Die Herabnahme

Ein Urteil gegen einen galiläischen Prediger stellt Pontius Pilatus vor Probleme. Dessen Anhänger beginnen lautstark zu murren, es macht keinen Anschein, als ginge der Vorfall bald vergessen. Ein etwas anderer Bericht aus dem Jahr 33.

Die Herabnahme
Illustration von Oreste Vinciguerra

 

Ein später Freitagnachmittag im Jahre 33. Es ist warm und trocken, obwohl die Trägheit und Schläfrigkeit mancher Bewohner Jerusalems ein Gewitter erahnen lässt – wobei wir von einem rein meteorologischen Vorgang sprechen und keinerlei Doppelsinn meinen.

Pontius Pilatus, der Statthalter Roms, ist aus Caesarea, wo seine Präfektur ihren Sitz hat, in die Stadt gekommen: In der Zeit des Passahfestes ist eine unfassliche Zahl von Pilgern unterwegs, die Strassen werden förmlich geflutet von fremden Besuchern, und natürlich sind auch Unruhestifter aller Art unterwegs – Diebe, Betrüger, Aufrührer etc. Das bedeutet Arbeit für die Jurisdiktion. Auch diesmal war einige Aufregung zu vermerken.

Das Prätorium in der Oberstadt – vormals der Palast Herodesʼ des Grossen – dient Pilatus für die Dauer seines Aufenthalts als Amtskanzlei. Pilatus hat eine militärische Karriere hinter sich. Er war lange Befehlsempfänger, was heisst, dass er jetzt seinerseits angefüllt mit Befehlen ist; mit Bitten hält er sich jedenfalls weniger auf. Auch eine körperliche Fülligkeit ist ihm zuzuschreiben; die römischen Legionäre ernähren sich zwar vorwiegend vegetarisch, ihr Geschäft ist aber doch ein blutiges, wodurch sich eine gewisse Fleischigkeit aufbaut. Diese mag mit ein Grund sein für die augenfällige Unverrückbarkeit des hingefläzten Statthalters im Sessel hinter seinem Schreibtisch, und vom körperlichen Eindruck kann durchaus auf die innere Struktur geschlossen werden. Weiteres zu seinem Äusseren: Toga mit Purpurstreifen, schütteres schwarzes Haar, kräftige und wohlmanikürierte Finger, die gerade nicht ohne musikantisches Gefühl einen Rhythmus auf die Tischplatte poppern – Marschmusik (avant la lettre).

Auf dem breiten Tisch steht übrigens auch eine honiggelb verzierte Fayenceschale mit Obst – Feigen, Datteln, Trauben mit kleinen blauen Beeren – und ein Blumenbukett in einer Vase, das eine weibliche Hand vermuten lässt.

Auf der anderen Seite des Tischs wiederum, also Pilatus gegenüber, sitzt auf einem lehnenlosen, aber immerhin gepolsterten Schemel der Priester Hannas, schlank, ehrwürdig und in voller Amtstracht samt fünffarbigem Obergewand, Brustharnisch und Kogel auf dem Kopf. Ein offizieller Besuch also? Oder ein überstürzter? (Eine müssige Frage. Vielmehr eine suggestive: Der religiöse Würdenträger geht nie in Zivil.) Sein Rücken ist gerundet, das macht ihn kleiner, als er ist, so dass seine Augenhöhe knapp unterhalb derjenigen des römischen Magistraten liegt, wobei die Demutsgeste sicherlich keine unbewuss­­te ist, dazu ist der Mann zu klug.

«Meine Frau hat sich wieder entsetzt wegen des Hämmerns.» Die Stimme des Pilatus ist sanft, trotzdem drückt eine joviale Garstigkeit durch. «Ich sage: Ja, Schrauben wären natürlich weniger laut. Darauf nennt sie mich einen Zyniker. Was ist das für eine Welt, in der jeder Realist als Zyniker gilt?»

Hannas weiss, dass die Frage eine rhetorische war, gibt trotzdem eine zurückhaltende Antwort: «Ich weiss es nicht, Herr Statthalter. Eine Welt, in der es noch Ideale gibt, vielleicht?»

«Ideale. Die Welt ist der Mahlstein aller Ideale.» Pilatus schnaubt nicht. «Also, mein lieber Hannas, was sagtest du nochmals, worum es gehe?»

«Die Hinrichtungen, Herr Statthalter.»

«Die Hinrichtungen. Was ist damit?»

«Nun, da der Herr Statthalter so direkt fragt»: – der Priester scheint seine Wirbelsäule noch etwas dichter zusammenzuziehen, vielleicht, um sie vor drohenden Erschütterungen zu bewahren – «Es könnte sein, dass wir einen Fehler gemacht haben.»

Das Poppern auf der Tischplatte hört auf. Der Blick des Statthalters richtet sich direkt auf sein Gegenüber. «Einen Fehler gemacht. Wir.»

Das war zu erwarten gewesen. Aber Hannas weiss, dass er und der markige Römer sich im Spielmodus befinden; niemand sonst ist bei ihnen im Raum. «Meine Kollegen Priester», verdeutlicht er, «Kajaphas. Ich. Wir.»

«Ihr habt also einen Fehler gemacht», wiederholt Pilatus ohne Genuss.

«Jawohl, Herr Statthalter.»

«Und worin genau besteht dieser ­Fehler?»

«Das Urteil, das gesprochen wurde…», fängt Hannas vorsichtig an.

«Ein Fehlurteil», unterbricht ihn Pilatus mit süsslichem…

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