der ETH Lausanne (EPFL) hättest du einen gut bezahlten Job annehmen können. Was hat dich dazu motiviert, den Weg des Unternehmertums einzuschlagen?

Timon Zimmermann: Es war vor allem der Wunsch, ein bewusstes Leben zu führen, das heisst ein Leben, in dem meine Entscheidungen mit meinen persönlichen Zielen übereinstimmen. Durch das Unternehmertum behalte ich die Kontrolle über meinen Lebensweg und erhalte ein Gefühl von Freiheit und Kontrolle, das als Angestellter schwer zu erreichen ist. Ich glaube auch, dass die Jahre zwischen 20 und 40 entscheidend sind für die Gestaltung dessen, was danach kommt. In dieser Zeit ist es entscheidend, Chancen zu ergreifen, seine Komfortzone zu verlassen und sein Schicksal aktiv zu beeinflussen. Bewusst zu leben bedeutet, bewusst zu entscheiden, was man tut und warum, und die Herausforderungen und Risiken zu akzeptieren, die damit verbunden sind.

 

Bevor du an die EPFL gekommen bist, hast du zunächst eine Lehre als Bankkaufmann und dann als Informatiker absolviert. Inwiefern haben diese Erfahrungen deinen Werdegang beeinflusst?

Sehr stark. Als ich 15 Jahre alt war, wollte ich kein klassisches Studium absolvieren. Die Berufslehre ermöglichte es mir, in der Praxis zu arbeiten und konkrete Fähigkeiten zu erwerben. Nachdem ich in die Arbeitswelt hineingeschnuppert hatte, wurde mir klar, wie wichtig die theoretischen Grundlagen in Mathematik und Naturwissenschaften sind. Das motivierte mich, eine «Passerelle» zu machen, um an die EPFL zu gehen. Diese Schritte haben mir eine einzigartige Perspektive und eine grosse Motivation für mein Studium gegeben.

 

Zusammen mit Alen Arslanagic und Matteo Togninalli hast du 2018 noch während des Studiums dein erstes Unternehmen Visium gegründet. Erzähl uns mehr darüber.

Visium entstand aus der Beobachtung heraus, dass künstliche Intelligenz in der Industrie noch sehr wenig genutzt wurde, obwohl sie in der akademischen Welt das grosse Thema war. Ich hatte ein Netzwerk von sehr kompetenten Freunden an der EPFL, und Unternehmen suchten bereits nach Mitarbeitern in diesem Bereich. Ich begann, die beiden Welten zusammenzubringen: talentierte Studenten auf der einen Seite, Unternehmen auf der anderen. Was als einfache Dienstleistung begann, entwickelte sich schnell zu einem strukturierten Unternehmen. Wir sammelten Fachwissen und entwickelten wiederverwendbare modulare Elemente, was unsere Effizienz erhöht und uns von der Konkurrenz abgehoben hat.

 

Vergangenes Jahr hast du ein neues Unternehmen gegründet, MageMetrics. Worum geht es dabei?

Im Gegensatz zu Visium ist MageMetrics ein rein produkt- und nicht dienstleistungsorientiertes Unternehmen. Es handelt sich um eine Plattform, die KMU hilft, ihre Daten besser zu verwalten. Unsere Softwarelösung ersetzt chaotische Excel-Dateien durch eine effiziente Organisation, die auf KI-Modellen basiert. Meine Erfahrung mit Visium hat mir geholfen, wiederkehrende Probleme in verschiedenen Branchen zu erkennen und eine passende Lösung zu entwickeln.

 

Was gibt dir das Selbstvertrauen, in eine Branche einzusteigen, die von Tech-Giganten wie OpenAI, Google, Apple oder Microsoft dominiert wird?

Gegen diese Schwergewichte anzutreten, kann einschüchternd wirken. Es besteht immer die Gefahr, dass eine ihrer neuen Funktionen ein ganzes Produkt überflüssig macht. Der Schlüssel liegt meiner Meinung nach in der Spezialisierung. Die Lösungen dieser grossen Unternehmen sind horizontal, das heisst, sie sind nicht auf ein bestimmtes Gebiet oder eine bestimmte Branche zugeschnitten. Ein Start-up wie MageMetrics hebt sich ab, indem es vertikale Lösungen schafft, also diese Technologien so anpasst, dass sie den spezifischen Bedürfnissen einer Branche entsprechen.

 

Was sind aus deiner Sicht die nächsten grossen Entwicklungen im Bereich der KI?

Die Zukunft dieser Technologien, insbesondere in der Schweiz, liegt in einer stärkeren Vertikalisierung, insbesondere in Bereichen wie dem Gesundheits- oder Rechtswesen. Diese Branchen sind stark reguliert und manchmal wenig veränderungsfreudig. Doch sie bieten enorme Möglichkeiten für jene, die es schaffen, diese Hindernisse zu überwinden. In den USA setzen Start-ups bereits KI ein, um den Mangel an Allgemeinmedizinern zu lindern, indem sie diesen helfen, ihre Arbeitsbelastung effizienter zu bewältigen. Dieses Modell auf den Schweizer Markt zu übertragen, könnte äusserst vielversprechend sein.

 

Was würde das bedeuten?

Die Schweizer Regulierungen sind komplex. Das kann lokalen Firmen in die Hände spielen, da es die grossen internationalen Akteure davon abhält, in den Markt einzutreten. Ich denke, unsere Unternehmer sollten sich von dem inspirieren lassen, was im Ausland funktioniert, und es an die schweizerischen Rahmenbedingungen anpassen. Im Gegensatz zu dem, was viele denken, ist es kein Hindernis, wenn mehrere Unternehmen an einer Idee arbeiten, sondern eher ein Zeichen dafür, dass es einen funktionierenden Markt gibt.

 

Du hättest MageMetrics auch anderswo, zum Beispiel in den USA, gründen können. Warum bist du in der Schweiz geblieben?

In erster Linie, weil ich hier mein Netzwerk aufgebaut habe. Zwischen der EPFL, meinen beruflichen Erfahrungen und den Kontakten, die ich im Laufe der Jahre aufgebaut habe, profitiere ich von einem Ökosystem, das ich gut kenne und das mir eine gewisse Stabilität bietet. Der Zugang zu hochkarätigen Talenten spielt ebenfalls eine Rolle; die hier ausgebildeten Ingenieure gehören zu den besten der Welt. Darüber hinaus hat die Schweiz sehr dynamische KMU. Viele von ihnen verfügen über Innovationsbudgets und sind offen für die Zusammenarbeit mit Start-ups. Und schliesslich ist die Schweiz, obwohl einige Vorschriften die Innovation in bestimmten Bereichen bremsen, immer noch ein Land, in dem es relativ einfach ist, ein Unternehmen zu gründen und zu entwickeln. Ausserdem schätze ich die Lebensqualität in der Schweiz. Ein Unternehmen zu gründen bedeutet viel Arbeit und Stress. Daher ist es wichtig, an einem Ort zu sein, an dem ich mich wohlfühle.

 

Was sind die grössten Herausforderungen für Unternehmer in der Schweiz?

Die Verwaltungsprozesse sind manchmal etwas langsam. Ich finde es schade, dass alle Unternehmen unabhängig von ihrer Art ähnlich behandelt werden, zum Beispiel in Bezug auf Steuern oder administrative Anforderungen. Einige Länder haben eine Segmentierung nach Unternehmenstypen eingeführt, um Start-ups das Leben zu erleichtern und so Innovationen zu fördern. Ich halte das für eine gute Idee.

 

Ein weiteres vieldiskutiertes Problem ist der Mangel an Risikokapital. War das ein Hindernis für dich?

Es stimmt, dass die Risikoaversion in der Schweiz höher ist, vor allem bei Unternehmen, die sich noch in der Anfangsphase befinden. Investoren in der Schweiz ziehen es in der Regel vor, zu warten, bis ein Geschäftsmodell bewiesen ist, wie zum Beispiel ab einer Series-A- oder Series-B-Finanzierung, wo dann viel Kapital zur Verfügung steht, manchmal sogar mehr als in anderen Ländern. Diese Situation erzeugt Stabilität, erschwert aber die Finanzierung von Start-ups in der Frühphase.

 

Sollte der Staat in dieser Hinsicht eine Rolle spielen?

Ich habe gemischte Gefühle, was das Eingreifen des Staates in die Innovation angeht, insbesondere was die Verteilung von Subventionen und Start-up-Wettbewerbe angeht. Diese Initiativen sind zwar in einigen Fällen nützlich, halten aber manchmal «Zombie»-Unternehmen am Leben, ohne dass sie sich wirklich entwickeln. Der Staat sollte gute Rahmenbedingungen gewährleisten, aber Geld zu verteilen, ist nicht immer der beste Ansatz. Ich denke, es braucht vor allem einen Mentalitätswandel: Private Investoren müssen eine grössere Risikobereitschaft entwickeln.

 

Ganz zu schweigen von den Pensionskassen …

Das ist richtig. Die Pensionskassen in der Schweiz investieren sehr wenig in gelistete Unternehmen oder Risikokapital, vor allem wenn man sie mit anderen Ländern vergleicht. Das ist ein gutes Beispiel für die angesprochene Risikoaversion.

 

Auf politischer Ebene gibt es viele Bewegungen, die Innovationen misstrauen und sie manchmal sogar bremsen wollen, zum Beispiel aus ökologischen oder ethischen Gründen. Was denkst du darüber?

Die Entwicklung der KI blockieren zu wollen, ist, als würde man versuchen, eine Flutwelle mit den Händen aufzuhalten. Die Wirtschaft wird diese Technologien weiter nutzen, solange sie einen Wert schaffen. Überregulierung kann zu einer Abwanderung von Talenten und Kapital führen, insbesondere in einem globalisierten Markt. Eine völlige Abwesenheit von Regulierung ist jedoch nicht wünschenswert. Es geht darum, angemessene Standards zu verabschieden, aber die Langsamkeit der derzeitigen Prozesse ist ein Problem. Es kann Jahre dauern, bis Regulierungen eingeführt werden, während sich die Technologie rasant weiterentwickelt. Diese Verzögerung führt dazu, dass die Regulierungen bereits überholt sind, wenn sie in Kraft treten. Ausserdem glaube ich, dass eines der grössten Probleme der Mangel an Fachwissen in den politischen Diskussionen ist. Allzu oft sind es Debatten zwischen Politikern oder der Verwaltung, in die keine Experten oder Unternehmer einbezogen werden.

 

Was ist für dich das Interessanteste daran, Unternehmer zu sein?

Der Aufbau eines Teams. Die richtigen Leute zusammenzubringen ist wie ein Puzzle zu lösen: die Talente finden, die perfekt zusammenpassen, herausfinden, was jeder beiträgt, und eine Dynamik schaffen, mit der eins plus eins viel mehr als zwei ergibt. Diese menschliche Erfahrung, die Personalbeschaffung und die Tatsache, dass ein Team zusammen funktioniert, ist es, was mich am meisten fasziniert. Natürlich liebe ich KI und Datenwissenschaft, aber im Grunde könnte ich in fast jedem Bereich tätig sein, wenn dieses menschliche Abenteuer im Mittelpunkt steht.

 

Welche Fähigkeiten suchst du bei den Leuten, die du einstellst?

Eine unternehmerische Ader. Es mag manche Manager abschrecken, Leute einzustellen, die davon träumen, eines Tages ihr eigenes Unternehmen zu gründen, aber ich sehe das als eine Qualität an. Diese Leute sind oft einfallsreich, lernen am Arbeitsplatz und brauchen keine strikten Vorgaben, um voranzukommen. Sie fühlen sich in der Ungewissheit wohl, finden selbst Lösungen und erwarten nicht, dass ich ihnen alle Antworten gebe. Das ist genau die Art von Profil, die man in einem Start-up braucht, vor allem am Anfang, wenn noch alles unklar ist.

 

Und was ist die wichtigste Fähigkeit, die du selber entwickelt hast, um erfolgreich zu sein?

Die Fähigkeit zu verkaufen: einen Kunden davon zu überzeugen, ein Produkt zu kaufen, einen Investor davon zu überzeugen, das Unternehmen zu finanzieren, oder ein Team davon zu überzeugen, an eine Vision zu glauben. Alles hängt davon ab, Vertrauen zu schaffen. Dazu gehören natürlich technische Fähigkeiten, aber auch die Fähigkeit, etwas allgemein verständlich zu machen, Ideen klar zu präsentieren und starke Beziehungen aufzubauen. Ich glaube, dass diese sogenannten Soft Skills immer wichtiger werden, auch für technische Profile.

 

Welchen Rat würdest du dem jungen Timon Zimmermann im Rückblick geben?

Ich würde ihm raten, sich nicht auf die Idee zu konzentrieren, dass man unbedingt ein Netzwerk aufbauen müsse, indem man an Veranstaltungen teilnehme oder möglichst viele Gelegenheiten zum Networking suche. Das wird oft überbewertet und kann zur Verzettelung führen. Ein gutes Netzwerk ist das natürliche Ergebnis von guter Arbeit. Als ich Visium gründete, habe ich mich fünf Jahre lang voll in die Arbeit gestürzt. Danach hatte ich ein solides Netzwerk von Menschen, mit denen ich etwas geschaffen hatte. Menschen, die einen Wert schaffen, sind oft zu sehr mit ihren eigenen Projekten beschäftigt, um Zeit an Networking-Veranstaltungen zu verbringen. Ich würde also sagen: Konzentriere dich auf das Wesentliche, auf die gute Arbeit, und die guten Begegnungen werden ganz natürlich folgen.

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