Die letzte Ideologie
Alexander Grau, zvg.

Die letzte Ideologie

Von der Moral über die Hypermoral zum Hypermoralismus.

 

Wir leben im Zeitalter der Hypermoral. Egal ob es um Migration geht, um Klimaschutz, Wirtschaft, Verkehr, Bildung oder Forschung: So gut wie jedes politische Thema wird umgehend in einen Jargon aufgekratzter Moralität überführt. Und nicht nur das: Bei all dem fällt auf, dass die Bewertung dessen, was gut oder schlecht, erwünscht oder weniger erwünscht ist, anhand linker Politkoordinaten verläuft: Gut ist demnach alles, was sozial, nachhaltig, friedliebend und gerecht ist. Das Ideal ist die bunte, multikulturelle, ökosozialpazifistische Gesellschaft. Wer diesen Idealen widerspricht, gilt als verdächtig oder schlimmer noch: als überführt.

Diese historisch einmalige Reputation und Allgegenwart moralischer Begründungen des politischen und gesellschaftlichen Handelns ist dringend erklärungsbedürftig. Nicht dass in anderen Epochen moralisch begründete Handlungen und Restriktionen keine Rolle gespielt hätten – im Gegenteil. Doch erstmals in der abendländischen Kulturgeschichte ist Moral heutzutage nicht länger der Ausdruck eines übergeordneten und normierenden Wertesystems wie etwa der Tradition oder einer Religion. Der moderne moralische Diskurs kreist vielmehr ausschliesslich um sich selbst und bekommt damit nicht nur eine singuläre Geltung, sondern zugleich eine meinungsbildende Monopolstellung, die andere Erwägungen diskreditiert. Geradezu reflexartig werden etwa technische, wissenschaftliche oder ökonomische Probleme zu moralischen Fragen umgedeutet und in einen süsslichen Moralismus übersetzt.

Hinzu kommt, dass die Moral vom Privaten ins Politische verlagert wurde. Kreisten noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts moralische Diskurse weitgehend um die private Lebensführung, also um das, was einmal Sitte und Anstand hiess, so wurden moralische Überlegungen weitgehend in den Bereich des Gesellschaftspolitischen verbannt. Für das sich selbst verwirklichende Individuum hat das den unbestreitbaren Vorteil, eine dionysisch-hedonistische Lebensführung mit maximaler moralischer Rechthaberei verbinden zu können – eine kulturhistorisch singuläre Konstellation.

Verlagerung der Moral vom Privaten ins Politische

Erstaunlich an dieser Entwicklung ist dabei weniger die Moralisierung von Sachfragen an sich, sondern vielmehr die Kompromisslosigkeit, mit der dies geschieht. Denn natürlich kann man so ziemlich jede private oder gesellschaftliche Frage auch moralisch betrachten. Die Penetranz und Ausschliesslichkeit, mit der dies heutzutage geschieht, ist jedoch auffällig und erklärungsbedürftig.

An dieser Stelle könnte man natürlich einwenden: Wo liegt eigentlich das Problem? Ein Zuviel an Moral kann es schliesslich nicht geben. Ist es nicht ein Gewinn, wenn moralische Probleme nicht zynisch wegdiskutiert werden? Und ist es nicht ein Fortschritt, wenn moralische Fragen nicht auf Grundlage irgendwelcher Traditionen diskutiert werden, sondern auf Basis einer im besten Fall universalen ethischen Vernunft? Handelt es sich dabei letztlich nicht um einen Triumph der Aufklärung, einen Sieg der vernunftorientierten Argumentation?

So könnte es sein. Doch leider: Der Eindruck täuscht. Abgesehen davon, dass es natürlich immer ein Zuviel an Moral geben kann: Die Inbrunst und die Emphase, mit denen in den westlichen Gesellschaften politische und private Fragen moralisch hochgekocht werden, zeigen, dass es mitnichten um rationale Erwägungen und nüchterne Entscheidungen geht. Vielmehr dient die Moralisierung quasi aller gesellschaftlichen und politischen Fragen der Emotionalisierung und damit der Massenmobilisierung im Kampf um die öffentliche Meinung. Genauer gesagt: Massenmedial geprägte Demokratien modernen Zuschnitts können Sachfragen kaum anders kommunizieren als im Modus der Erregung und Empörung. Das liegt in ihrer Logik. Und nichts empört oder erregt so sehr wie der Streit um das Gute.

Doch moralische Debatten haben nicht nur ein enormes Emotionalisierungspotenzial. Indem sie Gefühle mobilisieren, entlasten sie zugleich vom Nachdenken. Das macht sie so erfolgreich. Moralische Normen bilden das Wohlfühlbecken, in dem die Seele des modernen Menschen munter planscht, den intellektuellen Wellnessbereich, in dem sich das Gemüt beschützt sieht vor den kalten Winden rationaler Begründung und nüchterner Erwägung.

Der Zorn der Empörten und Selbstgerechten

Doch Moral fühlt sich nicht nur gut an, sie verschafft auch eine einmalige rhetorische Ausgangsposition, mit der man etwaige Gegenargumente im Keim ersticken kann. Wer es wagt, zumindest in…

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eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»