Die Intellektuellen und der Sozialismus
Friedrich August von Hayek, fotografiert von Levan Ramishvili

Die Intellektuellen und der Sozialismus

Wer die Intellektuellen sind. Und wie sie zum Sozialismus stehen. Ein Text aus dem Jahr 1949 – heute so frisch wie damals.

I.

Der Einfluss, den in demokratischen Ländern die Intellektuellen auf die Politik ausüben, wird meist als ganz geringfügig angesehen. Soweit wir an ihre direkte Einflussnahme auf die Entscheidung der politischen Tagesfragen denken, ist das auch sicher in weitem Masse richtig. Auf längere Sicht hinaus haben sie aber wahrscheinlich noch nie einen so grossen Einfluss ausgeübt, als das heute gerade in jenen Ländern der Fall ist. Diesen langfristigen Einfluss haben sie auf dem Umweg über die Bildung der öffentlichen Meinung.

Angesichts der ganzen Entwicklung während der letzten Generationen ist es eigentlich überraschend, dass dieser entscheidende Einfluss der berufsmässigen Ideenvermittler noch nicht allgemeiner verstanden wird. Bietet doch die politische Geschichte der westlichen Welt während des letzten Jahrhunderts dafür die schönste Illustration. Die Bewegung, welche die grösste Rolle in dieser Geschichte gespielt hat, der Sozialismus, war kaum je ursprünglich eine Bewegung der Arbeiterklasse. Er ist keineswegs der selbstverständliche Weg zur Abhilfe offensichtlicher Übelstände, auf den jene Klasse durch ihre Interessen notwendig geführt wurde. Er ist vielmehr eine theoretische Konstruktion, die von spekulativen Denkern geschaffen wurde und aus einer Entwicklung des abstrakten Denkens hervorging, mit der lange Zeit nur die Intellektuellen vertraut waren, und es erforderte lange Bemühungen seitens der Intellektuellen, ehe die Arbeiterschaft sich überzeugen liess, dass das sozialistische Programm ihren Interessen entsprach.

In jedem Land, das sich zum Sozialismus entwickelte, ging der Phase, in der er ein bestimmender Faktor der Politik wurde, eine lange Periode voraus, in der die sozialistischen Ideale vor allem das Denken der Intellektuellen beherrschten. In Deutschland war dieses Stadium zu Ende des letzten Jahrhunderts erreicht, in England und Frankreich ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkrieges und die Vereinigten Staaten scheinen diese Phase nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht zu haben. Die Erfahrung zeigt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann die Ansichten, die heute die Intellektuellen vertreten, auch die Tagespolitik beherrschen.

Die Natur dieses Prozesses, durch den die Anschauungen der Intellektuellen die Politik von morgen bestimmen, ist daher von weit mehr als bloss akademischem Interesse. Ob wir bloss die Zukunft voraussehen wollen oder den Lauf der Dinge beeinflussen möchten, dieser Faktor ist offenbar von viel grösserer Bedeutung, als allgemein erfasst wird. Was dem Zeitgenossen oft als ein Kampf widerstreitender Interessen erscheint, ist tatsächlich meist schon lange vorher in einem Kampf der Ideen entschieden worden, der sich in engen Kreisen abspielte. Dabei sind es in der Regel, so paradox das auch zunächst klingt, gerade die Parteien der Linken, die sich offiziell zu dem Glauben bekennen, dass die grossen politischen Fragen ausschliesslich von der zahlenmässigen Stärke der gegensätzlichen materiellen Interessen entschieden werden, die tatsächlich so handeln, als ob sie die Schlüsselstellung der Intellektuellen voll verstünden: Ihr Bemühen war immer bewusst darauf gerichtet, sich die Unterstützung dieser «Elite» zu sichern, während die mehr konservativen Gruppen sich umgekehrt meist von einer recht naiven Vorstellung von einer Massendemokratie leiten liessen und sich vergeblich bemühten, direkt an den einzelnen Stimmträger heranzukommen und ihn zu überzeugen.

II.

Die Bezeichnung «Intellektuelle» ist jedoch keine ganz angemessene Bezeichnung für jene grosse Gruppe, um die es sich hier handelt; und wenn ihre Macht nicht besser verstanden wird, so ist das nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben, dass wir keinen besseren Namen haben, um alle jene Berufe zusammenzufassen, die sich als berufsmässige Ideenvermittler betätigen. Selbst Menschen, die geneigt sind, das Wort «Intellektuelle» in einem geringschätzigen Sinne zu gebrauchen, versagen diesen Titel gewöhnlich einem grossen Teil jener, die unzweifelhaft jene charakteristische Funktion ausüben. Diese Funktion ist weder die des originellen Denkers noch die des Gelehrten oder des Sachverständigen in irgendeinem bestimmten Gebiet. Der typische Intellektuelle braucht kein spezielles Wissen auf irgendeinem Gebiet, er braucht…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»