Die handgefertigte Krise
der neuen Globalisierung

Die Angst geht um, und sie ist real: kein Beruf ist mehr sicher, ganze Industrien verschwinden. Der wirtschafts- und sozialpolitische Protektionismus des letzten Jahrhunderts lebt wieder auf – und macht alles nur noch schlimmer.

Einhundert Jahre lang gab es in South Carolina Textilmühlen wie Sand am Meer. Jobs waren für hoch und gering qualifizierte Arbeiter im Überfluss vorhanden. Tempi passati! Die gering qualifizierten Arbeitnehmer South Carolinas kämpfen heute gegen Roboter – zu Hause und in China. Die Schlacht verläuft nicht gut für sie. Computergestützte Fertigungsverfahren verwandelten die Textilmühlen South Carolinas in autonome, computergesteuerte Maschinen. Ein Witz aus South Carolina, von Adam Davidson 2012 im «Atlantic»-Magazin erzählt («Making it in America»), lässt tief blicken: moderne Textilmühlen stellen nur noch einen Arbeiter und einen Hund an. Den Arbeiter, um den Hund zu füttern – und den Hund, um die Leute von den Maschinen fernzuhalten.

Die Folge: die Fertigung driftet auseinander. In den USA verbleibende Produktionsschritte erfordern eine Handvoll hoch qualifizierter Arbeiter und jede Menge Technologie. Jobprofile für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer werden gebündelt und in Niedriglohnländer ausgelagert oder automatisiert. In Europa mag es noch nicht so weit sein, doch ist der Trend klar. Europas Nachkriegsfabrikationswunder ist das Fabrikationsmalaise des 21. Jahrhunderts.

Zweierlei Globalisierung

Das Malaise provoziert Nostalgie bei Politikern, Gesellschaftsaktivisten und -analysten. 1950 arbeitete ein Fünftel der Europäer auf Bauernhöfen, die Einkommen waren niedrig und die Sozialleistungen dürftig. Als 1973 der Ölschock kam, war Europa ein anderes. Hunger, Entwurzelungen und Zerstörungen der Nachkriegsjahre waren vom Massenkonsumismus und vom Reichtum der Mittelklasse abgelöst worden. Die Welt beneidete Europa um seine Von-der-Wiege-bis-zur-Bahre-Sozialpolitik. All dies hing an Europas Fabrikationswunder. Die Industrieproduktion wuchs schneller als die nationalen Einkommen – und die Industrieexporte schneller als beide.

Viele nahmen das Verhältnis zwischen Fabrikation und Wohlstand als kausal an und scheinen heute entschlossen zu sein, das europäische Malaise mit einer Begünstigung der hiesigen Fabrikationen zu bekämpfen. Wenn dies für die Post-2.-Weltkriegs-Generation funktionierte, warum sollte es nicht auch für die Post-Krisen-Generation klappen?

«Die neue Globalisierung ist ungestümer als die alte Globalisierung.»

Aber es hat einen simplen Grund, warum die Fabrikation heute nicht mehr die Rolle spielt, die sie in den Nachkriegsjahren spielte. Die Natur der Globalisierung hat sich gewandelt: Die Informationstechnologie erlaubte es den Firmen reicher Länder, ihr fortschrittliches Know-how mit billigen Arbeitskräften in Niedriglohnländern zu kombinieren. Neue Wissensströme halfen, einige arme Länder zu industrialisieren, jedoch zerstörten sie den Lebensunterhalt vieler Arbeitnehmer reicher Länder. Tatsächlich sind Wut, Frust und das Gefühl des Entzugs wirtschaftlicher Mitbestimmung rational. Die neue Globalisierung beeinflusst reiche Ökonomien auf eine individuellere, plötzlichere, unvorhersehbarere und unkontrollierbarere Weise. Die neue Globalisierung ist ungestümer als die alte Globalisierung. Unfairer. Firmen können Know-how-Aktiva in Entwicklungsländern als Hebel einsetzen. Das treibt den Wert der Firmen hoch, zugleich engt es den Verhandlungsspielraum der Arbeitnehmer reicher Länder in Sachen Lohn ein.

Unter den am höchsten qualifizierten, am besten auf dem Arbeitsmarkt platzierten Arbeitnehmern in den USA hat der Wettbewerb nicht zugenommen – eher im Gegenteil. Die neue Globalisierung öffnete ihnen ein noch grösseres Feld, auf dem sie ihre Talente einsetzen können. Für US-Arbeiter hingegen, deren Fähigkeitsprofile näher an dem von Arbeitern in Entwicklungsländern sind, hat die neue Globalisierung eine drastische Zunahme an Wettbewerbern gebracht, dies umso mehr, da die Wissensumgebungen ihrer Arbeitgeber immer auslagerbarer wurden.

Die Unsicherheit wird akzentuiert durch die Unvorhersehbarkeit des künftigen Globalisierungsverlaufs. Die frühere Unterscheidung zwischen «Sunrise»- und «Sunset»-Sektoren, zwischen auf- und absteigenden Industriezweigen, funktioniert nicht mehr. Im Rahmen der neuen Globalisierung ist der globale Wettbewerb sehr viel persönlicher: einerlei, was für einen Job man hat, und ungeachtet des Sektors, in dem man arbeitet – niemand ist sicher, dass der eigene Job nicht der nächste ist, der verschwindet oder von der Globalisierung profitiert.

Berechtigte Ängste und falsche politische Rezepte

Das macht Angst. Es entsteht ein mit Händen greifbares Gefühl der Unsicherheit, das angesichts der Wirtschaftsstatistiken in bezug auf Arbeitslosigkeit und durchschnittliche Lohnzuwachsraten ungerechtfertigt erscheinen mag. Die Wut ist rational, das allerdings gilt nicht für die gegenwärtige politische Reaktion darauf. Denkfehler haben Politiker, vom die Massen aufpeitschenden Populisten bis zum Mainstreampolitiker, dazu verführt, Politiken ins Gespräch zu bringen, die das wahre Problem nicht beseitigen. Welche?

Das aktuell populäre Kappen von Handelsverträgen oder gar ein Aussetzen des Handels führt nur dazu, dass Firmen mehr Jobs und Know-how ins Ausland verlegen. Der hier wirkende Trugschluss stammt noch aus der alten Globalisierung und beruht auf der Annahme, dass Kompetenz ein nationales Konzept sei und dass Grenzkontrollen wirtschaftliche Ergebnisse steuerten.

In der neuen Globalisierung ist Wettbewerbsfähigkeit aber ein transnationales Konzept. Nehmen wir die Autoindustrie: Was zählt, ist, dass Autos aus der Fabrik Europa stammen – nicht, ob sie in der Fabrik Grossbritannien oder in der Fabrik Irland hergestellt wurden. Das Zerschneiden des Tischtuchs mit der EU, die die geschmeidige Integration britischer Firmen in die Fabrik Europa unterstützte, rettet keine Jobs. Es zerstört sie. Es ist, als zöge man Mauern hoch an der Chrysler-Fertigungsstrasse in Michigan, weil man hier neue Jobs schaffen will. Aber: Firmen besitzen das Fertigungs-Know-how, nicht Nationen. Und diese Firmen werden es auslagern, wenn die nationalen oder lokalen Konditionen sich verschlechtern.

Die richtige Antwort ist es, sicherzustellen, dass reiche Länder attraktive Produktionsstandorte bleiben. Gleichzeitig muss ein umfassendes Paket sozialer und wirtschaftlicher Politiken geschnürt werden, das garantiert, dass alle ihren fairen Anteil an Gewinnen und Gefahren des technologischen Fortschritts und der Globalisierung haben. Die Leute müssen spüren, dass, einerlei, welchen Job sie haben und wo sie leben, sich die Regierung bemüht, Möglichkeiten zu eröffnen, damit sie auch bei künftigen Globalisierungs-, Automatisierungs-, Demographie- und Klimawandelherausforderungen gedeihen können.

Das Unterbinden der Migration, ein weiteres aktuell beliebtes Rezept der Politik, gehört ebenfalls nicht dazu. Es mag allenfalls dazu taugen, wenige heimische Lohntüten etwas praller zu füllen. Aber die meisten Migranten kommen schlicht nicht als Konkurrenten um auslagerbare Jobs. Am unteren Ende des Spektrums beruflicher Fähigkeiten gehen sie vielmehr denjenigen Jobs nach, die einheimische Arbeiter ohnehin nicht mehr verrichten wollen. Oft finden sich diese Jobs in nichtgehandelten Sektoren, die von der Globalisierung isoliert sind – oder aber am oberen Ende des Spektrums beruflicher Fertigkeiten, wo Neuankömmlinge fehlende Qualifikationen mitbringen.

Wir müssen begreifen, dass die Quelle der Anti-Globalisierungs-Gefühle real und rational ist. Die Globalisierung hat positive und negative Effekte, ob wir das nun wollen oder nicht. Sicher ist aber auch: der Versuch, die Anti-Globalisierungs-Befindlichkeiten an der Urne zu kurieren, indem man gegen Offenheit stimmt, ist so erfolgversprechend wie die Behandlung eines gebrochenen Beins mit Antibiotika. Wirksame Medizin, kreuzfalsch angewandt.

Dieser Text ist zunächst in «The Irish Times» erschienen. Wir danken dem Autor und Irish Times Limited für die freundliche Genehmigung zur Übersetzung.

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