Die Opferrolle passt nicht zu den Jungfreisinnigen
Gian Brun, zvg.

Die Opferrolle passt nicht zu den Jungfreisinnigen

Die FDP hat sich nicht vom Leistungsprinzip verabschiedet. Junge Talente müssen zwar bisweilen Hürden überspringen. Doch der Effort lohnt sich. Eine Replik.

 

Leroy Bächtold schreibt in der Dezemberausgabe des «Schweizer Monats», der FDP sei das Leistungsprinzip abhandengekommen. Entscheidend für den Erfolg seien Beziehungen, Identitätspolitik und das Diktat der Zentrale. Als Jungfreisinniger möchte ich dem ent­gegenhalten und behaupten: Die FDP ist die attraktivste Partei für junge, ambitionierte Kräfte in diesem Land.

Gewiss haben wir Männer es in der heutigen Zeit schwerer als auch schon, in der FDP vorwärtszukommen. Man legt heute mehr Wert darauf, dass auch Frauen die Partei vertreten, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann: Als es bei Wahlen um den Listenplatz ging, setzte der Vorstand lieber auf eine Frau als auf einen Jungspund. Doch sollten wir Jungfreisinnigen nicht den gleichen Fehler wie so manche Feministin machen und die Opferrolle einnehmen. Die Extrameile ist der bessere Weg. An der Parteiversammlung mobilisierte ich mein Umfeld und eine jungfreisinnige Kollegin stellte den Antrag, mich bevorzugt zu behandeln. Durch einen guten Auftritt konnte ich das Publikum von mir überzeugen und mir wurde der Vortritt gegeben. Leistung lohnt sich.

Um die Diskussion um ein höheres Rentenalter in der Schweiz zu ermöglichen, leiteten die Jungfreisinnigen die Planung für die Renteninitiative ein. Die damalige FDP-Führung hatte keine Freude. Wir lancierten die Initiative trotzdem, und die FDP-Delegierten hiessen das Anliegen schliesslich ohne Gegenstimmen gut. Die funktionierenden demokratischen Strukturen der Partei verhinderten ein Durchregieren von oben nach unten. Im ersten ­«Arena»-Auftritt als neuer Parteipräsident stellte Thierry Burkart zudem klar, die Renteninitiative sei aus Sicht der FDP zentral für die Zukunft der Altersvorsorge. Leistung lohnt sich.

Diese zwei Beispiele zeigen exemplarisch: Die FDP hat wie jede andere traditionsreiche Organisation ein Bewusstsein für Beständigkeit. Es liegt auf der Hand, dass die Jungen ­einen zusätzlichen Effort leisten müssen, um Anerkennung zu erhalten. Die zwei Beispiele ­zeigen aber auch: Leistung lohnt sich und Top-down-Entscheide können korrigiert werden. Wenn Bächtold nun seine schlechten Erfahrungen aus einer Kreispartei auf die ganze FDP projiziert, dann riecht das für mich mehr nach einer persönlichen Abrechnung als nach einer differenzierten Auslegeordnung.

In der Kreispartei von Bächtold ist ein ehemaliger Jungfreisinniger Präsident. Der neue Präsident der FDP Schweiz, Thierry Burkart, musste sich in über 20 Jahren Parteiarbeit immer wieder gedulden und Hürden überspringen, bis er in den Ständerat gewählt wurde. FDP-Vizepräsident Andri Silberschmidt machte bei Wahlen mässige Listenplätze durch Leistung wett und überholte etablierte Kräfte. Wenn sich Leistung in der FDP nicht lohnen würde, dann wären all diese Kräfte heute wohl nicht mehr in der Politik, sondern in der Privatwirtschaft.

Der Stachel im Fleisch

Was aber die FDP im Vergleich zu anderen Parteien für junge und ambitionierte Menschen attraktiv macht, ist ­ironischerweise just ihr Status als etablierte Kraft. Sie hat landesweit gesehen die zweitmeisten kantonalen Parlamentsmandate, die meisten Regierungsräte und ist im Bundesparlament wie auch in den Gemeinden stark vertreten. Dementsprechend wird Engagement eher mit einem Mandat belohnt als bei anderen Parteien.

Mag sein, dass an gewissen Orten in der FDP lieber auf eine Frau als auf einen Jungen gesetzt wird. Spätestens im Wahlkampf kann man das mit Leistung wettmachen. Mag sein, dass die Führungsriege manchmal lieber den eigenen Weg geht. Mit Engagement in den demokratischen Prozessen der Partei kann man das korrigieren. Wir Jungen sollten uns nicht in der Opferrolle verkriechen, sondern aufmüpfig der Stachel im Fleisch der Etablierten sein. Dies ist kein Zuckerschlecken und ein langer Atem ist notwendig. Es ist noch kein Bundesrat vom Himmel gefallen.

«Abwechslungsreich,
neugierig und unberechenbar.»
Oliver Zimmer, Historiker,
über den «Schweizer Monat»