Die Reaktoren spielen verrückt

Über die Kernschmelze des Journalismus

Die Reaktoren spielen verrückt

Reaktor 2 ist nun wieder in Ordnung, aber Reaktor 4 macht neuerdings Sorgen, während in Reaktor 1 gerade die Post abgeht. Und in Reaktor 6 braut sich etwas zusammen, obwohl er wie Reaktor 5 eigentlich ruhig sein sollte, was insofern gut ist, als in Reaktor 3 nach unbestätigten Angaben des Betreibers ein Teil des Sicherheitsmantels durch die Gegend fliegt. Das war aber vor 10 Minuten; gemäss dem News-Ticker sieht es im Moment so aus, dass Reaktor 5 wohl kritischer ist als 3 und das Abkühlbecken in Reaktor 1 schlimmer dran ist als der Druckbehälter in Reaktor 2. Und bei Reaktor 4 haben sich die Befürchtungen nicht bewahrheitet, während in Reaktor 6 im Moment gerade Dampf abgelassen wird, was in Tokio vorübergehend zu leicht erhöhter Strahlung im Freien führen könnte; dies alles, während im Reaktor 5 die Temperatur wieder steigt, was aber nach Angaben von Tepco noch unproblematisch ist, solange in Reaktor 6 das Abkühlbecken nicht ganz austrocknet.

Während beim Broccoli aus der Provinz Tohoku 700 Becquerel Verstrahlung gemessen wurden pro Kilo respektive Stunde, ist für die Hilfsarbeiter in Fukushima der Grenzwert auf 1000 Sievert hochgerechnet pro Einsatz gefahrlos, so sie denn nicht zum Broccoli greifen oder den Durst mit Leitungswasser aus Tokio löschen, wo die Werte mittlerweile der Einfachheit halber in Millisievert angegeben werden und nicht mehr in Kilobecquerel. Aber für uns besteht keine Gefahr, Japan befolgt ja schon freiwillig das neue US-Importverbot für Blumenkohl und Erdbeerjoghurt aus dem Bezirk Iwate, und die neuerdings strengen Kontrollen für tiefgekühlten Spinat aus der Gegend um Osaka haben bisher noch keine erhöhte Belastung ergeben, zumindest keine Werte, die nach Meinung der Fachleute zu einer Erhöhung des Krebsrisikos um mehr als 10 Prozent in 30 Jahren führen würden.

Bedauerlich hingegen, dass Arbeiter vor dem Betreten des unter Wasser gesetzten Inneren des Reaktorgebäudes 4 nicht mit Stiefeln ausgerüstet wurden, worauf dreien von ihnen die Sauce in die Schuhe lief, was aber nach vorläufigen medizinischen Untersuchungen nur äusserliche Verbrennungen verursachte. Weshalb wir uns wieder völlig, ähnlich einer Papstwahl, auf die Interpretation der Farbe des Rauchs konzentrieren können, der hellgrau aus Reaktor 2, dagegen dunkelgrau aus Reaktor 6 entweicht. Ohne genauere Informationen können wir im Moment aber nicht bestätigen, ob eine Kernschmelze eingesetzt hat, schon wieder aufgehört hat, ausser Kontrolle oder unter Kontrolle ist, Zutreffendes bitte später ankreuzen. Wir überbrücken diesen Moment der leichten Unklarheit mit einer interaktiven Graphik, die das Innenleben der Reaktoren verdeutlicht. Und wie fast immer findet die NZZ das endgültige Wort zur Lage in Fukushima: «Nach einem Erdbeben der Magnitude 9, einem Tsunami und mittlerweile drei gewaltigen Explosionen kann dort von Normalität keine Rede mehr sein.»

Videoschnipsel und News-Ticker

Von Normalität kann in erster Linie im Journalismus keine Rede mehr sein. Diese einleitende Realsatire ist Realität. Unmittelbarkeit wird mit Authentizität verwechselt, Geschwindigkeit mit Informationswert, in Liveschaltungen stehen völlig überforderte Reporter mit dem Mikrofon in der Hand vor wechselnden Kulissen, gerne auch im schützenden Hotelzimmer oder im Übertragungszentrum einer lokalen TV-Station. Das soll keine Kritik an ihnen sein, sie wurden zum Opfer eines ausser Rand und Band geratenen Journalismus, genauso wie der Zuschauer oder Leser.

Im verzweifelten Versuch, mit neuen Kommunikationsformen wie Twitter oder Facebook oder YouTube Schritt zu halten, übertragen die meisten TV-Stationen unverifizierte und nicht eingeordnete Videoschnipsel, während Printmedien im Internet zum News-Ticker greifen, beides Bankrotterklärungen des Journalismus. Das vermittelt dem Konsumenten den mehr als unangenehmen Eindruck, als klebe er mit der Nase am Bildschirm oder am Papier. Das stellt keine Nähe her, sondern Unübersichtlichkeit, löst Überforderung aus, bewirkt Verwirrung.

Ganz am Anfang dieser Entwicklung steht ein fundamentales Problem des Journalismus. Bearbeitete, zusammengefasste, eingeordnete, analysierte und kommentierte Realität bedeutet Leistung, die kann nicht gratis sein. Ist sie aber im Internet. Sämtliche Versuche der klassischen Printmedien, die Ergebnisse ihrer Bemühungen als zu bezahlenden Content ins Internet zu stellen, sind bislang gescheitert und werden weiterhin scheitern. Zum Beispiel die grosse «New York Times» hat innerhalb kurzer Zeit mehrfach ihre Strategie gewechselt. Sie stellte Anrisse ihrer Artikel ins Internet und verlangte Bezahlung für die vollständige Lektüre. Dann stellte sie tagesaktuelle Artikel gratis ein und verlangte Bezahlung für die Benützung des Archivs. Dann ermöglichte sie den vollständigen Gratis-Zugang zu sämtlichen Artikeln, inklusive Archiv. Und schliesslich kündigte sie wieder Kostenpflicht für die Lektüre an. Andere Organe versuchen es mit einer breiten Palette von ingeniösen Zwischenlösungen, alle mit dem Aufbau einer eigenen Online-Redaktion, nachdem immer klarer wurde, dass ein reines copy/paste des Printinhalts ins Internet auch nicht funktioniert. Lediglich der Platzhirsch im deutschen Sprachraum, die Online-Ausgabe des «Spiegels», behauptet, zumindest eine schwarze Null zu schreiben. Aber all das ist so absurd, wie wenn man einen Liter Milch beim Detailhändler holen und bezahlen oder im Internet gratis zugestellt bekommen könnte.

Die Fortsetzung dieser Entwicklung trägt den Namen Konvergenz. Während noch vor wenigen Jahren Print, Radio und bewegte Bilder drei verschiedene News-Gefässe waren, wächst immer mehr zusammen, was so nicht zusammengehört. Die Unmittelbarkeit einer Liveübertragung kann nicht die analytische Tiefe einer schriftlichen Analyse haben, die erarbeitete und durchdachte Stellungnahme des Fachmanns hat eine andere Qualität als das Radiointerview. Statt mit verschiedenen Geschwindigkeiten Tiefenschärfe herzustellen, zoomt der moderne Journalismus die Ereignisse so nahe wie möglich heran, tauscht Überblick mit Kurzsichtigkeit, ersetzt verschiedene Blickwinkel durch hektische Betriebsamkeit, senkt den Nutzwert von Informationen auf nahe null, produziert Instant- und Wegwerfnews, deren Haltbarkeit und Nachhaltigkeit auf die Dauer des Konsums zusammenschrumpft. Getreu der Devise: gerade passiert, schon serviert. Entsprechend überfüttert und verwirrt konstatiert der Konsument, dass er trotz Dauerbeschallung und Dauerflimmern auf allen Kanälen genau genommen keine Ahnung hat, was nun genau in Fukushima und Umgebung passiert ist, gerade passiert oder passieren wird.

Die mediale Vorhölle

Eine Ursache für diese Entwicklung liegt im Schleifen des harten Kerns der Medien. Alleine in der deutschen Schweiz wurden in den letzten Jahren viele Dutzend Redaktoren entlassen, ihre Stellen wegrationalisiert, freischaffende Journalisten eingespart. In geradezu orwellhaftem double speak wurde dies als Qualitätssteigerung durch Synergien verkauft, und die überlebenden Redaktoren schickte man in eine Art mediale Vorhölle: in den Newsroom. Hier entsteht das Rohmaterial der Medienprodukte, das dann, als handle es sich um eine Konservenfabrik, in die passenden Gefässe abgefüllt wird. Ein O-Ton, früher die Grundlage für ein bearbeitetes Interview, lässt sich viel schneller als Audio-File oder, wenn der Journalist bereits gezwungen wird, mit einer Kamera herumzulaufen, als Video ins Online-Angebot im Internet stellen. Die besten Sound-Bites bilden die Grundlage für einen zusammengegoogelten Printartikel für die abendliche Gratis-Pendlerzeitung. Wenn noch ein Fetzen Fleisch am Knochen ist, kann die Story dann etwas aufgemixt als sogenannter Weiterzug in der Morgenausgabe der Bezahlausgabe erscheinen, und wer weiss, vielleicht ist die Halbwertszeit noch nicht überschritten, das könnte dann noch als Aufguss in der Sonntagspresse Verwendung finden.

Ähnlich gebärdet sich der elektronische Journalismus. Für eine aktuelle Sondersendung über die Atomkatastrophe braucht es lediglich einen Moderator, der in der Lage ist, stammelfrei vom Teleprompter abzulesen und, ohne die Fassung zu verlieren, auch kleine Rumpler zur nächsten Liveschaltung zu überbrücken. Dazu im besten Fall eingekaufte, im Normalfall von YouTube gratis heruntergesaugte Videoclips, einen per Skype zugeschalteten Betroffenen vor Ort, vornehmlich von gleicher Nationalität wie die Mehrheit der Zuschauer. Und natürlich einen Experten, der aber in erster Linie nicht mit Fachwissen glänzen sollte, sondern mit der Fähigkeit, ohne allzu viele Fachausdrücke zu verwenden, in maximal 30 Sekunden, besser 15, seine qualifizierte Meinung abzugeben. Und bitte schön den Teil, in dem er darauf hinweist, dass er nur über unvollständige Informationen verfüge, deshalb bloss sehr unverbindliche Mutmassungen anstellen könne, so kurz wie möglich halten. Nicht zu vergessen die kritische Frage an den Politiker, ob sich eine ähnliche Katastrophe nicht auch im Einzugsgebiet der Zuschauer ereignen könne und welche Massnahmen er dagegen zu ergreifen gedenke. Dann noch eine Schalte zum Reporter vor Ort, der sich aber aus Sicherheitsgründen 500 Kilometer vom eigentlichen Geschehen entfernt befindet. Diese Distanz überspielt er aber locker mit den News, dass er gerade vor der Sendung mit einem Japaner gesprochen habe, der ihm seine tiefe Verunsicherung eingestanden hätte, womit wohl das allgemeine Empfinden sehr eindrücklich in Worte gefasst sei.

Auch das ist keine Realsatire, sondern Realität. Nur hat das alles nichts mit einer Beförderung des besseren Verständnisses der Wirklichkeit zu tun. Sondern mehr mit einer Kernschmelze des Journalismus.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»