Die künstlerische Intelligenz

Wie werden wir Menschlichkeit definieren, wenn die Maschinen, die wir selber geschaffen haben, intelligenter sind als wir? Werden wir auch in Zukunft nach mehr streben?

Die künstlerische Intelligenz
Illustration: Sofia Paravicini.

Wir alle erleben mit, dass Technologie die menschliche Existenz, wie wir sie bislang gekannt haben, verändert. Während allerdings die jüngsten technologischen Fortschritte eine Reihe von massiven und doch einigermassen vorhersagbaren Veränderungen bewirkt haben – wie die Beschleunigung der Kommunikation, die Optimierung von Produktionsprozessen oder den Zugang zu Informationen in Echtzeit –, überraschen andere Auswirkungen der weltweiten Digitalisierung selbst diejenigen von uns, die ihre Tage damit verbringen, zu überdenken oder neu zu erfinden, wie Technologie in dieser sich ständig wandelnden Welt genutzt werden kann. Hier drei Beispiele:

  • Höchstverdiener unter den YouTubern war 2018 der siebenjährige Ryan. Unglaubliche 22 Millionen Dollar hat er damit eingenommen, sich einer einzigen Sache zu widmen: mit Spielzeug zu spielen. Seit dem Start seines Kanals im Jahr 2015 hat Ryan 17,3 Millionen YouTube-Follower gewonnen, die ihm dabei zuschauen. Mittlerweile stehen die Spielzeughersteller Schlange, um ihn davon zu überzeugen, ihre Produkte auf seinem Kanal zu präsentieren.
  • Im neusten Film der «Star Wars»-Saga, «Rogue One», übernahm Schauspieler Peter Cushing die Rolle des Grand Moff Tarkin – und das, obwohl er seit mehr als zwei Jahrzehnten tot ist. Es war der Anfang einer neuen Ära, in der Disney und andere Filmemacher ihre Talentkarteien um autonome digitale Schauspieler erweitern und Algorithmen verwenden, um einzigartige Leistungen zu erbringen.
  • Vor kurzem haben Musiker ein Instrument vorgeführt, das künstliche Intelligenz nutzt, um das Komponieren musikalischer Jingles für Werbespots zu beschleunigen. Während das Publikum und ich zusahen, griff die KI-gesteuerte Maschine eine simple Melodie auf und lieferte in wenigen Augenblicken Hunderte von Variationen.

Diese unkonventionellen Anwendungen mögen weniger revolutionär oder zukunftsweisend erscheinen als die roboterassistierte Chirurgie oder landwirtschaftliche Robotik, demonstrieren aber, wie anpassungsfähig wir Menschen im Umgang mit technologischen Veränderungen sind: Unsere menschliche Reaktion und Antwort besteht darin, zu nehmen, was wir vorfinden, und das Beste daraus zu machen. Noch vor fünfzig Jahren gab es die heutige Technologie nur in der Vorstellung von Geschichtenerzählern und Filmemachern. Damals hätten auch die fortschrittlichsten Denker weder die vollständig vernetzte Welt des Internets noch den Quantencomputer oder blockchainbasierte Kryptowährungen vorhersehen können. Und an jede dieser Innovationen haben wir uns angepasst. In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass viele Menschen der künstlichen Intelligenz und allem, was sie zu bieten hat, skeptisch – oder sogar ängstlich – gegenüberstehen. Warum? Ich kann nur vermuten, dass die Antwort darin liegt, wie wir uns selbst als Menschen wahrnehmen.

Traditionellerweise definieren wir unsere Menschlichkeit über die Unterschiede zu anderen Tieren, und wir haben ganz auf unsere Gehirnleistung gesetzt, um uns von ihnen abzugrenzen: Menschen haben das Feuer gebändigt, das Rad erfunden und Geräte in die Welt gebracht, dank derer wir um den Globus fliegen und tief in den Weltraum vordringen können. Wenn jedoch diese angeborene Überlegenheit unser Menschsein ausmachen soll, was wird passieren, wenn wir gezwungen sind, uns gegen künstliche Intelligenzen zu behaupten, die wir selber geschaffen haben? Wie sollen wir in einer Welt, in der die von uns produzierten Roboter stärker, geschickter und sogar intelligenter sind als wir selbst, unser Verständnis von Menschlichkeit bewahren? Die Antwort könnte einfacher ausfallen, als Sie denken.

Im Laufe der Geschichte hat sich die Welt um uns herum dramatisch gewandelt, und das meist aufgrund menschlicher Innovationskraft: Ihr verdanken wir die industrielle Revolution, die Eisenbahn, die Luftfahrt und das Computerzeitalter. Wir haben Wege gefunden, um mit all diesen Neuerungen zu existieren – und nahezu durchgängig haben wir auch überraschende Wege gefunden, um diese Veränderungen zu unserem Vorteil zu nutzen und zu gedeihen. Es ist noch gar nicht lange her, dass Computer als Bedrohung für den Lebensunterhalt von Arbeitnehmern galten, oder bestenfalls als Werkzeuge, die unsere Arbeitswoche drastisch reduzieren und uns Zeit zum Müssiggang verschaffen,…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»