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Die heutigen Vorbilder sind keine mehr

Wer erinnert sich noch an die Hochzeit des Dukes und der Duchesse von Cambridge vor rund einem Monat? Obwohl wir die zahllosen Bilder der Festlichkeiten und des so zuckersüssen Pärchens schon nach kurzer Zeit leid waren, möchte ich die «Hochzeit des Jahres» und die 2,2 Milliarden Menschen, die sie gebannt verfolgt haben, als Aufhänger für […]

Wer erinnert sich noch an die Hochzeit des Dukes und der Duchesse von Cambridge vor rund einem Monat? Obwohl wir die zahllosen Bilder der Festlichkeiten und des so zuckersüssen Pärchens schon nach kurzer Zeit leid waren, möchte ich die «Hochzeit des Jahres» und die 2,2 Milliarden Menschen, die sie gebannt verfolgt haben, als Aufhänger für ein Gedankenspiel nutzen.

Ich gebe mit einem Anflug von Scham zu, dass ich ebenfalls zu diesen 2,2 Milliarden gehörte. Kritiker meinten zwar, dass es sich bei der Hochzeit um eine scheinheilige Veranstaltung gehandelt habe, doch geben wir es ruhig zu: jeder und jede von uns braucht hin und wieder das Märchenhafte im Alltag. Aber ist das wirklich alles? Oder geht es hier um mehr als um ein modernes Märchen – um Bildung, Haltung und Stil?

Im Januar dieses Jahres gab es einen gutmensch-lichen Aufschrei, als Amy Chuas Buch «Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte» erschien. Die Yale-Professorin skizzierte darin ihre uns überaus streng erscheinenden asiatischen Bildungs- und Erziehungsmethoden. Besonders die ausnahmslos jeden Tag stattfindenden, mehrstündigen Pianostunden, die die Mutter ihrer 7 Jahre alten Tochter Lulu auferlegt, waren Stein des – vor allem westlichen – Anstosses. Aber: die «Tigermütter», für die das Buch in Anlehnung an die wirtschaftlich erfolgreichen, aber sittenstrengen «Tigerstaaten» eine Lanze bricht, sind nur ein Beispiel von vielen, wenn es um eine facettenreiche, disziplinierte und vor allem erfolgversprechende Bildungskultur für unsere Nachkommen geht.

Dagegen wirken westliche Länder, was die Bildungsdebatte und die Beispielfunktion von Autoritäten angeht, zunehmend hilflos. Was vom westlichen Nachwuchs zu erwarten ist, lässt sich täglich an vulgären Reality Shows (und ich meine nicht nur «Big Brother», sondern auch andere Formate wie «Jersey Shore», eine US-amerikanische Hymne auf Ignoranz und Unhöflichkeit) ablesen: ihre Helden sind bestenfalls grobschlächtige Footballer, ihre einzigen Hoffnungen gerichtet auf ein grösseres Haus, ein neues Designerstück oder ein schnelleres Auto. Ziel ist privat also das schnelle Geld – und politisch ein aufgeblähter Konsum.

Die Ambition, ein besseres Leben führen zu wollen, ist der Motor für Wachstum. Und jeder, der es geschafft hat, darf selbstverständlich als Vorbild für andere dienen. Inakzeptabel sind aber die selbstgefälligen Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Medien, die vermehrt mit dem Lob der Unterbelichtung hausieren gehen. Politiker, die «BungaBunga»-Partys feiern, Selfmademillionäre, die damit prahlen, noch nie ein Buch gelesen zu haben, oder es lustig finden, dass sie kaum richtig schreiben, geschweige denn richtig lesen können. Tatsächlich sind einige unter ihnen, die ihre Ignoranz als Beweis für die Hingabe zur «Kunst des Geldverdienens» anführen, wie das etwa der britische Grossinvestor Guy Hands tut. Kurz: die vermeintlichen Vorbilder vieler Heranwachsender sind keine mehr. Immer mehr junge Menschen merken das. Statt des schnellen Geldes suchen sie ihr Ideal nun wieder in der Tradition, in Bildung, in Werten – kurz: in verlässlichen Konstanten.

Das bringt mich zurück zur britischen Hochzeit: die Anzieh-ungs-kraft der auf den ersten Blick antiquiert erscheinenden Feierlichkeit bestand für viele Zuschauer auf der ganzen Welt vor allem im vermeintlichen Einblick in jene vielerorts vergessene Ära der Bildung, der guten Manieren, der ansehnlichen Kleidung und der Höflichkeit, die nicht nur konservative Sittenwächter häufig vermissen. Vielleicht darf sie also als Inspiration dienen, um zu veranschaulichen, dass gewisse Standards in Tradition und Erziehung langfristig gewinnbringender sein können als das westliche Heranzüchten einer traditionsentwurzelten Gewinnstrebergeneration, die zur langfristigen Kurzsichtigkeit neigt. Die Royals bieten also Anschauungsunterricht, der nachgefragt wird. Sie haben diese Funktion so lange inne, bis die multitalentierten Kinder der «Tigermütter» herangewachsen und dann den unsren in vielen Belangen überlegen sind – unter anderem sicher auch im Geldverdienen.

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