Die Landstrasse. Erzählungen & Stein bedeutet Liebe

Von und über Regina Ullmann

Das ganze irdische Elend konnte sie durch die Knopfaugen einer Maus anblicken: «Der Tod war hergerichtet in Gestalt einer Falle.» Die frühberufene Schriftstellerin Regina Ullmann setzte sich der Welt völlig schutzlos aus, sie fühlte ein tiefes «animistisches» Mitleid mit deren Kreaturen. Das macht ihre Texte wie die kurze Erzählung «Die Maus» auch heute noch so anrührend und verstörend. Verarmte, Bucklige, Dienstmägde und immer wieder Kinder voller enttäuschungsgefährdetem Urvertrauen bevölkern die Erzählungen des Bandes «Die Landstrasse», der erstmals 1921 im Insel-Verlag erschien.

Die Frage, wann denn die «grosse Barmherzigkeit» in uns käme, durchzieht als Basso continuo ein Werk, dessen fatalistische Erdenschwere aus heutiger Sicht zwar irritiert, das aber zu Unrecht in Vergessenheit geriet. Selbst in München, wohin sie nach dem Tod des Vaters 1902 als Siebzehnjährige im Schlepptau der Mutter kam und wo sie bis 1936 lebte, erinnert kaum mehr als ein Strassenname an sie. Immerhin erhielt Regina Ullmann, 1884 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns österreichischer Nationalität in St. Gallen geboren, als erste Frau den Kulturpreis ihrer Geburtsstadt. Das war 1954, als sie in einem von Nonnen geleiteten Marienheim lebte. Sieben Jahre später starb sie in Ebersberg bei München, wo eine ihrer Töchter lebte.

Zeitlebens suchte sie Schutz und lehnte sich doch immer wieder gegen ihre Schutzmächte auf – allen voran gegen die bestimmende Mutter, die das schriftstellerische Talent ihrer durch Entwicklungsstörungen retardierten Tochter früh erkannt und mit Nachdruck gefördert hatte. Ihr Début, der Einakter «Feldpredigt» von 1907, trug Regina Ullmann die konstante Bewunderung und Förderung Rainer Maria Rilkes ein. Aber auch Hermann Hesse oder Robert Musil schätzten ihr Werk, das 70 Erzählungen umfasst, als visionär, als Ideal wahrer Volks- und Heimatdichtung. Rilke schrieb über seinen Schützling: «Es handelt sich um eine Dichterin, die sich … ihre Mängel selbst einer intensiven und genialischen Noth des Ausdrucks dienstbar» gemacht habe. «Wir sind gebunden an alle Qualen, die gelitten werden um uns», heisst es in «Die Maus», einer Geschichte von parabelhafter Unausweichlichkeit, die an Kafka denken lässt. Die hohen Erwartungen ihrer Schriftstellerkollegen setzten die stille, linkische Frau wiederum unter starken Druck, was ihre Produktion zeitweise versiegen liess.

Unter dem Einfluss des Geschwisterpaares Delp konvertierte die Jüdin 1911 zum Katholizismus; die teils schroffen Schicksale ihrer Figuren jedoch widersprechen jeder christlichen Heilslehre. So fällt etwa der junge Held aus der novellistisch zugespitzten Erzählung «Von einem alten Wirtshausschild» (die Rilke für ihre reifste hielt) einem nächtlichen Rachekommando wildgewordener Hirsche zum Opfer. Denn er hatte seine wahre Liebe, ein elfenhaftes, aber geistig zurückgebliebenes «Naturwesen», verleugnet, um eine Handwerkertochter zu freien.

Regina Ullmann lernte bitterste Armut kennen; vergeblich versuchte sie sich als Gärtnerin und Kerzengiesserin zu verdingen. Ihre 1906 und 1908 unehelich geborenen Töchter musste sie nicht nur wegen der damaligen gesellschaftlichen Konvention, sondern auch aus ökonomischen Gründen zu Pflegeeltern geben. Diese ausgrenzenden Erfahrungen grundieren ihre Erzählhaltung und lassen bei allem, was diese mehr ahnende denn wissende Autorin schrieb, eine subkutane Beunruhigung und Gefährdung spüren. Eine «Zurückgebliebene» nennt Peter Hamm sie in seinem von Empathie getragenen Nachwort: «Dass die Schönheit die Tochter der Angst ist: für die Gültigkeit dieses Goethe-Worts liefern Regina Ullmanns Erzählungen immer wieder den bewegendsten Beweis.»

Eine zentrale Episode in Regina Ullmanns Leben, die stürmische Liebesbeziehung zu dem Grazer Psychiater Otto Gross, beleuchtet Eveline Hasler in ihrem Buch «Stein bedeutet Liebe». Hasler, auf erfolgreiche historische Frauenbiographien abonniert (und 1994 als zweite Frau nach Ullmann Trägerin des St. Gallener Kulturpreises), skizziert lebendig und anschaulich die extravagante, freizügige Bohème-Atmosphäre im Schwabing alias Wahnmoching des Jahres 1906. Im Café Stefanie verkehrten Freigeister wie Erich Mühsam, Franziska zu Reventlow oder Roda Roda. Hier begegnet der kokainsüchtige Freud-Schüler…

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»