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Die Herrschaft der Alten scheitert an den eigenen Widersprüchen

Der aufgeblähte Sozialstaat postindustrieller Gesellschaften lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

Die Herrschaft der Alten scheitert an den eigenen Widersprüchen
Die Alterung der Bevölkerung spielt der SRG politisch in die Hände. Das Foto zeigt Bewohner eines Zürcher Altersheims 1981 beim Fernsehen. Bild: ETH Bildarchiv/Patrick Lüthy

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag alte Menschen. Es gibt kaum etwas Einsichtsreicheres, als Geschichten von Leuten mit Lebenserfahrung zu hören. Und ich bin der einzige Mensch, den ich kenne, der sich ernsthaft darüber freut, älter zu werden.

Das Alter ist also zweifellos etwas Schönes. Doch wenn die Gesellschaft als Ganzes immer älter wird, bringt das auch Probleme. Die Lebenserwartung in der Schweiz ist seit der Einführung der AHV 1948 um 17 Jahre gestiegen. Zugleich bekommen wir immer weniger Kinder: Die Fertilitätsrate hat jüngst einen neuen Tiefstand erreicht mit 1,29 Kindern pro Frau; 2,1 wären nötig, um die Bevölkerung langfristig zu erhalten.

Die beiden Trends stellen die Altersvorsorge vor massive Herausforderungen, über die wir an unserem Podiumsgespräch mit Aymo Brunetti am 27. Januar diskutieren werden. Doch die Folgen der Alterung der Gesellschaft gehen weit darüber hinaus. Wie Boris Zürcher in seinem Essay schreibt: «Die Innovationskraft sinkt und der Prozess der schöpferischen Zerstörung verlangsamt sich, die Jobmobilität der Erwerbstätigen und auch die Gründungsdynamik von Firmen nehmen ab.»

Junge Leute sprühen vor neuen Ideen, während Ältere mehr Erfahrung einbringen. Beides ist unverzichtbar. Doch eine Wirtschaft mit weniger Leuten, die neue Impulse setzen, ist insgesamt weniger dynamisch.

 

Good News für die SRG

Ähnliches gilt für die Politik: Eine reifere Gesellschaft setzt andere Prioritäten als eine junge, hungrige. Investitionen in Bildung und Innovation oder in Infrastruktur, finanzielle Nachhaltigkeit oder Standortattraktivität verlieren an Bedeutung; Sicherheit, Gesundheit und die Wahrung des Bestehenden erhalten grösseres Gewicht.

Verstärkt wird das Ungleichgewicht dadurch, dass Ältere politisch deutlich aktiver sind. Bereits heute liegt das Medianalter bei Volksabstimmungen nahe bei 60. Das sind gute Nachrichten für die SRG: Über 60-Jährige verbringen über zehnmal mehr Zeit mit SRF-Fernsehsendungen als unter 30-Jährige. Und sie werden bei der Abstimmung über die Halbierungsinitiative am 8. März deutlich zahlreicher an die Urne gehen.

Spitäler müssen sich ebenfalls keine Sorgen machen: Sie werden mit Subventionen eingedeckt, während jeder Versuch, die Kostenexplosion im Gesundheitssystem zu bremsen, zum Scheitern verurteilt ist. Auch die 13. AHV-Rente kam wesentlich dank den Stimmen von Älteren durch. Ihnen waren ausgebaute Sozialleistungen für sich selbst wichtiger als die Frage, wie ein wachsender Staat nachhaltig finanziert werden kann.

Hier werden die Widersprüche der Gerontokratie offensichtlich: Eine Gesellschaft, die an Innovationskraft verliert und die Ressourcen auf die Sicherung des Bestehenden fokussiert, wird mittelfristig schlicht nicht dynamisch und wettbewerbsfähig genug sein, um das Bestehende aufrechtzuerhalten.

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