Die Mythenschlucker

Wenn die Schweiz über sich und ihre Herkunft diskutiert, tut sie das immer häufiger in erschreckender Einfalt – und verbaut sich damit Teile ihrer Zukunft. Kritik eines mittlerweile ausgewanderten Mittelland-Indianers.

Die Mythenschlucker
Daniel Goetsch, photographiert von Jannis Keil.

Im Arbeitszimmer meines Grossvaters hing ein mächtiger Bogen mit zwei Pfeilen. Das Kinderauge erkannte sofort: Das ist kein Spielzeug, das ist echt. Hinzu kam, dass mein Grossvater sich und seine Vorfahren gelegentlich als «Pieds noirs» bezeichnete und mit seinem dunklen Teint, den schwarzen Augen und markanten Gesichtszügen bestens in eine Karl-May-Kulisse passte. So stand für mich als Achtjähriger fest: Ich stamme von Schwarzfussindianern ab. Das war zwar ein wenig verwirrend, aber vor allem aufregend. Mein Schulweg durch Obersiggenthal, ein Kaff im Schweizer Mittelland, nahm sich mit einem Mal abenteuerlich aus. Es war ein gutes Gefühl.

Wann und woran mein Herkunftsmythos endgültig zerbrach, weiss ich nicht mehr genau. Jedenfalls fügte sich im Laufe der Jahre ein Fakt zum anderen, bis mir irgendwann dämmerte, dass die Franzosen, die – wie mein Grossvater – in Algerien geboren waren, als «Pieds noirs» bezeichnet wurden; und der Pfeilbogen war ein Geschenk, das er auf einer Dienstreise in Brazzaville, Kongo, erhalten hatte. Still begrub ich meine Schwarzfussindianermaske.

In der Mythenblase

Mythen, die sich um Ursprung und Herkunft ranken, ähneln sich. In den späten Neunzigern verglich eine Gruppe von Historikern die Gründungsmythen europäischer Nationen von Albanien über Finnland bis Portugal und fand wiederkehrende Leitmotive. Stets musste sich ein Volk zusammenraufen und gegen äussere Feinde durchsetzen; nicht selten war es eine Jungfrau, die die entscheidende Heldentat vollbrachte, also gleichsam eine Allegorie, die überspannten Männerphantasien entsprungen sein könnte. In manchen dieser sogenannten Meistererzählungen trat obendrein ein tapferer König, ein prophetischer Mönch oder ein armbrustbewehrter Kerl auf. Böse Zungen behaupten, die Geschichten der Nationen seien zum Heulen austauschbar.

Dass solche Mythen im Zuge der Nationenbildung im 19. Jahrhundert ersonnen wurden, gilt inzwischen als Binsenweisheit. Es war die Geburtsstunde der Geschichtswissenschaft: Die Römer und die Griechen wurden vereinnahmt, das Mittelalter zurechtgebürstet, der deutsche Idealismus feierte seine Hochblüte, die Brüder Grimm zogen durch Europa, um jene Märchen abzugreifen, die besonders deutsch anmuteten, zum Beispiel «Hänsel und Gretel» und «Frau Holle», wogegen «Blaubart» und «Der gestiefelte Kater» aus der ersten Sammlung wieder hinausfielen; vermutlich fühlten sie sich zu welsch an.

War der Nationalismus zu Beginn eine emanzipatorische Bewegung, ganz im Geiste der Französischen Revolution, um sich von Klerus, Absolutismus und Aristokratie zu befreien und sich in einer Republik unter Gleichen, unter Citoyens wiederzufinden, so verkam er im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem starren Konzept, angereichert durch völkische und rassische Ingredienzen und in Stellung gebracht gegen den sogenannten Erbfeind. Die Folgen sind bekannt: zwei Weltkriege durchbrachen den Zivilisationsprozess. Während Staaten wie Deutschland, Frankreich, Polen oder Griechenland sich bis heute mit der Zeitgeschichte befassen müssen, glaubte die Schweiz lange, sich wegducken zu können. Jene Historiker, die in den Fünfzigern und Sechzigern die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs kritisch beleuchteten, wurden von der Öffentlichkeit ignoriert oder als «Nestbeschmutzer» geschmäht. Erst Mitte der Neunziger, unter dem Druck der damaligen US-Regierung und um den Schaden für die Schweizer Grossbanken geringzuhalten, verpflichtete sich die offizielle Schweiz, wenigstens die Flüchtlingspolitik in den Kriegsjahren aufzuarbeiten. Ein Phänomen wie Raubgold sickerte in das kollektive Bewusstsein. In weiten Teilen der Bevölkerung verstärkte dies bloss eine typisch-trotzige Selbstgerechtigkeit. Vor allem populistische Gruppierungen wussten das zu nutzen: Sie versprachen ihrem Volk eine bessere Vergangenheit. Das also vereinnahmte Volk wandte sich den dargebotenen, im Grunde überlebten Mythen zu, der besseren Geschichte, der trötenden und juchzenden Folklore. Anlässlich der Gedenkfeier für die Schlacht von Sempach verkündete der Präsident der CVP: «Die Historiker können von mir aus glauben, sie kennen die Geschichte besser. Aber wir wissen, wir haben dafür die besseren und schöneren Geschichten.» Besonders die Abgrenzung des «Wir» gegenüber den Historikern ist hier aufschlussreich.

Ein Klima der Vereinfachung und der Rechthaberei

Kein Wunder, dass die öffentlichen Debatten in der Schweiz bis heute von unlauteren Vereinfachungen und Rechthabereien geprägt sind. In keinem anderen westeuropäischen Land wäre es denkbar, dass erfolgreiche Wahlkämpfe geführt werden, die so ungebrochen an niedere Instinkte appellieren und mit der vulgären Ästhetik der Nazis operieren. Vermutlich hat der Mangel an Diskurserfahrung dazu geführt, dass solchem Gebaren nichts entgegengesetzt wird: Es fehlt der Mut zum Widerspruch, aber vor allem das Vermögen, über Ästhetik und Ethik in angemessener Form zu sprechen. Es rächt sich, dass die Zeitgeschichte, die zwangsläufig im europäischen Kontext zu sehen ist, aus den Debatten herausgehalten wurde. Einzig jene Argumente mit ökonomischer Schlagseite überzeugen, wogegen moralische Erwägungen regelmässig verhöhnt und Differenzierungen als Geschwafel abgetan werden. Die Debatten in der Schweiz gleichen einem wechselseitigen Sprücheklopfen. Und als der Weisheit letzter Schluss gilt die legendäre Milchbüchleinrechnung, die auch 1992 ausschlaggebend dafür war, dass sich die Schweiz einer Mitwirkung am europäischen Projekt verweigerte. Was sich nicht auszahlt, ist schlecht. Bis heute rechnen sich das viele als Tugend oder wenigstens Gewitztheit an.

Das Bild der Schweiz als Ausgeburt der Neutralität und pragmatischer Aufrichtigkeit hat gelitten. Oder anders gesagt: das Image der Schweiz im Ausland ist im Keller. Der Glanz einiger Edelprodukte «Made in Switzerland» genügt nicht, diesen Keller aufzuhellen. Das Selbstbild der Schweizer Bevölkerung hingegen ist erstaunlich intakt; vielleicht dank der Statistiken, der relativen Wirtschaftszahlen, der internationalen Rankings, die Städten wie Zürich oder Genf ein ums andere Mal die höchste Lebensqualität bescheinigen. Weiterhin rühmt sich die Schweiz ihres schlanken Staatsapparats. Im Lichte der Zeitgeschichte liesse sich all das durchaus relativieren. Denn anders als die Schweiz waren die Nachbarländer im Jahr 1945 auf eine zentrale Ordnungsmacht angewiesen, um die Verheerungen des Kriegs zu bewältigen, zerbombte Städte wiederaufzubauen, Infrastrukturen herzurichten, Flüchtlinge unterzubringen, den Rechtsstaat wiederherzustellen. Wie sähe die eidgenössische Bundesverwaltung heute aus, wenn sie vor siebzig Jahren derartige Aufgaben hätte stemmen müssen?

Solange die historische Dimension ausgeblendet wird, reicht die Selbstvergewisserung über Wirtschaftszahlen, noble Ferienorte in den Alpen und den urchigen Schwur vor fast tausend Jahren. So spiegelt sich die Schweiz am liebsten. Vielleicht kann sie sich deshalb eine dermassen einfältige Politkultur leisten. Doch genauso wie die Debatten verkommen, schrumpft beiläufig die Idee der Demokratie auf das Statut einer Mehrheitsherrschaft zusammen. Der Rechtsstaat wird mitunter der Stimmung einer aktuellen Mehrheit geopfert. Es fehlen keine drei Schritte mehr, um hinter die Errungenschaften der Aufklärung zu fallen: die Gewaltenteilung, die Menschenrechte, das Völkerrecht.

Je höher der Druck von aussen, desto verbissener werden die Mythen gefeiert. Die Historiker können noch so die Nase rümpfen, das Argument der Zeremonienmeister besticht: Das sei es doch, was das Volk hören wolle. Warum sich mit dem wissenschaftlichen Kleinklein historischer Quellen herumplagen, wenn doch die Schlacht bei Marignano alles in einem Bild erklärt? Mythen, so schrieb der französische Philosoph Roland Barthes, verwandelten Geschichte in Natur. Weder Zeit noch Wissen könnten ihnen etwas hinzufügen oder wegnehmen. Offensichtlich ist auch, dass sich Mythen im Vergleich zu historischen Arbeiten besser instrumentalisieren lassen. Sie sind eingängiger, narrativ schlüssiger, gaukeln einem als Adressat ein Kollektiv vor, ein Wir, das unveränderlich ist und seinen Weg geht. Der Nachteil: Mythen müssen verteidigt werden. Denn sobald sie angezweifelt werden, drohen sie zu zerfallen. Die Funktion des Mythos, so Roland Barthes, bestehe darin, das Reale zu entleeren. Aber wehe, das Reale schlägt zurück.

Nüchternheit statt Taumel

Die Schweiz, zumindest für neugierige, streitbare Köpfe, könnte es sich leisten, den aktuellen Wirbel um die Mythen wegzupusten. Statt sich an zwielichtigen Gestalten wie Niklaus von der Flüe oder an vagen Vorkommnissen wie der Schlacht von Sempach zu wärmen, gäbe es konkrete historische Referenzen zu entdecken, die für die Gegenwart durchaus von Nutzen sein könnten.

In seinen zwei Bänden zur Schweizer Verfassungsgeschichte hat der Staatsrechtler Alfred Kölz manche Einflüsse herausgearbeitet, die am Selbstverständnis der Schweiz, wie wir sie zu kennen meinen, kratzen. Die Verfassung von 1848, auf die so ziemlich alle von links bis rechts nicht ohne Grund stolz sind, ist demnach weniger von liberalen Eigengewächsen wie Benjamin Constant inspiriert als vielmehr von der Französischen Revolution. Als Vorbild diente unter anderem der Verfassungsentwurf der Girondins von 1793. Der begann mit der Auflistung der Menschenrechte. Als wichtigster Urheber dieses Werks gilt der Politiker, Philosoph und Mathematiker Nicolas de Condorcet, der damals schon für die Abschaffung der Sklaverei und der Todesstrafe eintrat, ein Widerstandsrecht gegen Staatswillkür und das Wahlrecht für Frauen forderte. Hätte sich die Schweiz ein bisschen weniger mit ihren Heldensagen und stattdessen mit Condorcet beschäftigt, wäre ihr die monumentale Peinlichkeit, erst 1971 ein Frauenwahlrecht einzuführen, wohl erspart geblieben.

Neben Condorcet und den französischen Revolutionären gäbe es weitere historische Einflüsse, die die Schweiz geprägt haben, aber im Mythennebel versunken liegen. Um zu begreifen, wie es diesem Gebilde namens Eidgenossenschaft gelungen ist, sich von einem Staatenbund in einen Bundesstaat zu verwandeln, genügt es nicht, Festreden über historische Schlachten zu lauschen. Jene konstitutive Umwandlung der Schweiz könnte sogar als Blaupause für eine neue, andere Europäische Union dienen. Erst recht angesichts der Tatsache, dass die Schweiz sich stets als Willensnation verstanden hat und dadurch von völkischen Verirrungen, wie sie heute wieder im Schwange sind, verschont geblieben ist.

Die Schweiz vergibt hier und jetzt die Möglichkeit, an einem Prozess mitzuarbeiten, der aus den überlebten nationalen Strukturen etwas Neues erschaffen könnte. Die Europäische Union, wie wir sie erleben, ist zweifelsohne ein Mängelwesen. Sie ist zwar historisch, von der Montanunion der Fünfzigerjahre aus gesehen, ein beachtliches Konstrukt, aber an demokratischen Erwartungen gemessen nicht mehr als ein Rohling. Die EU braucht deshalb keinen Gründungsmythos – dieser regelmässig erschallende Ruf ist als Versuch, den Nationalismus bloss breiter auszurichten, schlicht erbärmlich. Den Schweizer Erfahrungen liesse sich immerhin entnehmen: kulturelle oder historische Unterschiede zwischen Staaten sollten keinesfalls eingeebnet, sondern in einer künftigen Unionsverfassung berücksichtigt werden; grundsätzlich gälte die Zuständigkeit des Einzelstaates, eine solche würde erst bei Bedarf auf die Union übertragen; eine Regierung müsste kollegial und paritätisch organisiert sein; die Verfassung sollte dem Referendum unterstehen.

Der Abschied von Mythen tut weh. Meine Pseudoindianerherkunft verlieh mir eine vibrierende Bedeutung. Als sich mein Grossvater als ein ziemlich verbitterter Algerierfranzose entpuppte, fiel ein Schleier. Die Schwarzfussindianer rückten in weite Ferne, und mein Schulweg glich wieder dem typischen Trott durch ein Kaff im Schweizer Mittelland. Darin liegt vielleicht die grösste Gefahr der Mythen: Man erkennt mitunter zu spät, dass sie sich schlecht mit der Wirklichkeit vertragen. Aber dieser ist bekanntlich nicht zu entkommen.


Daniel Goetsch
ist Schweizer Schriftsteller in Berlin. In diesem Monat erscheint sein neuer Roman «Fünfers Schatten» (Klett-Cotta), zuletzt von ihm erschienen: «Ein Niemand» (Klett-Cotta, 2016).