Die Idee der Freiheit: Eine Bibliothek von 111 Werken der liberalen Geistesgeschichte

Zürich: NZZ-Verlag, 2007

«Freiheit» – der Begriff ist Schlagwort und Schlachtruf, verleitet zu Träumen, Taten, Theorien; er bedeutet vieles, besagt wenig und verheisst darum alles. «Freiheit» machte als Camouflagebegriff Karriere durch die Jahrhunderte und Epochen der abendländischen Kultur. Und enthält deshalb – aller Unbestimmtheit, Wandelbarkeit, Widersprüchlichkeit zum Trotz – die Essenz europäischen Denkens und Strebens.

«Die Idee der Freiheit» ist eine Annäherung an dieses strahlungskräftige Ideal; eine Auswahl von 111 Werken der liberalen Geistesgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart präsentiert bekannte und klassische wie auch unterschätzte oder übersehene Texte. Denker und Titel werden von verschiedenen Autoren – einige davon, wie etwa Gerhard Schwarz oder Robert Nef, mit Namen in der freiheitlichen Publizistik – nach eigener Art und Sichtweise vorgestellt. Für einen einfachen Zugang zu Werk und Person sorgt ein einheitlicher Aufbau: Zitate als Illustration, Biographie als Verständnisgrundlage und ein kurzer Abriss des Werkinhalts.

Entstanden ist ein Smörgåsbord liberaler Ideen, Ideale, Ideologien, aber auch deskriptiver Analysen, Ansätze und Abhandlungen. Bald eher philosophisch, bald eher ökonomisch, bald literarisch. Doch was ist Freiheit? Selbstverständlich sind Schwindler und Verführer weggelassen, deren Freiheitsbegriff von der Geschichte als blosses totalitäres Blendwerk entlarvt wurde. Doch wo die Grenze ziehen? Gerade das Thema Freiheit verbietet eine normative Freiheitsdefinition – so findet man Schumpeter aufgenommen, der das Ende des Kapitalismus prognostizierte. Oder Konfuzius und Lao-Tse, die das Denken eines Kulturraumes prägten, in dem verschiedenste Spielarten des Kollektivismus erprobt, eine freiheitliche Gesellschaftsordnung indes noch nie gewagt wurde.

Gerade die mitunter etwas zufällige, ja gewagte Auswahl kann auch für Anregung sorgen. Auf Gottfried Keller trifft man gänzlich unerwartet, den Platz sieht man ihm jedoch gerne eingeräumt, ist doch sein Schaffen der Selbstverantwortung und Selbstbestimmung in der Milizdemokratie ebenso wie der Versuchung und Verführung durch den Glanz der Macht gewidmet. Desgleichen Fjodor Dostojewskij, der die Diskussion über die Allgemeinverträglichkeit von Freiheit in seinem «Grossinquisitor» zur Weltliteratur veredelte und dem – der Aufstieg neuer, demokratiefeindlicher Experten und Eliten in Verwaltung oder Justiz auch in unserem Land belegt es – beklemmende Aktualität zukommt.

Die üppige Auswahl offeriert, nebst den Klassikern von Aristoteles bis Hayek, reichlich Pragmatisches (beispielsweise Ludwig Erhard und Walter Eucken und deren Schlüsselwerke zur sozialen Marktwirtschaft), Visionäres (vielleicht Helmut Schoecks Theorie über den Neid als Fortschrittsmotor und irrationale Politik als Neidbeschwichtigung, oder Mancur Olson über wirtschaftliche und politische Erstarrungsgefahren) und Radikales (etwa Herbert Spencers wirtschaftlicher Darwinismus; sicher auch Henry David Thoreau, der das individuelle Gewissen über die Bindung an Staat und Gesetze stellt) – die Nennungen liessen sich fortsetzen.

Wie das so ist bei einer Degustation, zu sättigen vermag sie nicht. Sie ist Anregung, Anleitung, Animation. So dient auch das Buch dem Kennenlernen, dem Interessewecken, ist Einladung und Empfehlung zur weiterführenden Lektüre. Anschliessend – der Untertitel weist den Weg – steht womöglich der Gang in die Bibliothek oder Buchhandlung an.

besprochen von MATTHIAS MÜLLER, geboren 1974, promovierter Jurist in Bern.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»