Die Nische ist kein Bunker

Welche Optionen hat ein Nischenplayer, der sich mitten in Europa verschanzt zu haben glaubt?

Nischen sind in der Regel unbeabsichtigte Ergebnisse bei der Bildung von Räumen. Im Falle des Baus von Häusern mögen sie geplant sein, um aufzunehmen, was sonst im Wege wäre, haben also etwas mit den Optionen von Restnutzung zu tun; bei der Bildung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Räume sind sie dagegen nicht intendiert und ergeben sich nicht selten aus geographischen Konstellationen. Nischen können etwas Wohliges und Ruhiges haben, zumal dann, wenn die weiten und offenen Räume von Konflikten erschüttert werden.

Der Begriff der Nische unterscheidet sich von dem des Bunkers oder des Unterstandes dadurch, dass die grossen und weiten Räume nicht um die Nische herumgebaut oder nach deren Erfordernissen gestaltet worden sind; und das hat zur Folge, dass die Nischenbewohner bzw. Nischennutzer nicht oder nur teilweise über die Voraussetzungen zum Fortbestand der Nische verfügen. Sie sind vielmehr auf günstige äussere Konstellationen angewiesen. Auf deren Veränderung haben sie nur begrenzten Einfluss. Kurzum, gibt es im staatspolitischen Bereich so etwas wie eine «Nischenstrategie», so handelt sie vom intelligenten Umgang mit Konstellationen, über die man selbst nicht verfügt.

Die Verwechslung

Nischenbewohner laufen stets Gefahr, die Nische mit einem Bunker oder verschanzten Unterstand zu verwechseln. Selbstverständlich lassen sich Nischen auch zu Bunkern und Verschanzungen ausbauen, aber sie verändern dadurch ihren Charakter und ihre Überlebenschancen. Nischen zeichnen sich durch den Austausch mit einer prinzipiell als freundlich wahrgenommenen Umwelt aus; aus der Bunkerperspektive hingegen wird die Umwelt als bedrohlich, wenn nicht feindlich wahrgenommen. Die Verwandlung der Nische in einen Bunker folgt der Vorstellung, man könne sich durch eine entsprechende Ausgestaltung des Innenraums von den unbeherrschbaren äusseren Konstellationen unabhängig machen und gegen sie abschotten.

Zwischen Ohnmachtserfahrung und Allmachtsphantasie schwankend, ist die Bunkermentalität ein Mittleres; sie ahnt, dass sie auf Dauer nicht durchhalten kann, sondern eine zeitlich begrenzte Zwischenetappe ist, will das aber nicht wahrhaben und verdrängt darum immer wieder diese Ahnung. Mit dem Imperativ der Nachhaltigkeit konfrontiert, imaginieren sich die Bunkerinsassen als Bewohner des berühmten gallischen Dorfes, das von Asterix und Obelix mit Hilfe des Zaubertranks gegen die römische Übermacht verteidigt wird. Literarische Ironie wird für eine realistische Option gehalten. Vermutlich gibt es keine grössere Selbstgefährdung der Nischenplayer als diese Selbsttäuschung in Form von Bunkermentalität.

Auf die Schweiz als klassischen Nischenplayer bezogen heisst das: Der Wandel der Nischenbedingungen im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert kann auch als ein Bedeutungsverlust der politischen Geographie beschrieben werden. Bis 1989/91 hat es in der Konfrontation der Blöcke einen geographischen Streifen der Neutralität gegeben, der vom östlichen Balkan, also von Jugoslawien, bis in die Westalpen und in die Schweiz reichte.

Die Akzeptanz dieses Neutralitätsstreifens, der tief in beide Bündnisräume hineinragte, resultierte aus der Geographie, nämlich dem Umstand, dass dieses Gelände für einen militärischen Offensivstoss in die Tiefe des gegnerischen Raumes ungeeignet war. So «tolerant» in der Akzeptanz von Neutralen waren die Hegemone der Bündnisse sonst nicht: Trotz der Berufung der Nato auf demokratische Werte störte der (zeitweilig) diktatorische Charakter der Bündnismitglieder Portugal, Griechenland und Türkei nicht, da es darum ging, dem gegnerischen Bündnis den Zugang zum «warmen Wasser» zu verwehren, und im Warschauer Pakt wurden alle Versuche von Bündnisländern, grössere politische Spielräume zu bekommen, mit Waffengewalt niedergeschlagen. Die geostrategische Tolerierbarkeit des Neutralitätsstreifens durch die beiden Blöcke wurde durch den politischen Mehrwert der Neutralen komplementiert, die als Mediatoren in bestimmten Konflikten genutzt werden konnten. Mit anderen Worten: man profitierte politisch davon, dass die geographischen Konturen des Bündnisses offen gestaltet waren. So bekam die Nische für die sie umgebenden politischen Räume einen Wert, und die Nischenplayer wurden dementsprechend zuvorkommend und rücksichtsvoll behandelt.

Der Wandel

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verlor die Existenz dieser Nische an Attraktivität. Im Falle der Schweiz hat sich…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»