Die Mörderin in mir
Christine Brand, fotografiert von Lauren Rattray

Die Mörderin in mir

Als Krimiautorin begehe ich im Kopf brutale Verbrechen und löse sie dann gleich selbst. Woher kommt die Faszination für das Böse, ohne die es für meine Berufsgattung kein Überleben gäbe?

 

Ich habe einen eigenartigen Beruf. Zum Rüstzeug, das ich als Krimiautorin benötige, gehören eine morbide Ader, eine überbordende Fantasie, eine tendenziell gespaltene Persönlichkeit, eine gehörige Portion Grössenwahn und eine Faszination für das Böse. Ich verdiene mein Geld, indem ich in meinem Kopf ausgeklügelte Verbrechen oder gar brutale Morde begehe und sie dann auch gleich selbst löse. Ich schlüpfe in die Rolle von Personen, die es gar nicht gibt, die ich selbst erfunden habe. Ich denke mir blutrünstige Geschichten aus und versuche sie möglichst spannend aufs Papier zu bringen, stets in der Hoffnung, dass ich meinen Leserinnen und Lesern damit den Schlaf raube oder ihnen zumindest Furcht einflösse. Wenn mir eine von mir selbst ausgedachte Person auf die Nerven geht, kann ich sie mit ein paar Sätzen um die Ecke bringen – oder ich mache sie zum Mörder und lasse sie auffliegen und im Gefängnis landen. Ich kann völlig frei ent­scheiden, wer gut ist und wer böse, wer überlebt und wer stirbt. In meiner Geschichte bin ich das Schicksal, das über alles bestimmt. Und das ist mitunter ein grosses Vergnügen.

Kriminelle Krimiautoren

Gut möglich, dass Sie nun denken, ich sei kein netter Mensch. Ich sei nicht nur morbide, in mir schlage gar ein kaltes Mörderinnenherz. Tatsächlich wäre ich nicht die erste Krimiautorin, die es nicht beim Morden im Kopf belässt, sondern auch im realen Leben zur Waffe greift. Die US-Autorin Nancy Crampton-Brophy etwa publizierte eine Glosse mit dem Titel «Wie man seinen Mann ermordet» – jetzt ist sie wegen Mordes angeklagt, weil sie ihren Gatten umgebracht haben soll. Oder Richard Klinkhamer; der holländische Schriftsteller reichte ein Jahr nach dem Verschwinden seiner Frau bei seinem Verlag das Manuskript «Am Mittwoch gibt’s Gehacktes» ein, in dem er sieben mögliche Varianten beschrieb, wie er seine Frau umgebracht haben könnte. Als neun Jahre nach der Tat in seinem Garten das Skelett seiner Frau gefunden wurde, wurde er wegen Mordes verurteilt.

Im Zweifel für die Angeklagten lässt sich aber sagen: Kriminelle Krimiautoren sind eine Ausnahme. Was mich selbst an­belangt, kann ich Ihnen versichern: Obwohl ich mir bereits zahllose Morde ausgedacht habe, werde ich mein Bestes tun, meine mörderischen Pläne im realen Leben nie in die Tat umzusetzen. Tatsächlich bin ich nämlich ein friedliebender Mensch. Manche nennen mich gar ein sonniges Gemüt. Ich bin im Streiten gänzlich unbegabt und kann wortwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun. Selbst eine Stechmücke, die mir seit Nächten Schlaf und Blut raubt, kann ich nur dann töten, wenn sie zufällig auf meinem offenen Buch landet: indem ich es zuklappe und die blutverschmierte Seite nie mehr aufschlage. Einzig die Sache mit der morbiden Ader kann ich nicht abstreiten. In diesem Punkt bekenne ich mich schuldig, allerdings plädiere ich auf mildernde Umstände, denn zu meiner Verteidigung kann ich anführen, dass die Veranlagung familiär bedingt ist: Mein Vater war Bestatter. Doch allein mit der Berufswahl meines Vaters lässt sich meine Faszination für das Böse nicht erklären. Woher sie kommt, ist schwierig zu eruieren. Womöglich haben mich die schrecklichen Verbrechen in den 1980er Jahren geprägt, als in der Schweiz etliche Kinder verschwanden und manche tot und andere nie mehr gefunden worden sind. Ich erinnere mich, wie ich als Dreikäsehoch in die Gesichter auf den Vermisstenanzeigen blickte – lachende Kinder so alt wie ich, die von einer auf die andere Sekunde spurlos verschwunden waren. Das war für meinen Kinderkopf verstörend, unfassbar und faszinierend zugleich; dass etwas sein konnte, das nicht sein durfte in einer heilen Welt. Oder aber ich wurde als Jugendliche durch den Mord in Kehrsatz «kriminalisiert». Der Fall war in Bern ein mediales Dauerthema und teilte die Gesellschaft in zwei Lager: die…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»