Die Grenzen der Knappheit
Marian Tupy, zvg.

Die Grenzen der Knappheit

Seit Jahrzehnten reden Naturwissenschafter den Kollaps durch Ressourcenübernutzung herbei und Ökonomen widersprechen ihnen. Bisher behielten die Ökonomen recht. Es gibt auch wenig Grund, warum sich das in Zukunft ändern sollte.

Die Menschheit ist ungefähr 300 000 Jahre alt. Während der ersten 99,9 Prozent dieser Zeit führten wir ein kurzes und beschwerliches Leben, das allzu oft in einem gewaltsamen Tod endete. Wir durchstreiften die Welt ängstlich, frierend, hungrig und krank; es gab nur wenige Mittel, unser Leiden zu lindern. In den letzten etwa 250 Jahren hat sich das menschliche Leben jedoch drastisch verbessert. Eine Anhäufung inkrementeller Fortschritte in Technologie, Wissenschaft und Ethik hat zur industriellen Re­volution geführt, die eine Ära des Überflusses eingeläutet hat. Wie weit wir gekommen sind, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Lebenserwartung. 1820 lag sie weltweit bei 29 Jahren, heute bei 72. Wir leben also zweieinhalbmal so lang wie anno dazumal. Das globale, reale Pro-Kopf-Einkommen hat sich von 605 US-Dollar auf 7890 US-Dollar verdreizehnfacht. Und die Welt ist auch weniger gewalttätig geworden: Im frühen 19. Jahrhundert starben jährlich 65 von 100 000 Personen an militärischen oder zivilen Konflikten, im Jahr 2000 waren es noch 2. Diese Fortschritte haben zum Wachstum der Weltbevölkerung von 990 Millionen im Jahr 1800 auf 7,67 Milliarden heute beigetragen.

Doch wie lange kann das so weitergehen? Geht der zunehmende Wohlstand so vieler Menschen nicht zulasten unserer Ressourcen und beraubt uns damit über kurz oder lang unserer Lebensgrundlagen?

Die Simon-Ehrlich-Wette

Vor 50 Jahren veröffentliche Paul Ehrlich, Biologieprofessor an der Stanford-Universität, ein sehr einflussreiches Buch, «Die Bevölkerungsbombe». In den frühen Editionen war darin zu lesen: «Die Schlacht, die gesamte Menschheit zu ernähren, ist verloren. In den 1970er Jahren werden trotz aller Notprogramme Hunderte von Millionen verhungern. Zum heutigen späten Zeitpunkt kann nichts mehr unternommen werden, was eine massive Zunahme der Sterberaten verhindert.» Der Umweltkollaps, die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, Nahrungsknappheit, Hungertod: unausweichlich. Ehrlich plädierte für Bevölkerungskontrollen – von finanziellen Sanktionen für erhöhte Fruchtbarkeit bis zu Zwangssterilisationen – und Konsumlimits in reichen Ländern. Er war mit seinem Pessimismus nicht alleine. Bekannt sind beispielsweise die Prognosen des Club of Rome (gegründet im Erscheinungsjahr der «Bevölkerungsbombe»). Dessen erste Publikation war 1972 «Die Grenzen des Wachstums». Der von Wissenschaftern des MIT verfasste Bericht untersuchte, basierend auf Computersimulationen, das Zusammenspiel zwischen Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Verfügbarkeit nicht erneuerbarer Ressourcen und Umweltqualität. Das Fazit: «Wenn die derzeitigen Trends (…) anhalten, werden die Grenzen des Wachstums auf diesem Planeten irgendwann innerhalb der nächsten hundert Jahre erreicht sein (…). Das wahrscheinlichste Ereignis wird ein plötzlicher, unkontrollierbarer Rückgang der Bevölkerung sein (…). Die grosse Mehrheit der derzeit nicht erneuerbaren Ressourcen wird in 100 Jahren extrem teuer sein.»

Julian Simon, Ökonom an der Universität Maryland, widersprach diesen Ansichten. In seinem 1981 erschienenen Buch «Die ultimative Ressource» argumentierte er: «Es gibt keinen physi­kalischen oder ökonomischen Grund, warum der menschliche Erfindungsreichtum nicht für immer auf drohende Engpässe und bestehende Probleme mit neuen Hilfsmitteln reagieren kann, die uns nach einer Anpassungsphase besser dastehen lassen als vor dem Problem (…). Zusätzliche Menschen mögen eine Herausforderung sein, gleichzeitig helfen genau diese Menschen aber dabei, diese Herausforderungen zu lösen (…). Die ultimative Ressource sind Menschen – kompetente, geistreiche und zuversichtliche Menschen, die ihre Wünsche und Vorstellungen zu ihrem eigenen Nutzen und damit zwangsläufig zum Nutzen von uns allen einsetzen werden.»

«Im Gegensatz zu anderen Tieren haben Menschen ausgeklügelte Formen der Zusammenarbeit entwickelt, die ihren Reichtum und ihre Überlebenschancen erhöhen – beispielsweise Tausch und Handel.»

Das waren, gelinde gesagt, zwei ziemlich unterschiedliche Visionen von der Zukunft der Menschheit. Ehrlichs düsterer Ausblick wurde von anderen einflussreichen Biologen geteilt, unter ihnen Garrett Hardin, der die Theorie zur «Tragödie der Allmende» entwickelte, und Jared Diamond. Ihre Analysen menschlicher Gesellschaften wurden von der Vorstellung der «Tragfähigkeit natürlicher Systeme» beeinflusst.1 In der Tierwelt führt eine plötzliche Zunahme der Ressourcenverfügbarkeit – wie z.B. Gras nach…

Wachstum heisst  Wohlstand
Tyler Cowen, zvg.
Wachstum heisst Wohlstand

Die langfristigen positiven Auswirkungen des Wirtschaftswachstums werden dramatisch unterschätzt. Wir sollten politische Massnahmen nicht nach ihrer Sofortwirkung beurteilen, sondern nach ihrem Einfluss auf den Innovationspfad.

Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Rühli.
11 Minuten Lesezeit
Vom Baum der Erkenntnisse
Joel Mokyr, fotografiert von Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif.
Vom Baum der Erkenntnisse

Ja, wir haben die tiefhängenden Früchte des technischen Fortschritts schon gepflückt, aber die Wissenschaft ermöglicht es uns, immer höhere Leitern zu bauen. Bei der Beurteilung des Innovationstempos sollten wir uns nicht auf BIP-Zahlen verlassen. Sie führen in die Irre: Uns steht keine Stagnation bevor.

Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Bader und Lukas Rühli.
15 Minuten Lesezeit
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