Die gute alte Zeit ist jetzt

Nostalgie, Pessimismus und der Triumph der Menschheit.

Die gute alte Zeit ist jetzt
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«Nichts trägt mehr zu den guten alten Zeiten bei als ein schlechtes Gedächtnis.» — Franklin Pierce Adams

Terrorismus. ISIS. Krieg in Syrien, in der Ukraine. Verbrechen, Morde, Amokläufe. Hungersnöte, Fluten, Pandemien. Globale Erwärmung. Stagnation, Armut, Flüchtlinge. «Katastrophen, überall», meinte eine Frau, als eine Radiostation sie bat, den Zustand der Welt zu beschreiben. So hören und sehen wir es in den Nachrichten. Es scheint die Geschichte unserer Zeit zu sein. Am Vorabend der Jahreswende 2015/16 titelte die «Financial Times»: «Grün und blau gehauen und nervös – die Welt auf der Kippe».

Auf dieser Furcht und Nostalgie baut nicht nur Donald Trumps Präsidentschaftskampagne auf. Auch 58 Prozent jener, die für den Brexit stimmten, gaben zu Protokoll, dass das Leben heute schlechter sei als vor dreissig Jahren. Schon 1955 fanden 13 Prozent der Schweden, es herrschten «inakzeptable Zustände» in ihrer Gesellschaft. Nach 50 Jahren Menschenrechte, steigender Einkommen, reduzierter Armut und verbesserter Gesundheitsvorsorge sagt in diesem Jahrhundert mehr als die Hälfte aller Schweden genau dasselbe.

Viele Experten und Autoritäten stimmen zu. So meinte etwa General Martin Dempsey, damals Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, vor dem US-Kongress: «Ich muss bestätigen: die Welt ist gefährlicher als je zuvor.» Sogar Papst Franziskus behauptet, die Globalisierung habe viele Menschen zum Hungern verurteilt: «Es ist wahr, dass der Reichtum der Welt in absoluten Zahlen zugenommen hat. Doch Ungleichheit und Armut haben auch zugenommen.» Auf der Linken argumentiert die Aktivistin Naomi Klein, unsere Zivilisation sei «auf Kollisionskurs» und wir würden «das Lebenserhaltungssystem unseres Planeten destabilisieren». Auf der Rechten denkt der Philosoph John Gray, dass der Mensch ein «Homo rapiens» sei, Angehöriger einer bedrohlichen, zerstörerischen Spezies, die sich dem Ende der Zivilisation nähere.

Früher teilte ich diesen Pessimismus. Als ich im Schweden der 1980er Jahre damit begann, meine Weltsicht auszuprägen, fand ich die moderne Zivilisation schwerverdaulich: Fabriken, Autobahnen und Supermärkte waren für mich abstossend, und das moderne Arbeitsleben sah aus wie die reine Plackerei. Ich assoziierte die neue globale Konsumkultur mit der Armut und den Konflikten, die das Fernsehen in unser Wohnzimmer sendete. Ich träumte von einer Gesellschaft, die die Uhren zurückstellt, einer Gesellschaft in Harmonie mit der Natur. Nie dachte ich daran, wie die Leute vor der Industriellen Revolution gelebt hatten, ohne Medikamente und Antibiotika, ohne sauberes Wasser, ausreichend Nahrung, Elektrizität oder Sanitäranlagen. Während des Studiums begann ich, Geschichtsbücher zu lesen und in der Welt herumzureisen. Dabei wurde mir klar: sobald man begreift, wie die alten Zeiten wirklich waren, kann man sie nicht mehr romantisieren. Im Zentrum meiner Studien stand bald ein Land, in dem chronische Unterernährung bei seinen Bewohnern lange Zeit normal war – ein Land, ärmer und mit kürzerer Lebenserwartung und grösserer Kindersterblichkeit als das durchschnittliche subsaharische Afrika unserer Tage. Es war das «gute alte» Schweden meiner Vorfahren!

Würden wir die Uhren wirklich zurückdrehen, sähen wir, dass die guten alten Zeiten schrecklich waren – und zwar nicht nur in Schweden. Einerlei, was in den Nachrichten oder von den vielen Autoritäten unserer Tage zu hören ist: wir sind heute Zeugen der grössten Lebensstandardsverbesserungen, die es je gegeben hat. Armut, Mangelernährung, Analphabetismus, Kinderarbeit und Kleinkindersterblichkeit nehmen global schneller ab als je zuvor. Die Lebenserwartung hat sich im letzten Jahrhundert mehr als verdoppelt – eine grössere Zunahme als in den vorangegangenen 200 000 Jahren. Das Risiko, dass ein Individuum Opfer von Kriegen wird, in einer Naturkatastrophe stirbt oder einer Diktatur unterworfen wird, ist heute kleiner denn je. Ein heute geborenes Kind wird mit höherer Wahrscheinlichkeit das Pensionsalter erreichen als seine Vorfahren den fünften Geburtstag.

Krieg, Verbrechen, Katastrophen und Armut sind trotzdem schmerzvoll real. Während des letzten Jahrzehnts haben die globalen Medien auf innovative Weise darauf aufmerksam gemacht: in Echtzeit, tagtäglich, rund um die Uhr. Diese Allgegenwart ist neu, aber die Probleme selbst nicht – sie haben immer schon existiert, nur eben vielfach im Verborgenen. Der wirkliche Unterschied zu früher ist, dass die Probleme rasant weniger werden. Wir sehen also heute Ausnahmen, die früher die Regel waren.

Der Fortschritt begann mit der intellektuellen Aufklärung des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, als wir die Welt mit dem Empirismus zu untersuchen begannen, statt uns mit Autoritäten, Traditionen und Aberglauben zu begnügen. In der politischen Sphäre war der klassische Liberalismus die logische Folge davon; er befreite die Leute von den Ketten der Erbherrschaften, des Autoritarismus und der Leibeigenschaft. Es folgte die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts, als die uns zu Gebote stehenden industriellen Möglichkeiten sich vervielfachten und wir begannen, es mit Armut und Hunger aufzunehmen. Diese sukzessiven Revolutionen befreiten einen grossen Teil der Menschheit von den weiterhin harschen Lebensbedingungen, unter denen sie gelebt hatten. Mit der Globalisierung des ausgehenden 20. Jahrhunderts verbreiteten sich solche Technologien und Freiheiten im Rest der Welt – der Prozess wiederholte sich dann in grösserem Rahmen und mit höherer Geschwindigkeit.

Es besteht die Gefahr eines Rückfalls auf nativistische Positionen.

Menschen sind nicht immer rational oder wohlwollend, doch im allgemeinen wollen sie ihre Leben und die ihrer Familien verbessern. Mit einem akzeptablen Grad an Freiheit werden sie hart dafür arbeiten. Schrittweise wird so der Speicher menschlichen Wissens und Wohlstands vermehrt. Heute können mehr Leute mit verschiedenen Perspektiven und Problemlösungen experimentieren als je zuvor. So vermehren wir unser wissenschaftliches und auch unser sonstiges Wissen. Jedes Individuum kann daran teilhaben und dazu beitragen – auf den Schultern jener Millionen Menschen stehend, die vor uns da waren.

Die Anerkennung dieses Triumphs ist wichtig, doch daraus abgeleitete Selbstzufriedenheit auch eine grosse Gefahr. Es wäre ein dramatischer Fehler, unseren Fortschritt als selbstverständlich zu erachten, schliesslich haben wir die längste Zeit unserer Geschichte mit enormen Problemen leben müssen. In der Welt sind derweil Kräfte am Werk, die die Pfeiler unserer Entwicklung zerstören wollen – die individuellen Freiheiten, die freie Wirtschaft und den technologischen Fortschritt. Terroristen und Diktaturen unternehmen alles, um unsere offenen Gesellschaften zu unterminieren – aber es lauern auch Gefahren im Inneren. Etwa der weitverbreitete Groll gegen Globalisierung und moderne Wirtschaft, von Populisten politisch auf der rechten und linken Seite bewirtschaftet. Seitens gesellschaftskonservativer Kreise beobachten wir eine Abneigung gegen die kosmopolitische, urbane und durchlässige Gesellschaft. Aktuell verbindet sich dieser Groll mit dem Gefühl, dass die «Welt da draussen» gefährlich sei, dass wir Mauern um uns hochziehen müssten, sei es im übertragenen oder im wörtlichen Sinn. Es besteht die Gefahr eines Rückfalls auf nativistische Positionen. Denn sobald wir den erreichten Fortschritt nicht mehr sehen, suchen wir Sündenböcke für unsere Probleme. Es scheint, als ob wir willens seien, unser Glück mit jedem Demagogen zu versuchen, der uns sagt, dass es schnelle, einfache Lösungen gäbe, unsere Länder wieder «gross» zu machen: sei es durch die Nationalisierung der Wirtschaft, durch das Blockieren von Importen oder durch das Rauswerfen von Immigranten. Wenn wir glauben, dabei nichts zu verlieren zu haben, dann nur darum, weil wir ein schlechtes Gedächtnis haben.

Es ist wichtig, sich an die atemberaubenden Fortschritte zu erinnern, die auf der langsamen, stetigen und spontanen Entwicklung von Millionen von Menschen beruhen, denen man die Freiheit gab, ihr Leben zu verbessern – weshalb sie dann auch die Welt verbesserten. Das ist ein Fortschritt, den kein Politiker, keine Institution oder Regierung top-down vorschreiben kann. Man muss erklären, was geschehen ist, wie es geschehen ist oder warum wir es allenfalls verpasst haben. Dieser Fortschritt ist der faszinierendste Triumph der Menschheit. Schauen Sie sich um! Würden wir uns alle öfter in der Welt umschauen, sähen wir jede Menge Beweise für unsere Tatkraft und unsere Errungenschaften. Um mit Sir Christopher Wren, dem Architekten der St. Paul’s Cathedral, zu schliessen: «Si monumentum requiris, circumspice» – «Wenn du ein Denkmal suchst, sieh dich um».

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»