Die Grenzerfahrung der Kraxlerin

In den Bergen herumzuklettern ist gefährlich. Einem geborenen Flachländer wie dem Rezensenten, der sich auch in den Alpen grundsätzlich auf festen Wegen bewegt, muss das nicht erklärt werden. Was Menschen dazu bringt, sogenannte Grenzerfahrungen zu sammeln, indem sie sich mit Hilfe von Seilen, Klammern und Haken steile Felswände hochbewegen, wird ihm auf ewig ein Rätsel bleiben. Schon aus diesem Grund hat er «Finale», den dritten Kriminalroman des Zürcher Schriftstellers Emil Zopfi um die Bergführerin Andrea Stamm, mit einer Mischung aus Befremden und Faszination gelesen.

Eine Kletterwoche in Finale Ligure geht ihrem Ende zu. Die fünfköpfige Gruppe der erfahrenen Kraxlerin hat sich nicht als besonders pflegeleicht erwiesen. Aber das ist Routine für sie. Ein «zerstrittenes Paar, einen eingebildeten Schwätzer, eine frustrierte Single und einen melancholischen Alten» – mit einer solchen Mischung ist sie nicht zum erstenmal konfrontiert. Was sie nicht ahnt: dass sich auch jemand mit mörderischen Absichten unter ihnen befindet. Sie selbst wird zum Opfer eines Mordanschlags, der wie ein verhängnisvoller Unfall aussieht, und überlebt nur knapp.

Während unsere Heldin also schwerverletzt im Spital liegt, versucht nicht nur die Polizei, sondern auch ihr Freund Daniel herauszufinden, was wirklich passiert ist. Der Leser ahnt bald, dass des Rätsels Lösung mit jener rätselhaften Teilnehmerin zu tun hat, die nach dem Sturz spurlos verschwunden ist, und findet sich zum Ende des Romans in einem simpelgestrickten, wenig überraschenden Krimiplot wieder.

Glücklicherweise aber hat Emil Zopfi mehr zu bieten als die banale Jagd nach dem Täter. Zwar sind seine Figurenzeichnungen nicht immer frei von Klischees; doch jene Charaktere, denen er seine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lässt, überzeugen durch eine für das Genre nicht alltägliche Komplexität. In den behutsam formulierten, sensiblen Psychogrammen, die Zopfi ihnen widmet, liegt der Reiz dieses Romans.

Emil Zopfi: «Finale». Zürich: Limmat, 2010

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»