Die Regenerationsmaschine

Die Regenerationsmaschine

Wird eine Eidechse bedroht, kontrahiert sie im hinteren Körperbereich den Ringmuskel und stösst damit ihren Schwanz ab. Innert kurzer Zeit wächst der Schwanz jedoch wieder nach – er regeneriert. Muss einem Patienten wegen eines Tumors ein grösserer Teil der Leber chirurgisch entfernt werden, wächst auch diese wieder nach – die Leber regeneriert, Grösse und Funktion werden wiederhergestellt. Wird infolge einer Durchblutungsstörung des Gehirns ein Teil der Nervenzellen zerstört, resultiert hingegen ein dauernder Defekt. Unterschiedliche Organe haben eben ein unterschiedlich grosses Regenerationspotential.

Es gibt die Sage, dass einer Eidechse, wenn ihr der Kopf abgehauen werde, bis zu sieben Köpfe nachwüchsen. Damit wurde der Drachenmythos, das Symbol von Gefahr und Angst, geschaffen. Der Wunsch nach Regeneration schuf auch den Jungbrunnen, die Idee der Erneuerung und Auffrischung des alternden und gebrechlich werdenden Körpers. Heutzutage weckt die regenerative Medizin neue Hoffnungen. Erkrankungen sollen durch die Wiederherstellung funktionsgestörter Zellen, Gewebe und Organe geheilt werden – durch den Ersatz mit gezüchtetem Gewebe und durch die Anregung körpereigener Reparatur- und Regenerationsprozesse. Vor allem von der Stammzellenforschung – für die einen ein Segen, für die anderen gefährlicher als ein Drache – wird ein Durchbruch in der Erneuerung von Geweben und Organen erwartet.

Und die Universität – muss und kann sie sich regenerieren? Vor allem in mitteleuropäischen Ländern wird sie immer wieder krankgeredet. Tatsächlich bewältigt sie aber immer grössere Anforderungen: die Zahl der Studenten nimmt ständig zu, die Forschungsresultate führen zu einem immer besseren Verständnis der Welt und ermöglichen Innovationen, die noch vor Jahren unvorstellbar waren. Muss sich die Universität, da sie nicht degeneriert ist, deshalb nicht regenerieren? Keineswegs. Um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden, muss sie sich gleichsam fortwährend erneuern. Die Universität ist eine nie stillstehende Regenerationsmaschine.

Die Organisationsformen und die Inhalte der Universität ändern sich, konstant bleibt die Frage der Finanzierung der Universitäten, und konstant bleibt auch das primäre Ziel der Universität – die Suche nach der «Wahrheit». Derek Bok, der frühere Präsident der Universität Harvard, beschreibt in seinem Buch «Universities in the Marketplace» einen Albtraum. Er hatte von einem ehemaligen Absolventen der Universität einen günstigen Kredit angenommen. Als die erwarteten Gewinne aus der mit diesem Geld getätigten Investition ausblieben, forderte ihn der Geldgeber auf, an allen Hörsaaleingängen die Logos verschiedener Wirtschaftsunternehmen anzubringen. Bok erwachte schweissgebadet und war froh, dass die Geschichte nur ein Traum war.

Gewiss, auch was die finanzielle Seite angeht, muss sich die Universität immer wieder regenerieren. Doch darf dies nicht auf Kosten der Wahrheitssuche gehen. Universitäten müssen sich nach Möglichkeit gegen die gröberen Formen von Einmischung wirtschaftlicher oder politischer Interessen schützen. Denn nicht alles an einer Universität lässt sich regenerieren – wissenschaftliche Tugenden sind nicht einfach so regenerierbar wie ein Eidechsenschwanz. Die Universität als omnipotente Stammzelle: dies wäre eine falsche Vorstellung.

JOHANN STEURER ist ausserordentlicher Professor für Innere Medizin in Zürich.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»