Die Herabnahme

Ein Urteil gegen einen galiläischen Prediger stellt Pontius Pilatus vor Probleme. Dessen Anhänger beginnen lautstark zu murren, es macht keinen Anschein, als ginge der Vorfall bald vergessen. Ein etwas anderer Bericht aus dem Jahr 33.

Die Herabnahme
Illustration von Oreste Vinciguerra

 

Ein später Freitagnachmittag im Jahre 33. Es ist warm und trocken, obwohl die Trägheit und Schläfrigkeit mancher Bewohner Jerusalems ein Gewitter erahnen lässt – wobei wir von einem rein meteorologischen Vorgang sprechen und keinerlei Doppelsinn meinen.

Pontius Pilatus, der Statthalter Roms, ist aus Caesarea, wo seine Präfektur ihren Sitz hat, in die Stadt gekommen: In der Zeit des Passahfestes ist eine unfassliche Zahl von Pilgern unterwegs, die Strassen werden förmlich geflutet von fremden Besuchern, und natürlich sind auch Unruhestifter aller Art unterwegs – Diebe, Betrüger, Aufrührer etc. Das bedeutet Arbeit für die Jurisdiktion. Auch diesmal war einige Aufregung zu vermerken.

Das Prätorium in der Oberstadt – vormals der Palast Herodesʼ des Grossen – dient Pilatus für die Dauer seines Aufenthalts als Amtskanzlei. Pilatus hat eine militärische Karriere hinter sich. Er war lange Befehlsempfänger, was heisst, dass er jetzt seinerseits angefüllt mit Befehlen ist; mit Bitten hält er sich jedenfalls weniger auf. Auch eine körperliche Fülligkeit ist ihm zuzuschreiben; die römischen Legionäre ernähren sich zwar vorwiegend vegetarisch, ihr Geschäft ist aber doch ein blutiges, wodurch sich eine gewisse Fleischigkeit aufbaut. Diese mag mit ein Grund sein für die augenfällige Unverrückbarkeit des hingefläzten Statthalters im Sessel hinter seinem Schreibtisch, und vom körperlichen Eindruck kann durchaus auf die innere Struktur geschlossen werden. Weiteres zu seinem Äusseren: Toga mit Purpurstreifen, schütteres schwarzes Haar, kräftige und wohlmanikürierte Finger, die gerade nicht ohne musikantisches Gefühl einen Rhythmus auf die Tischplatte poppern – Marschmusik (avant la lettre).

Auf dem breiten Tisch steht übrigens auch eine honiggelb verzierte Fayenceschale mit Obst – Feigen, Datteln, Trauben mit kleinen blauen Beeren – und ein Blumenbukett in einer Vase, das eine weibliche Hand vermuten lässt.

Auf der anderen Seite des Tischs wiederum, also Pilatus gegenüber, sitzt auf einem lehnenlosen, aber immerhin gepolsterten Schemel der Priester Hannas, schlank, ehrwürdig und in voller Amtstracht samt fünffarbigem Obergewand, Brustharnisch und Kogel auf dem Kopf. Ein offizieller Besuch also? Oder ein überstürzter? (Eine müssige Frage. Vielmehr eine suggestive: Der religiöse Würdenträger geht nie in Zivil.) Sein Rücken ist gerundet, das macht ihn kleiner, als er ist, so dass seine Augenhöhe knapp unterhalb derjenigen des römischen Magistraten liegt, wobei die Demutsgeste sicherlich keine unbewuss­­te ist, dazu ist der Mann zu klug.

«Meine Frau hat sich wieder entsetzt wegen des Hämmerns.» Die Stimme des Pilatus ist sanft, trotzdem drückt eine joviale Garstigkeit durch. «Ich sage: Ja, Schrauben wären natürlich weniger laut. Darauf nennt sie mich einen Zyniker. Was ist das für eine Welt, in der jeder Realist als Zyniker gilt?»

Hannas weiss, dass die Frage eine rhetorische war, gibt trotzdem eine zurückhaltende Antwort: «Ich weiss es nicht, Herr Statthalter. Eine Welt, in der es noch Ideale gibt, vielleicht?»

«Ideale. Die Welt ist der Mahlstein aller Ideale.» Pilatus schnaubt nicht. «Also, mein lieber Hannas, was sagtest du nochmals, worum es gehe?»

«Die Hinrichtungen, Herr Statthalter.»

«Die Hinrichtungen. Was ist damit?»

«Nun, da der Herr Statthalter so direkt fragt»: – der Priester scheint seine Wirbelsäule noch etwas dichter zusammenzuziehen, vielleicht, um sie vor drohenden Erschütterungen zu bewahren – «Es könnte sein, dass wir einen Fehler gemacht haben.»

Das Poppern auf der Tischplatte hört auf. Der Blick des Statthalters richtet sich direkt auf sein Gegenüber. «Einen Fehler gemacht. Wir.»

Das war zu erwarten gewesen. Aber Hannas weiss, dass er und der markige Römer sich im Spielmodus befinden; niemand sonst ist bei ihnen im Raum. «Meine Kollegen Priester», verdeutlicht er, «Kajaphas. Ich. Wir.»

«Ihr habt also einen Fehler gemacht», wiederholt Pilatus ohne Genuss.

«Jawohl, Herr Statthalter.»

«Und worin genau besteht dieser ­Fehler?»

«Das Urteil, das gesprochen wurde…», fängt Hannas vorsichtig an.

«Ein Fehlurteil», unterbricht ihn Pilatus mit süsslichem Unterton. «Ist es das, was du sagen wolltest, lieber Hannas?»

«Keineswegs, Herr Statthalter. Das Urteil, das Sie gesprochen haben, ist natürlich juristisch einwandfrei.» Die Stimme des Priesters verrät sich nicht durch das leiseste Zittern. «Aber wir hatten Gründe, unseren Part in der Sache noch einmal zu überdenken.»

«Augenblick.» Pilatus setzt sich endlich gerade auf, legt die behaarten Unterarme auf den Tisch und runzelt die Stirn. «Von wem reden wir überhaupt? Drei ­Männer wurden heute früh angenagelt, stimmt’s? Geht’s um den Strassenräuber mit den roten Haaren? Dismas mit Namen, richtig? Was für ein Mundwerk! Ich habe gehört, noch da oben, aufgepinnt an dem Sprengel, sei er über die anderen Verurteilten hergezogen, so à la: ‹Endlich hast du das Publikum deines Lebens, Kamerad, nun steig doch runter, du Entfesselungskünstler, oder hast du etwa den Zitterer? Lampenfieber?›» Pilatus klatscht böse lachend in die Hände, lehnt sich wieder zurück. «Unbezahlbar! So einen Mann sollte man in Rom in den Zirkus stellen, der gehört auf die grosse Bühne. Aber das ist natürlich logistisch nicht machbar.» Er zuckt die Schultern mit ironischem Bedauern.

Hannas bleibt so sachlich wie möglich: «Es geht um den Galiläer. Den Prediger.»

«Dachte ich mir schon», sagt Pilatus, der schlagartig wieder ernst geworden ist.

«Ihre Intuition ist beeindruckend, Herr Statthalter.» Hannas gelingt es zu schmeicheln, ohne schmeichlerisch zu klingen. «Ich bin hierhergekommen, weil ich zur Ansicht gelangt bin, dass man die ganze Angelegenheit vielleicht einer Revision unterziehen müsste, und ich wollte hören, was der Herr Statthalter in seiner Weisheit dazu zu sagen weiss.»

«Sind wir da nicht vielleicht ein ganz klein wenig spät dran?» Pilatus neigt sich vor und ahmt eine Art Grinsen nach. «Mal ganz im Vertrauen: Die Sache ist schon gelaufen. Gefallene Würfel. Der Mann hängt zum Trocknen in der Sonne. Es liegt nicht mehr in meinen Händen.» Er breitet dieselben Hände aus und zeigt, dass tatsächlich nichts darin liegt.

«Ihre Hände, Herr Statthalter sind… sehr sauber.» Eine erstmalige kleine Verlegenheit auf Hannasʼ Seite; natürlich kostet es ihn Überwindung, das Spiel des anderen zu spielen. «Ich habe mir sagen lassen, dass er noch lebe.»

«Halleluja», wird aus dem Sessel des Statthalters unfromm gerufen.

«Ich habe mir ausserdem sagen lassen, dass man ihn wieder herunterholen könnte.»

«Das wäre in der Tat eine Premiere.» Der Gedanke lässt den Ansatz eines echten Lachers aus Pilatusʼ Kehle entweichen.

«Der Herr Statthalter hat uns schon manches Mal überrascht, wenn ich das anmerken darf.» Ganz kurz hebt nun Hannas maliziös den Zeigefinger.

«Ich wusste gar nicht, dass du einen Sinn fürs Komische hast. Ihr seid ja sonst immer so feierlich.» Pilatus presst die Stimme zu einem parodistischen Singsang: «Man preise den Herrn, das Rote Meer ist vor uns Spalier gestanden. Fleisch ja, nur bloss keines mit Hufen. Samstag kein Tanz. Zehn Gebote, aber nicht eines mehr oder weniger, und in Stein gemeisselt müssen sie sein. Aber gut, ich höre.»

Hannas räuspert sich, blickt zu Boden, sieht wieder auf. «Es ist so, dass wir uns vielleicht haben hinreissen lassen. Und nun sehen wir in der ganzen Sache nicht gut aus.»

«Es geht dir also darum, wie es aussieht? Einen Mann ans Kreuz zu nageln, sieht nie gut aus.» Er beugt sich wieder vor und flüstert in wüster Vertraulichkeit: «Das ist auch der Sinn der Sache. Es soll gar nicht gut aussehen.»

Hannas behält seine Contenance. «Ich meine das Gerede, Herr Statthalter. Die Gerüchte. Davor sind wir alle nicht gefeit. Nicht wahr, Herr Statthalter?»

Pilatusʼ Brauen verdüstern sich. «Was willst du damit sagen?»

«Ich habe Stimmen gehört in den Gassen.» Hannas legt die Finger der Hände aneinander, wie zum fragilen Baugerippe einer Gebetsgeste. «Da heisst es: Die Hohenpriester haben unseren Heiland hingerichtet. Es heisst: Hannas und Kajaphas haben sich verschworen und mit den Römern paktiert. Es heisst: Ein Unschuldiger wurde ans Kreuz geschlagen.» Er öffnet seine Hände wieder, sieht auf, spricht eindringlicher. «Es scheint, als hätte sich seine Anhängerschaft über Nacht vervielfacht. Vielleicht haben wir auch seinen Rückhalt im Volk unterschätzt. Jedenfalls wird das Murren immer lauter, und ich habe eine Ahnung, als könnte das noch lange so weitergehen. Wochen. Oder noch länger.»

Pilatus hat das Gesicht verzogen und ist etwas zurückgewichen, wie vor etwas Ungeniessbarem. «Hattest du Hühnchen zu Mittag oder liest du jetzt aus der Kristallkugel? Und seit wann gilt der Galiläer bei dir als Heiland?»

«Ich paraphrasiere nur, was ich höre.»

«Verurteilt wurde er als I-N-R-I, du erinnerst dich. König der Juden. Ein Aufständischer. So wolltet ihr es haben, richtig?» Der Statthalter lässt jetzt zum ersten Mal den Anflug einer echten Gefühlsregung vernehmen: Ungeduld.

Hannas befeuchtet die Lippen. «Nun, Herr Statthalter, unser Punkt war eigentlich ein anderer.»

«Richtig?» Und diese Wiederholung klang scharf. Das Vorgeplänkel ist endgültig vorüber.

«Natürlich, Herr Statthalter», sagt der Priester mit einem Nicken, das halb zur Verbeugung wird.

Pilatus, indem er auf das Gegenüber zeigt: «Ich zitiere wörtlich: ‹Wenn du ihn freilässt, bist du des Kaisers Freund nicht! Jeder, der sich zum König macht, widersetzt sich dem Kaiser!› Und dann diese Hysterie: eine Meute! Da unter meinem Balkon haben sie gestanden und skandiert: ‹Kreuzige ihn, kreuzige ihn!› Ich: ‹Was, euren König soll ich kreuzigen?› Aber die sind ja komplett immun gegen jeden Humor: ‹Wir haben keinen König ausser dem Kaiser!›, haben sie geschrien.» Er entspannt sich wieder etwas, zeigt auf sein Auge: mon œil. «Keinen König ausser dem Kaiser – das glaube ich erst dann, wenn die Steuern fällig sind. Und jetzt stehst du hier und behauptest, die Sache sei ein Irrtum?»

«Die Dinge sind ausser Kontrolle geraten, Herr Statthalter», bietet Hannas ratlos als Antwort an. «Kajaphas hat die Nerven verloren.»

«Dein Schwiegersohn.» Die routinemässige Einladung zu einer weiteren kleinen Selbstkritik auf Seiten des Bittstellers.

Hannas schluckt gehorsam. «Jawohl, Herr Statthalter. Mein Schwiegersohn Kajaphas hat die Nerven verloren. Die längste Zeit hat uns dieser Jesus verunglimpft, er hat uns Natterngezücht geschimpft und Heuchler und getünchte Gräber und…»

«Zungenfertig.» Pilatus streicht sich amüsiert über die glattrasierten Wangen. «Ich weiss schon, er hat in eurem Revier gewildert. Die Reitgerte hat er geschwungen und die Krämer und Wechsler aus dem Tempel verjagt, zack, zack.» Er macht lustig ein paar Hiebe in die Luft. «Das hat mich beeindruckt, übrigens. Und das Beste: Er verkündet: ‹Ich werde diesen Tempel in drei Tagen niederreissen und wieder aufbauen!› Dein guter Kajaphas hat natürlich nur ‹niederreissen› gehört.» Pilatus lacht; sofort nässen sich seine dunklen Augen.

Illustration von Oreste Vinciguerra

«Er war verantwortlicher Hohepriester und musste sich viele Schmähreden anhören, Herr Statthalter.» Hannas wendet den Blick ab, der auf ein Wandgemälde gefallen ist, versehentlich vermutlich; neben einer Jagdszene und ringenden Athleten zeigt eine der von den römischen Befriedern geschaffenen Boiseries ein Gelage inklusive nackter Frau, und rasch sieht der Priester zu Boden.

Der Römer fährt fort mit seiner freimütigen Nacherzählung: «Ich habe es mir genau schildern lassen: Er hat sich vor dem ganzen Synedrium den Mantel entzweigerissen in der Wut und dazu gebrüllt: ‹Der Mann hat Gott gelästert, was braucht es noch Beweise, es reicht, mir strecken sich die Ohrenlocken, mehr dulde ich nicht, jetzt machen wir ihn platt!›» Er lacht noch einmal. «Wie man mir sagte, war er selber erstaunt über die Wirkung. Plötzlich lassen sich alle von seinem Feuer anstecken und springen auf und schreien: ‹Tod, Tod!›, und prügeln auf den kleinen Sektenführer ein. Nicht eure goldenste Stunde, lass mich dir das sagen. Aber ich verstehe schon – eine durchwachte Nacht… Die Nerven liegen blank… Aber was ihr euch für euren Gott immer hinreissen lasst! Völlig irrational. Irgendwie weibisch, findest du nicht?»

Hannas lässt sich weder zu einem subalternen Einvernehmen herab noch ist ihm eine Andeutung von Dégout anzumerken. «Nun, Herr Statthalter, einen realen Hintergrund hatte die Anklage: Wenn da plötzlich ein Mensch auftaucht, dem alle zulaufen und dem alle gefallen wollen, dem alle nachsprechen, was er vorsagt, und dann marschieren sie allesamt nach Jerusalem und schwören Gehorsam – irrational, ja, weibisch, meinetwegen –, dann besteht doch die ernstzunehmende Gefahr, dass es zu einem Umsturz kommen könnte. Politisch.»

Pilatus wedelt ein paar Fliegen von der Obstschale weg. «‹Die Anklage hatte einen realen Hintergrund›? Du sagst das so, als ob anderes an dem Fall womöglich nicht ganz so koscher wäre.»

Vielleicht hat Hannas jetzt das Interesse des Offizials gewonnen. Er nimmt es sich heraus, deutlicher zu sprechen, weiter auszuholen: «Wir sahen uns gezwungen, den Mann ständig hin und her zu schicken. Seine Renitenz hat uns zu schaffen gemacht. Er hat kaum den Mund aufgemacht. Dabei gilt er als so eloquent, er hat die Massen gefesselt, er hat im Tempel gepredigt, er hat am Berg gepredigt. Aber als er vor uns stand, sagte er kein Wort. So schickte man ihn zu Kajaphas, man schickte ihn zu Herodes, man schickte ihn zum ehrenwerten Statthalter.»

«Na und?»

«Nun, zum einen ist es Nacht geworden über dem Prozedere», sagt Hannas geduldig.

«Und?» Tatsächlich hört der Statthalter jetzt aufmerksam zu. Düster, aber aufmerksam.

«Das heisst, wir haben gegen das Gesetz verstossen, Herr Statthalter. Man darf nachts nicht verhandeln. Ausserdem war Pessach. Da ist es uns nicht erlaubt, Todesurteile zu fällen.»

«Wir nehmen es aber sehr genau.» Pilatus blickt über die Schulter zur breiten Fensterfront, unter welcher gedämpft das Getriebe der Stadt hörbar ist, Hufgetrappel, Streitereien, religiöse Gesänge (wegen des Feiertags), aber sein Desinteresse dürfte gespielt sein.

«Das Gesetz ist unser Leben, Herr Statthalter. Deshalb sind wir Rom auch immer treue Untertanen gewesen.»

«Darüber liesse sich streiten», murmelt Pilatus; nur ein Kommentar, das Thema ist hier nicht zu vertiefen.

Hannas führt weiter aus: «Wie dem auch sei, umständehalber wurde das Urteil überdies in einem Privathaus gesprochen.»

«Das gilt auch nicht?», fragt Pilatus halb spöttisch, halb müde.

«Nein», sagt der Priester trotzig.

«Aber verurteilt wurde er von mir.» Dem Statthalter ist anzuhören, dass er die Diskussion langsam auf den Punkt bringen will. «Wegen der Bedrohung der öffentlichen Ordnung, die von ihm ausging. Immerhin kündigte er ständig an, es werde im Osten blitzen und dann werde er unser Reich in Besitz nehmen. Die Bildsprache ist ein bisschen überzogen, wenn du mich fragst, aber das hat er eben gesagt.»

«Er schrieb seinen Anhängern vor, dafür zu beten, dass sein Reich komme», sagt Hannas mit feiner Betonung.

«Eben.»

«Also das Reich Gottes.»

Pilatus lächelt wieder sein Raubtierlächeln. «Unser Reich ist auch ein Gottesreich.» (Ob der Römer die Identifikation seines Kaisers mit einem Gott insgeheim anzweifelt?)

«Er erklärte aber auch, sein Reich sei nicht von dieser Welt.» Es scheint jetzt um juridische, nein theologische Genauigkeit zu gehen.

«So?» Pilatus weiss nicht recht, ob er gelangweilt oder verständnislos klingen soll.

Hannas, immer noch genau: «Und das Reich Gottes sei inwendig in seinen Anhängern.»

Pilatus winkt ungehalten ab, beschleunigt das Tempo wieder: «Wie auch immer, ich erinnere mich doch an den Wortlaut unserer kleinen Unterhaltung. Ich fragte ihn: ‹Bist du also ein Galgenstrick, bist du ein Revoluzzer, bist du dieser ewig unzufriedene demagogische Aufrührer, wie man es dir vorwirft?› Und er: ‹Du sagst es.› Du sagst es – voilà. Ein klareres Schuldbekenntnis habe ich noch nicht gehört.» Der Statthalter setzt die Faust wie einen Richtblock im Kleinformat auf die Tischplatte.

Hannas wendet, wieder mit bescheiden erhobenem Zeigefinger, ein: «Wenn es mir richtig zugetragen wurde, Herr Statthalter, fragten Sie, ob er der König der Juden sei.»

«Meinetwegen.»

«Und er antwortete auf Aramäisch.» Immer noch der vorsichtige, schwebende Zeigefinger.

«Ja, und?»

«Nun, ich glaube, wir können davon ausgehen, dass es dabei zu einem Missverständnis gekommen ist. Zu einem Übersetzungsfehler. Er meinte wohl – verzeihen Sie, ich zitiere – er meinte wohl: ‹Das sagst nur du.›»

«So?» Pilatus bleibt ausdruckslos, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass er mitdenkt.

Der Priester führt die Überlegung behutsam aus: «‹Das sagst nur du›, also in dem Sinne: ‹Ich habe das nie behauptet›, ‹das unterstellst du mir jetzt›.»

«Ich hatte schon verstanden.» Es wäre ein guter Moment für Pilatus, um aufzustehen und ans Fenster zu treten und seinem Gast den Rücken zuzukehren, aber stattdessen hat er eine Feige aus der Schale genommen und beäugt sie missvergnügt, indem er sie zwischen den Fingern dreht. «Du willst mir also jetzt sagen, er sei unschuldig.»

«Es will mir so scheinen, Herr Statthalter», kommt es wie ein Geständnis aus Hannas heraus.

«Und weiter?» Die Feige wird immer noch gezwirbelt.

«Die Anhängerschaft dieses Mannes, Herr Statthalter, besteht aus lauter Fanatikern. Schwärmern. Enthusiasten.»

«Ja, eine himmeltraurige Kamarilla. Und dann diese Erbauungssprüchlein. ‹Selig sind die geistig Armen, selig sind die Trauernden.› Selig die, selig da. Dass man mit dergleichen bei alten Weibern hausieren kann, leuchtet mir ein, aber seine Getreuen sind ja zu grossen Teilen leidlich gutaussehend und sportlich und stehen mitten im Berufsleben.» Er schüttelt den Kopf, legt die Feige ungegessen zurück in die Schale. «Ihr Brüder seid mir alle ein Rätsel.» Endlich steht er doch auf und tritt ans Fenster.

Ein Esel schreit von der Strasse her.

«Aber worauf ich hinauswill», sagt Hannas zur Hinteransicht des Statthalters, «sie werden uns diffamieren.»

«Diffamieren.» In Pilatusʼ Mund klingt das Fremdwort sehr fremd. Er dreht sich wieder zum Priester um. «Ich dachte, die wären so gross im Vergebungsgeschäft. Ich kann nicht glauben, dass diese Clique so viel Einfluss haben soll. Ihr ganzes aufgeblähtes Narrativ ist ja nichts als ein Cocktail von alten Binsenwahrheiten. Orphisches, Pythagoräisches – das haben wir bei Vergil schöner ausgedrückt. Jüdische Endzeiterwartung, etwas Mithraskult dazu, ausserdem ein Schuss ägyptisches Mysterienblabla, das Ganze gut geschüttelt… Ein eklektizistisches Sammelsurium. Wie sie selber sagen: Alter Wein in neuen Schläuchen, richtig?» Trotzdem, etwas hat Pilatus beunruhigt.

«Es sind Ideologen.» Hannas zuckt resignativ die Schultern. «Ideologen, die so von ihrer Überzeugung angefüllt sind, dass neben ihnen kein anderes Bewusstsein bestehen kann. Und ihre schiere Zahl ist nicht zu unterschätzen.»

«Moment, lass mich überlegen.» Pilatus tut, als würde er nachrechnen, schnippt mit den Fingern, setzt ein bestürztes Spottgesicht auf. «Ganze dreizehn sind es. Nein: zwölf. Richtig?»

«Mit Verlaub, Herr Statthalter. Der Mann hat einmal viertausend Zuhörer zugleich verköstigt, ein anderes Mal waren es fünftausend.»

«Ein Koch ist er auch noch?»

«Er scheint ein gewaltiges Charisma zu haben.»

Pilatus seufzt genervt. «Du sprichst immer noch in der Gegenwartsform von ihm.»

«Wir besprechen hier ja seine mögliche Entlassung, nicht wahr, Herr Statthalter? Die Geschichte seines Lebens, wie sie jetzt die Runde macht, hat seinen Tod zum Schluss. Die Schuld daran wird uns zugeschoben. Mir. Meiner Familie. Der Priesterschaft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man das auch schriftlich so darstellen wird. Wer weiss, womöglich gar in Buchform.»

«Es rührt mich, dass du glaubst, das kümmere mich», ätzt Pilatus von oben herab. Im Gegenlicht wirkt er sehr finster.

«Nun, eben weil ich der Ansicht bin, dass es Sie durchaus kümmern sollte, Herr Statthalter, darum bin ich hier.» Hannas hat sich jetzt endlich wieder gerade aufgesetzt, die Gefahr, dass er den stehenden Statthalter überragen könnte, ist nicht mehr gegeben.

«Weshalb?» Pilatus verschränkt die Arme vor der Brust

«Die Geschichte ist so eindeutig nicht. Man munkelt bereits, dass der Herr Statthalter sich unter dem Druck der Öffentlichkeit zum Rechtsbeuger gemacht habe.» Hannas hebt beschwichtigend die Hand. «Vergeben Sie mir, ich teile diese Ansicht keineswegs, ich gebe nur wieder, was mir zugetragen wurde. Es ist sehr bedauerlich. Aber da unsere eigene Vorverhandlung sich als unrechtmässig herausstellen dürfte – Pessach, wie gesagt, nachts, Privathaus –, ist die Möglichkeit nicht auszuschliessen, dass Sie, Herr Statthalter, zum Schluss in der Verantwortung stehen könnten, wenigstens bei manchen verwirrten Geistern. Ich weiss nicht, ob der Kaiser einen solchen Skandal goutieren würde.» Er hat sich alle Mühe gegeben, diesen letzten Satz nicht süffisant klingen zu lassen.

Illustration von Oreste Vinciguerra

Pilatus tritt wieder zum Fenster, nah genug, um auf die Menge in den Strassen hinunterblicken zu können. Vor sich hin sagt er: «Was für eine abstossende Figur. Persönlich war er mir gar nicht so unsympathisch, aber dieser Ehrgeiz, diese Gier nach Rampenlicht! Wo man hinkommt, heisst es: ‹Jesus ist über die Wellen gehüpft›, ‹Jesus hat diesen geheilt und den geheilt›, ‹Jesus hat Wasser in Wein verwandelt und Steine in Brot und Tote in Lebendige und Holzköpfe in Schlaumeier›, Jesus dies, Jesus das. Jesus Jesus Jesus.» Er hat eine falsche Waschweiberstimme aufgesetzt, und sein Ärger ist dabei schon halb in satirische Schauspielkunst sublimiert worden. «Jesus der Gesalbte. Ich sagte zu ihm: Bei uns ölt man sich für bestimmte Praktiken, was habt ihr denn nachts getrieben? Darauf er: ‹Wir haben gebetet.› Wie gesagt: humorlos.» Er schüttelt den Kopf.

Ein Klopfen an der Tür.

Pilatus dreht sich um. «Herein.»

Eine Wache tritt ein, begleitet von einem elegant gewandeten Einheimischen: Joseph von Arimathäa.

«Dieser Herr aus Arimathäa möchte Sie sprechen», sagt die Wache soldatisch knapp.

«Nun?», fragt Pilatus unwirsch.

Joseph tritt näher und deutet eine Verbeugung an. Geldadel. «Herr Statthalter, drei Männer sind heute Vormittag Ihrem Urteil gemäss hingerichtet worden.»

Pilatus wirft Hannas einen durchdringenden Blick zu; dieser starrt regungslos vor sich hin.

Der neu Eingetretene fährt fort: «Ich bitte darum, dass man mir den Leichnam eines der Verurteilten aushändigt, damit er ordentlich bestattet wird.»

«Gemäss meinem Urteil», wiederholt Pilatus düster.

«Bitte?» Joseph erkennt, dass hier etwas Ernsthaftes besprochen wurde; was es war, kann er natürlich nicht erraten. «Jawohl, Herr Statthalter. Gemäss Ihrem… gerechten Urteil.» Vielleicht ist es dieses Beiwort – ein Beiwort, das in Pilatusʼ Ohren jetzt natürlich mehr als ironisch klingen muss –, das ihn endgültig zum Umschwung bringt.

Nach einer Pause, in welcher der Statthalter von Hannas und Joseph genau beobachtet wird, fragt er: «Jesus?»

Joseph nickt. «Ja, Jesus. Warum…»

«Ist er tot?»

«Ich bin nicht sicher», sagt Joseph verwirrt. «Ich glaube, noch lebt er. Aber…» Er zuckt die Schultern, um anzudeuten, was alle wissen: dass der Tod sich irgendwo draussen auf den Hügeln im Sturzflug befindet.

Pilatus überlegt. Dann sagt er zur Wache: «Hängt ihn ab.»

Die Wache neigt verdutzt den Kopf, glaubt, nicht recht gehört zu haben.

«Los!», ruft der Statthalter.


Illustrationen von Oreste Vinciguerra


Beim vorliegenden Text handelt es sich um den Anfang des Romans «Die Herabnahme», der voraussichtlich im kommenden Herbst erscheinen wird.

«Die letzte Bastion
des klassischen Liberalismus
im deutschen Sprachraum.»
Titus Gebel, Unternehmer und Lebenszeitabonnent,
über den «Schweizer Monat»