Die parasitäre Dichtung J.M. Coetzees

Bemerkungen zum Träger des Literaturnobelpreis 2003 Coetzee erzählt nicht Geschichten, die die Realität nachahmen, sondern Geschichten über Geschichten, die schon andere erzählt haben. Mit dieser Strategie gelingt es ihm,
so die Lobrede der Schwedischen Akademie, «die Teilhaftigkeit des Menschen an der Vielfalt des Daseins in oft überrumpelnder Weise» zu porträtieren.

Mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den Südafrikaner John Maxwell Coetzee hat die schwedische Akademie unwissentlich einen Autor gewürdigt, dessen Werk die Literatur schlechthin in Frage stellt. Mehr denn jeder andere Schriftsteller ist Coetzee ein Meister jener Dichtung, die gegen die Vorstellung geschrieben wird, Literatur sei Nachahmung von Realität und der Autor, Aristoteles zufolge, Schöpfer der Nachahmungen. Jene Art von Dichtung, die eines Namens noch bedarf, verlagert sich vom Erzählen von Geschichten zum Nacherzählen bestehender Dichtung – als sei diese Teil der Realität – aus veränderter Sicht oder mit anderer Stimme.

Tom Stoppard stellt Shakespeares Hamlet nach als «Rosencrantz and Guildenstern are Dead», und Heiner Müller lässt ihn als Hamlet-Maschine neu erstehen. Michel Tournier schreibt Defoes «Robinson Crusoe» als Geschichte von Freitag in zwei Neufassungen um, einmal als «Vendredi ou les limbes du Pacifique», einmal – für jüngere Leser – als «Vendredi ou la vie sauvage». Obschon nicht als erster, hat auch Coetzee Defoes Roman neu verfasst, und den Autor zu «Foe» umbenannt. In dieser Neufassung – «Mister Cruso, Mrs. Barton und Mister Foe»1 («Foe», 1986) – erfindet er eine Erzählerin, Susan Barton, die den alternden Cruso in ihr Bett und in ihre höhnische Betrachtung seiner Abenteuer zieht. Der (post)moderne Text verwertet den früheren und lebt darin wie ein Parasit.

Parasitäre Dichtung, wie ich sie nennen würde, beherrscht Coetzees Schreiben von Beginn weg. Sein strenger Roman «Warten auf die Barbaren»2 («Waiting for the Barbarians», 1980) ist eine radikale Wiedergabe von Cavafys gleichnamigem Gedicht. Im Gedicht wird angedeutet, was Coetzee zur These umformt: Zivilisation, hier als «Empire», entstehe durch die Unterscheidung von den Barbaren, die die äussere Grenze umreissen, zerfalle jedoch durch ihre Definition über den zu bekämpfenden Barbarismus. Sein eigenes Schreiben, das eine Obsession zur Übersetzung oder Umschrift anderer Darstellungen oder Geschichten erkennen lässt, wie in «Dusklands» (1974)3 oder «Im Herzen des Landes»4 («In the Heart of the Country», 1987), reflektiert Literatur bis hin zur Parodie und zum Bauchreden.

Indirektes Schreiben gegen die Apartheid

Coetzee, ein Linguist und Komparatist, gehört mit Samuel Beckett, der Thema seiner Dissertation war, zu den klügsten und theoretisch am versiertesten modernen Schriftstellern der englischen Sprache. Wie Beckett ist auch ihm völlig bewusst, was er tut – wenngleich er durchaus nicht gewillt ist zu erklären, was seine Strategien sind. Geformt wurden seine Schreibweisen durch die Obszönitäten der Apartheid in seiner Heimat Südafrika. Anders als Nadine Gordimer, die gegen die Apartheid im Stil des Realismus anschrieb, hatte Coetzee weniger direkte Strategien im Sinn. Zum Thema der Folter in der südafrikanischen Literatur von 1986 schrieb er: «There is something tawdry about following the state…making its mysteries the occasion of fantasy. For the writer, the deeper problem is not to allow himself to be impaled on the dilemma proposed by the state, namely, either to ignore its obscenities or else to produce representations of them. The true challenge is how not to play by the rules of the state, but how to establish one’s own authority, how to imagine torture and death on one’s own terms.» Dies mag zugleich als Kriegserklärung an den Staat und als Rat an die eigene Imagination gelesen werden. Die Imagination, wie sie in seinem jüngsten Buch «Elizabeth Costello» zum Ausdruck kommt, erschafft parasitäre Fiktionen, die den Staat und die Gewalt der Macht verzehren, während sie Geschichten erzählt, die über Literatur und Konvention hinausgehen.

Diese doppelte Strategie in Coetzees Schreiben wird mitunter auch in ihrer Ablehnung seitens der Leser ersichtlich. Die Art wie Gewalt in seinem Roman «Schande»5 («Disgrace», 1999) erzählt wird, Gewalt von Schwarzen gegen Weisse, stiess die neue Regierung und offizielle Kultur Südafrikas derart vor den Kopf, dass Coetzee sich gezwungen sah, nach Australien auszuwandern. Was im Aufruhr weniger Beachtung fand, war die Gewalt von Menschen an Tieren, die neben den Vergewaltigungen und Raub-überfällen verübt wurde: «Jetzt kommt der grosse Mann vorn um die Ecke und hat das Gewehr in der Hand. Mit geübter Leichtigkeit lädt er das Gewehr und steckt die Mündung in den Hundekäfig. Der grösste der Schäferhunde, geifernd vor Wut, schnappt danach. Ein lauter Knall; Blut und Gehirnmasse spritzen durch den Käfig. Für einen Moment verstummt das Gebell. Der Mann drückt noch zweimal ab. Ein Hund, mitten in die Brust getroffen, stirbt sofort; ein anderer, mit einer klaffenden Halswunde, setzt sich schwer, legt die Ohren an und folgt mit den Blicken den Bewegungen dieses Wesens, das sich nicht einmal die Mühe macht, ihm einen Gnadenschuss zu verpassen.»

Das in dieser Passage allein zur Schau gestellte Bewusstsein ist nicht das des Killers, der so mechanisch wie sein Gewehr agiert, sondern jenes des sterbenden Blicks des Hundes. Das mit und durch diese Passage gezeigte Bewusstsein jedoch ist jenes von Coetzee als allwissenden Autors, der bereit ist, wie Nietzsches kritischer Historiker, zu urteilen und zu verurteilen. Mit der Beschreibung vom Eindringling, der «mit geübter Leichtigkeit» schiesst, dringt Coetzee in die Ereignisse ein und beansprucht ein Wissen und eine moralische Autorität, die dem Leser untersagt bleiben. Seine Romane (und literarischen Aufsätze), wie etwa «Leben und Zeit des Michael K»6 («Life and Times of Michael K», 1983), bringen Kafka explizit ins Spiel: «Though he was the least ideological of writers, Kafka had an acute feel for the obscene intimacies of power.»

Muss man etwas Eigenes erfinden?

J.M. Coetzees neustes Buch, «Elizabeth Costello»7 (2003), verbindet zugleich eine parasitäre Fiktion und eine staatsanwaltliche Verurteilung der Fiktion als unmoralisch. Seine Heldin oder sein Sprachrohr ist eine fiktive australische Schriftstellerin, die am besten bekannt ist für einen Roman, «The House on Eccles Street», der ihre eigene Wiedergabe von Joyces «Ulysses» aus der Sicht und mit der Stimme Molly Blooms ist. Wer auch immer die Erzählfigur sein mag, sagt uns: «Eccles Street is a great novel; it will live, perhaps, as long as Ulysses; it will certainly be around long after its maker is in the grave.»

Mit dieser bizarren Bemerkung stösst Coetzee seine Leser in einen Abgrund, in dem sich Dichtung und Wahrheit verlieren. Schliesslich besitzt Joyces «Ulysses» eine symbolische Realität, was auf Costellos «Eccles Street» nicht zutrifft; als fiktive oder imaginäre Autorin hat Elizabeth Costello aber dennoch eine Fiktion geschaffen, die aus der Wiederverwertung von Joyces Roman den Schatten einer Realität erhält und die Schuld des Plagiats auf sich zieht. Sie erklärt: «But seriously, we can’t go on parasitizing the classics forever. I am not excluding myself from the charge. We’ve got to start doing some inventing of our own.» Parasitäre Dichtung zeigt hier Appetit (auf Wirtschaft) und eine krankhafte Vitalität, die ihresgleichen sucht in der modernen Literatur.

Obgleich Elizabeth Costello eine fiktive Figur ist, wird sie gegen andere, tatsächlich lebende Dichter und Romanciers ausgespielt. In einem Beispiel – und in einem Verfahren jenseits von Metafiktion – wird der amerikanische Dichter Ronald Duncan namentlich in einem Kapitel erwähnt, das ihn zu mehr als einem Gegenstand des literarischen Interessens macht: «Duncan had read his long ‹Poem Beginning with a Line by Pindar› – ein tatsächlich von Ronald Duncan geschriebenes und veröffentlichtes Gedicht – that night, and it had impressed her, moved her. She was attracted to Duncan, with his severely handsome Roman profile; she would not have minded having a fling with him, would not even, in the mood she was in in those days, have minded having his love child, like one of those mortal women of myth impregnated by a passing god and left to bring up semi-divine offspring.» Der Dichter würde vielleicht nicht wissen, wie mit einem solchen Kompliment – zugleich kosmisch und komisch – umzugehen ist, besonders weil Elizabeth Costello sich darauf die Vereinigung von Sterblichen und Göttern im klinischen Detail vorstellt, von Leda und dem Schwan, von Pasiphae und dem Stier: «What intrigues her is less the metaphysics than the mechanics, the practicalities of congress across a gap in being. Bad enough to have a full-grown male swan jabbing webbed feet into your backside while he has his way, or a one-ton bull leaning his moaning weight on you….» Erotische Phantasie wechselt dann in Nachsinnen über den Mythos, doch Puppenspieler bleibt der implizite Autor, J.M. Coetzee, der von seinen Figuren und von der Dichtung selbst zunehmend entfremdet und distanziert erscheint.

Stellungnahme zur Ethik

Diese Entfremdung kennzeichnet «Elizabeth Costello» auch in anderer Weise. Nicht als Roman bezeichnet, trägt «es» den Untertitel «Eight Lessons». Einige dieser «lessons» wurden vorab veröffentlicht, nicht als Dichtung, sondern als Coetzees eigene Stellungnahme zu Fragen der Ethik, zwei davon in einem Buch zum Tierrecht, «Das Leben der Tiere»8 («The Lives of Animals», 1999). Diese fabelhaften Lektionen wurden zuerst als Beiträge zur Philosophie des Tierrechts veröffentlicht, und sie enthalten die Reflexionen von Peter Singer, dem Princeton-Philosophen und Autor von «Animal Liberation». Eine noch seltsamere Fabel, in deren Zentrum ein Vortrag – angeblich an einer Konferenz in Amsterdam gehalten – steht, trägt den Titel «The Problem of Evil». Indem sie die These vorbringt, dass es Themen gebe, die weder gelesen noch verdichtet werden sollten – mit der Begründung, dass sie den Leser wie auch den Autor verderben –, kritisiert Elizabeth Costello ein Buch von Paul West, «The Very Rich Hours of Count von Stauffenberg», das vom gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 und dem grausigen Schicksal der Beteiligten handelt. Das Buch wie auch den Autor gibt es tatsächlich. Auch wenn der englische Romancier Paul West nie den Ruhm Coetzees erlangte, ist er ein herausragender Schriftsteller, dessen Werk, was das Zusammenspiel von Fiktion und Geschichte angeht, auf unheimliche Weise jenem des Autors von «Elizabeth Costello» ähnelt. Unheimlicher noch wird er (oder sein fiktives Selbst) ebenfalls zur besagten Konferenz eingeladen. Seine stille Gegenwart bringt Elizabeth Costello aus dem Konzept, die ihm zu guter letzt eine Ansprache über die Obszönität seines dichterischen Versuchs hält, sich in Hitlers Helfer einzufühlen. Die ganze Zeit hindurch sagt Paul West kein Wort.

Elizabeth Costello endet mit einer Passage aus Hofmannsthals «Chandos-Brief», in der uns mitgeteilt wird, dass «sogar eine nichtige Kreatur, ein Hund, eine Ratte, ein Käfer» dem Schreiber mehr wert gewesen ist als eine ekstatische Liebesnacht mit der hingebungsvollsten Geliebten. Natürlich ist dieser Brief seinerseits eine Erfindung Hofmannsthals, wie es auch sein Lord Chandos ist; aber er ist an den wirklich existierenden Francis Bacon gerichtet, Lord Verulam. Indem er Hofmannsthal zu übertreffen sucht, endet Coetzee mit einem angeblich (und aus Begeisterung) von «Elizabeth, Lady Chandos» verfassten Nachtrag, wiederum an Bacon gerichtet, in dem sie den Philosophen bittet, ihren Ehemann und sie selbst aus dem Strudel der Sprache zu retten. «Drowning, we write out of our separate fates. Save us…» Es war Francis Bacon, der sagte, Dichtung erfordere «submitting the shows of things to the desires of the mind; whereas reason doth buckle and bow the mind unto the nature of things.» In ein und derselben parasitären Fiktion will Coetzee zugleich die eigene Dichtung und die eigene Wahrheit finden.

1 J. M. Coetzee, «Mr. Cruso, Mrs. Barton und Mr. Foe», Roman, aus dem Engl. von Wulf Teichmann, Hanser, München 1990.

2 J. M. Coetzee, «Warten auf die Barbaren», Roman, aus dem Engl. von Brigitte Weidmann, Henssel, Berlin 1984; Fischer, Frankfurt am Main 2001.

3 J. M. Coetzee, «Dusklands», two novellas, Ravan Press, Johannesburg 1974.

4 J. M. Coetzee, «Im Herzen des Landes», Roman, aus dem Engl.

von Wulf Teichmann, Hanser, München 1987.

5 J. M. Coetzee, «Schande», Roman, aus dem Engl. von Reinhild Böhnke, Fischer, Frankfurt am Main 2000.

6 J. M. Coetzee, «Leben und Zeit des Michael K», Roman, aus dem Engl.

von Wulf Teichmann, Hanser, München 1987.

7 J. M. Coetzee, «Elizabeth Costello», Eight Lessons, Secker & Warburg,

London 2003.

8 J. M. Coetzee, «Das Leben der Tiere», aus dem Engl. von Reinhild Böhnke,

Fischer, Frankfurt am Main 2000.

Peter Hughes, geb. 1940 in Kanada, ist Professor für englische und amerikanische Literatur an der Universität Zürich. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehört sein Beitrag «Terror Vacui: V.S.Naipauls Prosa» in «Nobelpreis für Literatur: V.S. Naipaul, Das Rätsel der Ankunft», Coron Verlag, Lachen am Zürichsee 2002.

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