Die Medienwelt wird sich nochmals radikal wandeln
Ich habe meine journalistische Karriere erst mit 31 Jahren gestartet, als Berichterstatter, Kritiker und Kommentator in der Medienbranche. Das grosse Thema zu Beginn des Jahrtausends war, wie die etablierten Medien auf die Digitalisierung und das sich rasch ausbreitende Internet reagieren sollen.
Die Einschätzungen von damals haben nach wie vor hohen Unterhaltungswert.
- Hanns-Peter Cohn, CEO des deutschen Kameraherstellers Leica, sagte 2004: «Die Digitaltechnik ist nur ein Intermezzo. In spätestens 20 Jahren werden wir sicher mit anderen Technologien als heute fotografieren.» 21 Jahre später hat sich die Digitaltechnik breit durchgesetzt.
- «Südostschweiz»-Verleger Hanspeter Lebrument rief an einer Verlegerkonferenz 2007 den Satz «Google hat Angst vor uns» in die Runde und behauptete, man komme bei Google jetzt langsam auf die Welt, brauche aber noch ein wenig Nachhilfeunterricht. Seither hat sich der Google-Börsenkurs mehr als verzehnfacht.
- «Blick»-Verleger Michael Ringier bezeichnete das Internet als «eine gigantische Ansammlung von absolutem Quatsch», als «Schlötterliinstrument» und «Querulantenmedium» und prophezeite: «Der Internet-Super-GAU wird kommen. Und dann wird sich die öffentliche Meinung gegenüber dem Internet verändern.»
Ein «Internet-Super-GAU» mag durchaus noch kommen, doch kann sich jemand vorstellen, dass deswegen niemand mehr das Internet nutzen wird? Wer in einer Welt vor dem Smartphone, vor dem Internet oder vor der Elektrizität leben will, kann das tun, aber seine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird zunehmend verunmöglicht. Wer konsequent ist, endet zwangsläufig als Älpler oder in einer einsamen Hütte im Wald.
«Wir neigen dazu, die Auswirkungen einer Technologie kurzfristig zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen.» So lautet das nach Roy Amara benannte Amara’s Law. Und in der Tat gehört es für Unternehmer zu den grössten Herausforderungen, einzuschätzen, wann und wie (und ob) eine Technologie sich durchsetzt.
Auf lange Frist finden grosse Ideen und Innovationen jedoch immer ihren Weg; zumeist werden sie von weiteren Neuerungen ergänzt. Wer heute auf dem Smartphone einen Chatbot wie ChatGPT oder Grok benutzt, könnte das nicht ohne das Protokoll und die Inhalte des Internets tun. Nicht ohne die Erfindung des iPhones. Und schon gar nicht ohne Elektrizität und Netzstruktur.
In den letzten Jahren hat sich nicht nur die Kadenz der Innovationen rapide beschleunigt, sondern auch die Bereitschaft zur Adaption. Wir werden deshalb schon in wenigen Jahren in einer Medienwelt leben, die nochmals ganz anders aussieht als heute. Am ehesten zu erwarten ist eine Akzentuierung der Möglichkeiten, die das Internet bereitstellt. Dezentrale, unkontrollierbare Kanäle werden etablierte, kontrollierte Kanäle weiter herausfordern und irrelevant machen. Das ist auch politisch: das neue Wettrüsten findet nicht mehr mit Panzern und Flugzeugen statt, sondern mit Daten und Technologien – zwischen verschlüsselter Dezentralität und autoritärer Zentralität.
Betrugsversuche, manipulierte Information und Deepfakes werden alltäglich werden, was einen behutsamen Umgang mit Informationen erzwingt; bereits heute hat das, was man mit seinen Sinnen in den Medien wahrnimmt, nicht zwingend etwas mit der Realität oder der Wahrheit zu tun. Individuen und Gruppen werden sich in eigenen Welten abschotten und einseitigen, einfältigen Unsinn glauben. Heutige Influencer werden zu neuen Gurus, die so rasch aufsteigen, wie sie in der Bedeutungslosigkeit versinken werden. Insgesamt wird es äusserst chaotisch und aufregend. Reüssieren wird, wer die Informationsflut meistert und dabei agil, schnell und genau bleibt.
Wie es herauskommen wird, weiss niemand. Oder wer konnte sich vor zwanzig Jahren vorstellen, dass sich der mächtigste und der reichste Mann der Welt 2025 öffentlich auf Kurznachrichtendiensten zoffen werden? Was Trump und Musk derzeit entzweit, nämlich der Umgang mit den Staatsschulden, wird die nächste technologische Revolution anders lösen; Innovationen wie Bitcoin (2009) und Stablecoins (2014) dürften dabei eine wichtige Rolle spielen. Elon Musk, der nun mit der «America Party» das erstarrte US-Zweiparteiensystem aufmischen will, beantwortete die Frage, ob die neue Partei Bitcoin annehmen werde, mit: «Fiat is hopeless, so yes».
Bereiten Sie sich auf eine rasch wandelnde Welt vor, und lassen Sie sich dabei offen und frei von den verschiedensten Informationen beeinflussen – seien es die Inhalte des «Schweizer Monat», oder andere Quellen:
- «Für Normalbürger ist Bitcoin zu unberechenbar, zu unpraktisch und zu teuer.» (NZZ, 2017)
- «Wenn Sie mir alle Bitcoins der Welt für 25 Dollar anbieten würden, würde ich sie nicht annehmen.» (Warren Buffett, 2022)
- «Der Stablecoin-Sektor ist nicht gut reguliert, und dass man etwas im Namen als stabil bezeichnen muss, sagt einiges.» (Agustín Carstens, 2025)
Ziemlich sicher verlieren wird nur, wer geistig träge bleibt und auf alte Rezepte vertraut, die bisher immer funktioniert haben.
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