Die Netzbürger entdecken ihre Macht

Joseph Schumpeter hat einmal gesagt, Demokratie sei die Herrschaft der Politiker. Und das «sanfte Monster Brüssel» (Enzensberger) scheint diese harte These zu bestätigen. Doch während die politische Klasse unter dem Vorwand, Europa zu retten, seine Bürger entmündigen will, sinnen diese auf Widerstand. Getragen von den neuen Kommunikationsmöglichkeiten der digitalen Welt fordern sie ihre Souveränität zurück. […]

Joseph Schumpeter hat einmal gesagt, Demokratie sei die Herrschaft der Politiker. Und das «sanfte Monster Brüssel» (Enzensberger) scheint diese harte These zu bestätigen. Doch während die politische Klasse unter dem Vorwand, Europa zu retten, seine Bürger entmündigen will, sinnen diese auf Widerstand. Getragen von den neuen Kommunikationsmöglichkeiten der digitalen Welt fordern sie ihre Souveränität zurück. Und das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für die Wirtschaft und das Wissen. Es ist eine revolutionäre Machtverschiebung von den Politikern zu den Bürgern, von den Firmen zu den Kunden und von den Experten zu den Laien im Gange.

Die Politik des 21. Jahrhunderts wird also – erster Punkt – im Zeichen neuer Formen direkter Demokratie stehen. Die völlig neuen Möglichkeiten der Massenmobilisierung durch soziale Medien haben beim Vandalismus in London und anderen Protesten aber auch schon ihren Januskopf gezeigt: Bürgerprotest und «Flash Mobs». Ähnlich doppeldeutig ist die für die Internetkultur typische Erwartung totaler Transparenz. Die Netzbürger wollen Einsicht in Entscheidungsprozesse haben. Sie wollen wissen, woran sie sind, und mitentscheiden. Der freie Fluss der Information, der alle und alles miteinander verknüpft, zerstört aber das politische Geheimnis. «Linking» ist immer auch «leaking» – eben Wikileaks! Die politische Klasse steht dem fassungslos gegenüber.

Was die Renaissance der direkten Demokratie in der Politik, das ist – zweiter Punkt – die Konsumentendemokratie der «Prosumer» in der Wirtschaft. Auch als Kunde ist der Netzbürger heute produktiv, und zwar ganz anders, als wir das vom Homo oeconomicus gewohnt sind. In den Netzwerken hat sich eine Kultur des Verknüpfens, Teilens und Schenkens etabliert, die sozialen Reichtum für alle schafft. Dabei geht es nicht nur um Hardware und Software, sondern vor allem um die Geschenke, die sich die Netzbürger gegenseitig machen, indem sie Produkte und Dienstleistungen bewerten und empfehlen. In der Internetkultur geht es vielmehr um die neue Knappheit von Aufmerksamkeit und Ansehen. Beides verdanken die Anbieter den «Links» und «Tags» der Kunden, die dabei ihr Wissen und ihre konkreten Erfahrungen einbringen.

Und damit sind wir auch schon bei der dritten Machtverschiebung, nämlich von den Experten zu den Laien. Man könnte von
informationeller Demokratie sprechen: freier Fluss der Information und freier Zugang zum Wissen. Im Internet nimmt sie zwei charakteristische Formen an: Blog und Wiki. Der Blog ist der wilde Parajournalismus des Laien. Auch hier setzt sich das Prinzip des Prosumers durch: der Leser wird Autor. Was hier veröffentlicht wird, hat meist mit Objektivität nicht viel zu tun, wohl aber mit «Gefühlsechtheit». Die Publizität der Internetkultur hat sich damit sehr weit von der bürgerlichen Öffentlichkeit des 18. und 19. Jahrhunderts entfernt. Entscheidend ist heute: es wird erst publiziert und dann gefiltert. An die Stelle der Redaktion und ihrer Urteilskraft tritt der kollaborative Filter der anderen Leser.

Genau so funktioniert auch Wiki. Hier lautet der Grundgedanke: alle sind klüger als jeder. Alle Patienten sind klüger als jeder Arzt, alle Betroffenen sind klüger als jeder Entscheider, alle Hobbywissenschafter sind klüger als jeder Professor. Das ist die Anwendung des Marktprinzips auf das Wissen. Und es funktioniert. Der Godfather der intelligenten Netze heisst Friedrich von Hayek. Er hatte den grossen Gedanken vom Wettbewerb als Entdeckungsverfahren. Und Jimmy Wales hatte den fabelhaften Mut, diesen Gedanken auf die neue Welt der Netzbürger und ihres unendlichen Laienwissens zu übertragen. Mehr denn je gilt, dass Wissen Macht ist. Aber dieses Wissen liegt heute nicht mehr in den Bibliotheken und Archiven der Profis, sondern in den Kommunikationsnetzen der Amateure.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»