Die Krux mit den Katastrophen

Wir klammern uns an die Vorstellung einer berechenbaren Welt. Dabei übersehen wir das wahre Wesen der von uns konstruierten Systeme – deren Unbestimmtheit.

 

Über dem Finanzsystem hängen dicke Wolken. In den tiefen, ja negativen und immer noch weiter sinkenden Zinssätzen schlummert eine Gefahr für die Wirtschaft und das Finanzsystem. Was passiert, wenn das Sparen nicht mehr belohnt wird und nur durch die Inkaufnahme von Risiken Geld erwirtschaftet werden kann? Führen die enorme Verschuldung von Ländern ohne echte Wachstumsmöglichkeiten und die erheblichen politischen Risiken nicht unweigerlich zu einem Zusammenbruch? Können die Zentralbanken die Folgen dieser Entwicklung auf die Dauer abwenden? All das könnte eine Krise auslösen, vor allem vor dem Hintergrund labiler Bankensysteme, welche mancherorts nur mit staatlicher Hilfe aufrechterhalten werden. Auch die hohen Bewertungen der Aktien- und Immobilienmärkte muss Sorgen bereiten – ist es nicht in erster Linie der Anlagenotstand, welcher die Kurse über die realen Gewinnerwartungen hinweg beflügelt? Ist nicht auch die Ausgestaltung unserer auf Sicherheit bedachten Vorsorgesysteme ein zunehmend destabilisierender Faktor der Finanzmärkte? Tatsächlich, die Zukunft für die Jungen sieht kritisch aus, was die eigenen Sparmöglichkeiten anbelangt.   

Bedeutet dies nicht einen bevorstehenden Zusammenbruch des Finanzsystems mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft und die Menschen? 

Komplexe Systeme

Das einzige, was sich dazu sagen lässt: Es wird zu einem nicht bestimmbaren Zeitpunkt eine Krise unbekannten Ausmasses geben, und es ist unklar, wen es mit welcher Konsequenz treffen wird. Mit dieser Prognose haben die meisten Menschen Mühe, man ist erpicht auf sichere, spezifische Erwartungen. Wenn schon Unsicherheit, dann sollte sie sich berechnen und möglichst auf den konkreten Einzelfall anwenden lassen. Knapp fünfzig Prozent der Schneesportunfälle ereignen sich auf Skitouren. Aber in welchen Bergkantonen ist die Wahrscheinlichkeit höher oder tiefer, um welche Tageszeit, wen trifft es eher – Profis oder Touristen, Frauen oder Männer, Junge oder Junggebliebene? Seien wir ehrlich: Eigentlich möchten wir wissen, wen das Schicksal in welchem Zeitpunkt und wo genau treffen wird. Das klingt zunächst makaber – ist es aber nicht, da man das Schicksal in diesem Fall gezielt abwenden könnte. Das Risiko ergibt sich eben gerade in der Nichtabwendbarkeit, durch das Unspezifische. Der Anthropologe Gregory Bateson hält dazu fest, dass «zwischen Aussagen über ein identifizierbares Individuum und Aussagen über die Klasse eine tiefe Kluft besteht. Solche Aussagen gehören verschiedenen logischen Typen an…»1 Auf der allgemeinen Ebene, im Ab­strakten, ist unser Wissen ziemlich präzis, im Einzelfall nicht. 

«Das einzige, was sich dazu sagen lässt: Es wird zu einem nicht bestimmbaren Zeitpunkt eine Krise unbekannten Ausmasses geben, und es ist unklar, wen es mit welcher Konsequenz treffen wird.»

In der Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie ist diese Kluft augenfällig, aber wenn es um ökonomische oder gesellschaftliche Zusammenhänge geht, wird sie als unliebsame Tatsache verdrängt. Jedem Schulkind kann man halbwegs plausibel erklären, weshalb der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann, aber nicht zwingend auslöst. Im sozialen Kontext besteht kein Zweifel darüber, dass ohne Greta die Klimabewegung nicht in Gang gekommen wäre oder ohne Bill Gates die Welt den PC nicht gesehen hätte. Im konkreten Einzelfall haben die Ereignisse tatsächlich den Systemwandel ausgelöst, sie waren bestimmt notwendig, aber nicht hinreichend: Ähnliche Systemeigenschaften treten auch ohne die spezifischen Impulse auf – aber damit tut man sich in sozialen Kontexten äusserst schwer. 

Mit seiner Strickjackenmetapher liefert der Kybernetiker Heinz von Förster eine treffende Veranschaulichung dieses Punktes:2 Wenn eine gehäkelte Weste an einer bestimmten Stelle reisst und dadurch die ganze Weste beschädigt wird, sitzt an dieser Stelle das «Wesen» der Weste, die zur Rettung des Systems geschützt (oder als Schadensursache zerstört, je nach Sichtweise) werden muss? Die Zerstörung kann von jedem beliebigen Punkt aus erfolgen – die Anfälligkeit der Weste ist das Problem und verdient den Fokus, nicht der konkrete Punkt,…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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