Die gute alte Zeit ist schlechter als ihr Ruf!

Als ich meiner Mutter sagte, dass ich nach London ziehen würde, führte dies zu einer tragischen Abschiedsszene. Sie reagierte, als sei ich ein Soldat, der die Familie in Richtung Krieg verlässt, als sei unsere gemeinsame Zeit damit endgültig vorbei. Dafür gibt es einen einfachen Grund. Meine Mutter versteht das Verlassen der eigenen Nachbarschaft als Ausnahme, […]

Als ich meiner Mutter sagte, dass ich nach London ziehen würde, führte dies zu einer tragischen Abschiedsszene. Sie reagierte, als sei ich ein Soldat, der die Familie in Richtung Krieg verlässt, als sei unsere gemeinsame Zeit damit endgültig vorbei. Dafür gibt es einen einfachen Grund. Meine Mutter versteht das Verlassen der eigenen Nachbarschaft als Ausnahme, nicht als Normalität. Sie kommt aus einer anderen Welt, in der Reisen noch Monate im voraus geplant wurden. Aber: London ist nur eine Flugstunde entfernt. Ich kann sie weiterhin sehen, wann immer ich will.

Für meine Generation ist die Überwindung von grossen Distanzen in kurzer Zeit zu einer Normalität und Routine geworden, die meinen Eltern schlicht fremd ist. Billigmobilität und -kommunikation lassen die Welt zusammenrücken, sie machen sie kleiner – nicht nur für die Aristokratie oder Privilegierte. Meine Freunde sind nicht mehr nur Leute von nebenan, sondern sie befinden sich in jeder Stadt, in die ich reise. Ich weiss, ich kann in Hongkong mit Freunden ganz spontan ein Abendessen planen, in Rio mit einem Kollegen aus New York noch rasch ins Kino gehen oder mich in Hamburg zum Work-out verabreden. Es spielt keine Rolle, ob ich Freunde Monate oder sogar Jahre nicht gesehen habe: Wenn mein BB-Status «Madrid» sagt, dauert es nicht lange und mit mir befreundete Madrilenen teilen mir per PIN mit, dass wir etwas gemeinsam unternehmen könnten. Die Beziehung geht genau dort weiter, wo sie einmal endete, so, als ob es nie eine Unterbrechung gegeben hätte.

Es reicht heute nicht mehr, den überkompetitiven Freundschaftsmarkt New Yorks zu vergleichen mit den sogenannten «echten» Beziehungen, die Sie mit den Menschen pflegen, die Sie immer schon gekannt haben oder mit denen Sie gemeinsam in kleineren Städten mit stabilen Routinen aufwuchsen. Es handelt sich hier im eigentlichen Sinne um zwei völlig verschiedene Welten und damit um unterschiedliche Verständnisse von Beziehungen. Für diese «neue Welt», der in der alten Welt das Prädikat «oberflächlich» anhaftet, lassen sich Tendenzen ausmachen, die der engstirnig-defensiven Provinzialität weit überlegen sind. Selbst die verbreitete Ansicht, dass «Metropolis» die Menschen egoistischer und individualistischer mache – illustriert mit Bildern toter Kinder auf Shanghais Strassen, die dort Minuten oder sogar Stunden liegen, bevor jemand auf die Idee kommt, nach ihnen zu sehen –, geht fehl. Denn: ist diesem Bild nicht genau der Charakter des grausamen Einzelfalls eigen, der auch jedem Grossstadtleben fremd ist? Wird nicht genau deshalb darüber berichtet?

Die persönlichen Dimensionen haben sich mit der Mobilisierung der Menschen verändert und es gibt nunmehr eine gegen-seitige Verbindung zwischen Fremden, die mich wieder zur Kriegsmetapher vom Beginn zurückbringt: Reisende in Kriegs- oder Krisenzeiten wurden in beinahe jedem Haus willkommen geheissen, mit einem Bett und einer warmen Mahlzeit ausgestattet, als handle es sich bei ihnen um alte Freunde. Ähnliches bemerken heute «Couchsurfer» und andere Weltenbummler auch in Friedenszeiten. Sie erleben die «neue» Welt als eine raffinierte und edle Gesellschaft, die lautlos beschliesst, eine neue vernetzte Gruppe rund um den Globus zu bilden – sich gegenseitig Gast und Wirt zu sein, einander interkulturell und ganz praktisch zu helfen. Damit geht eine neue Form der menschlichen Beziehung einher: eine flexible, aufgeschlossene und eifersuchtslose. Nennen Sie mich «Idealistin», aber ich sehe die Zukunft dieser Entwicklung als eine sehr hohe Form der Menschlichkeit: frei und individualistisch, aber bereit zu helfen und füreinander da zu sein, jederzeit. Möglich geworden, unterstützt und abgesichert dank des technologischen Fortschritts, der uns erlaubt, in Kontakt zu bleiben und letztlich auch die Hindernisse der «guten alten Zeit» zu überwinden.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»