«Die Menschen sind nicht so frei, wie sie glauben»

Die grosse Stärke Europas ist die Vielfalt. Bloss: was fängt der Kontinent damit an?

«Die Menschen sind nicht so frei, wie sie glauben»
Michael Schindhelm, photographiert von Aurore Belkin.

An manchen Tagen scheint es, als wären dunkle Geister der Vergangenheit zurückgekehrt: Nach drei Jahrzehnten mit immer mehr Freiheit, Wohlstand und Unordnung – nach drei Jahrzehnten der Ökonomie – geht es in der westlichen Welt plötzlich wieder um Themen, die man längst vergessen glaubte: um den Stolz von Patriarchen, um Religion, Angst. Es sind Geister, die sich mit rationalen und wissenschaftlichen Mitteln alleine nicht verstehen lassen. Dazu braucht es die Kunst.

Es gibt wenige, die in diesem Kontext geeigneter für ein Gespräch über die neuen Unsicherheiten in der globalisierten Welt wären als Michael Schindhelm. Der Autor, Künstler und Forscher arbeitet als Kulturberater rund um den Globus, kennt Singapur, China und Hongkong. In Dubai versuchte er, im Auftrag des Scheichs eine Oper zu bauen. Wenn jemand weiss, was die weiterhin verschiedenen, aber immer enger verzahnten Kulturräume verbindet und trennt, dann er.

Wir treffen uns im Café eines kleinen Hotels in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs. Es ist die Adresse, an der Schindhelm wohnt, wenn er in der Deutschschweiz zu tun hat.

Herr Schindhelm, in den USA und in der EU herrschen politische Unruhe und teilweise wirtschaftliche Krisen, Länder wie China, Russland oder die Türkei testen ihre Macht. Ist die Zeit westlicher Vorherrschaft zu Ende?
Man kann das so sehen. Insbesondere was die Wirtschaft betrifft, gibt es Zeichen des Zerfalls. Es gibt ganze Industrie- und Beschäftigungszweige, die weggefallen sind, und es ist nicht klar, was an ihre Stelle treten wird. Es gibt Grund, sich um die Integrität der Gesellschaft zu sorgen. Trotzdem würde ich es so nicht ausdrücken.

Warum?
Die Vorstellung von einem klar definierten Aufstieg und Fall von Imperien ist zu vereinfacht. Das zeigt die Geschichte des Römischen Reichs, die ja immer gerne als Beispiel angeführt wird. Rom ist nicht einfach untergegangen. Es hat eine Teilung gegeben, aber gleichzeitig ist es beispielsweise aus heutiger Perspektive dieser Teilung zu verdanken, dass sich das Christentum entwickeln und ausbreiten konnte. Rom hat auf vielfache Weise gewirkt und tut das teilweise immer noch. Europa sollte sich nicht als untergehendes Imperium verstehen, sondern sich auf seine Stärken besinnen und akzeptieren, dass es in anderen Bereichen abgelöst wird.

Was sind denn diese Stärken?
Europa und die USA sind unglaublich stark in dem, was ich Softpower nennen würde: Wissenschaft, Technik, Kunst. Es gibt auf der ganzen Welt kein Powerhaus wie Europa oder das Silicon Valley, wo Menschen in ähnlicher Intensität und mit ähnlichem Erfolg kreative Arbeit leisten. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis das woanders geschieht, und ich bin nicht sicher, ob die Zentren der Zukunft in diesem Bereich überhaupt je woanders sein werden.

Das überrascht mich. Ich nehme gerade Asien oder Teile des Nahen Ostens als viel dynamischer wahr.
Ich habe mich aufgrund meiner Arbeit viel mit der Frage befasst, welche Voraussetzungen es braucht, damit Kreativität überhaupt gedeihen kann. Europa hat einen enormen Vorteil, dessen sich viele Menschen überhaupt nicht mehr bewusst sind: seine einzigartige Diversität. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es auf diesem Kontinent dank des Mittelmeers einen übernationalen Austausch, der seinesgleichen sucht. Das ist ein geographischer Vorteil, den andere Regionen nicht hatten, und er hat Europa eine beispiellose Entwicklung in der Wissenschaft beschert.

Es gab doch auch die Seidenstrasse, das Persische Reich oder das afrikanische Ashanti, um nur einige zu nennen. Die haben Handel betrieben, als die Europäer noch in Hütten hausten.
Natürlich. In Ostafrika haben Archäologen Porzellan aus Japan gefunden, das dort vor Jahrtausenden abgelagert worden ist. Der Indische Ozean war sehr früh ein Begegnungsort von Kulturen, weil man dort dank dem Monsun verlässlich hin- und zurückreisen konnte. Trotzdem war es irgendwann vorbei damit. In…

Fit für die neue Welt(un)ordnung?

«Die liberale Weltordnung steht an einem Wendepunkt. Mit dem Aufstieg Chinas zur Weltmacht, der technologischen Revolution und neuen Formen asymmetrischer Bedrohungen müssen wir uns auf einen längeren Zeitraum aussergewöhnlicher Unsicherheit einstellen – und als Schweiz (wieder) lernen, unsere eigenen Stärken im internationalen Wettbewerb zur Geltung zu bringen.» Andreas R. Kirchschläger Delegierter des Stiftungsrates, Max Schmidheiny Stiftung […]