Die Geschichte ist ein Asset

Steht die helvetische Bankenbranche nach dem Wegfall des Bankgeheimnisses vor einer Zäsur? Keineswegs. Nur im Nachhinein sieht alles rosig aus. Die Geschichte des Bankenplatzes ist geprägt durch Umbrüche. Daraus lässt sich Kraft schöpfen – für eine erfolgreiche Zukunft.

Im Februar 1969 publizierte das englische Wirtschaftsmagazin «The Economist» ein Porträt der Schweiz. Das Lob war überschwenglich. Alles sei vorbildlich: starke Demokratie, tiefe Steuern, blühende Wirtschaft. Dem Bankensektor war ein eigener Artikel gewidmet. Er endete mit dem Satz: «This has been the golden age of Swiss banking.»

In der Tat, dem Finanzplatz Schweiz ging es damals blendend. Einige Beobachter liessen sich sogar zur Prognose hinreissen, Zürich werde London bald den Rang als führendem internationalem Finanzplatz Europas ablaufen. Die Standortvorteile schienen unschlagbar: gesellschaftliche Stabilität, unabhängige Zentralbank, starke Währung, politische Neutralität, gute Infrastruktur, zuverlässiges Personal und Bankgeheimnis. Die britische Konkurrenz mokierte sich zwar über die «Gnomes of Zurich», aber dies nahm man hierzulande als Beweis, dass man vorne mit dabei war. Zu Recht, wie sich später herausstellte.

Heute ist die Situation eine andere. Die Zukunft des Bankenplatzes ist nach vielen erfolgreichen Jahrzehnten ungewiss. Ein wichtiger Pfeiler des bisherigen Erfolgsrezepts, das Bankgeheimnis, ist weggebrochen. Und in den letzten Jahren hat die rechtsstaatliche Berechenbarkeit spürbar gelitten.

Darf man angesichts der Erosion von Standortvorteilen dennoch optimistisch sein? Wenn man erwartet, dass der Finanzplatz Schweiz bald eine ähnliche Blüte wie vor fünfzig Jahren erleben wird, gibt es kaum Grund zur Zuversicht. Die Bedingungen waren damals einzigartig. Aus einer längerfristigen Perspektive hingegen sieht die Zukunft keineswegs düster aus. Krisen sind eine normale Begleiterscheinung der wirtschaftlichen Entwicklung, und noch jedes Mal gelang es den Schweizer Banken, neue Pfade zu erschliessen. Das historische Argument gibt Anlass zu Optimismus.

 

Bankengeschichte

Der Normalfall seit der Entstehung der Branche vor 150 Jahren war die permanente Überforderung, nicht die goldene Zeit der 1950er und 1960er Jahren, als die Ertragsquellen von selbst sprudelten. In der Gründungszeit suchten die Banken in einer unsteten Welt ein geeignetes Ertragsmodell und zahlten teures Lehrgeld. So brauchte die Schweizerische Kreditanstalt mehr als zehn Jahre, bis sie in sichere Gewässer gelangt war. In der Firmengeschichte zum 100-Jahr-Jubiläum ist die Rede von der «Methode des trial-and-error» und von einer «Sturm-und-Drang-Zeit».

Gegründet 1856 in Zürich, widmete sich die Kreditanstalt in der frühen Phase vor allem dem zyklischen Geschäft mit Eisenbahnaktien. In der Krise von 1867 resultierte ein hoher Verlust, der nur dank der Mobilisierung von stillen Reserven überwunden werden konnte. Man entschied sich, das höchst ertragreiche, aber auch riskante Aktiengeschäft zurückzufahren zugunsten von stabileren Ertragsquellen wie kurzfristigen Krediten und Handelswechseln. Erst jetzt begann die langsame Hinwendung zu einer Universalbank. Die nächste Eisenbahnkrise von 1877 überstand sie ohne Schaden.

Auch in der nächsten Phase, die von den 1880er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg dauerte, waren grosse Umbrüche in der Bankenbranche zu beobachten. Die Grossbanken befanden sich in einer guten Lage, dafür kam es bei den Regional- und Lokalbanken zu einem geradezu brutalen Strukturwandel. In den Jahren 1911 bis 1914 sind Dutzende von ihnen untergegangen. Einige, zum Beispiel die Thurgauische Hypothekenbank, hatten sich mit Krediten in Deutschland verspekuliert. Andere setzten zu stark auf die lokale Industrie. Auch diesmal bezahlte man teures Lehrgeld, aber insgesamt ging die Branche aus der Konsolidierung gestärkt hervor.

Die Zwischenkriegszeit war ohnehin eine Zeit der Krisen – nur im Rückblick sieht alles rosig aus: Die politische und monetäre Stabilität bescherte den Banken, die das Depotgeschäft betrieben, hohe Zuflüsse aus dem benachbarten Ausland, das durch hohe Schulden, Inflation, Abwertung und bürgerkriegsähnliche Zustände überfordert war. Es war die Geburtsstunde der Schweiz als grösster Vermögensverwalter Europas.

Bei genauerem Hinsehen erscheint das Bild viel durchzogener. Nach dem Ersten Weltkrieg litten viele Schweizer Banken unter dem Zerfall ihrer ausländischen Anlagen. Einige gerieten in Existenznöte und brauchten Hilfe von anderen Banken. In den 1930er Jahren kam es zur zweiten grossen Bankenkrise der Schweizer Geschichte. Zunächst mussten die Grossbanken grosse Abschreiber auf ihren deutschen Anlagen vornehmen, weil die Weimarer Republik und die meisten mittel- und osteuropäischen Staaten ab dem Sommer 1931 ihre Auslandsschulden nicht mehr regulär bedienen konnten. In einer zweiten Phase gerieten auch die Inlandbanken wegen der langen Wirtschaftskrise und Deflation in Bedrängnis. Erst die Abwertung von 1936 ermöglichte die notwendige Sanierung.

Im Zweiten Weltkrieg waren die Verhältnisse ähnlich schwierig. Es war keineswegs so, dass die Schweizer Banken grosse Gewinne einfuhren. Im Ergebnis standen sie am Ende des Kriegs zwar gut da, weil sie das Schlimmste abwenden konnten, aber dies gelang nur dank Glück und Verhandlungsgeschick in Zusammenarbeit mit der Handelsabteilung.

Natürlich lassen sich diese historischen Beispiele nicht eins zu eins auf die Gegenwart übertragen. Die Probleme ändern sich permanent. Aber der Wegfall des Bankgeheimnisses nimmt sich im historischen Vergleich nicht als besonders gravierendes Ereignis aus.

 

Versicherungsbranche

Grund zu Optimismus gibt auch ein Seitenblick auf die jüngste Geschichte der Schweiz als internationaler Versicherungsstandort. Anders als der Bankensektor genoss dieser Wirtschaftszweig nie ein Privileg, und doch hat er eine Bedeutung, die gemessen am Bruttoinlandsprodukt überdurchschnittlich ist. Innerhalb der Ertragsbilanz erwirtschaftet der Versicherungssektor insgesamt ein Plus von 4,5 Milliarden Franken gegenüber dem Ausland. Das ist zwar dreimal weniger als der Bankensektor, zeigt aber eindrücklich, dass die Branche wettbewerbsfähig ist. Zürich ist nach wie vor einer der wichtigsten internationalen Standorte in der Rückversicherung.

In den letzten dreissig Jahren sah es allerdings nicht immer gut aus. Der Verlust der Selbständigkeit der Winterthur Versicherungen und die grossen Verluste der Zürich Versicherungen im Anschluss an das Platzen des Dotcombooms nach dem Jahr 2001 beunruhigten die Gemüter. Auch die Swiss Re hat in der jüngsten Vergangenheit schmerzhafte Verluste erlitten. Die Branche hat aber eine erstaunliche Erneuerungskraft bewiesen.

Was haben die Versicherer richtig gemacht? Erstens haben sie sich konsequent auf die Geschäftsfelder konzentriert, bei denen die traditionellen Standortvorteile der Schweiz – Stabilität, Infrastruktur, Lebensqualität – voll zum Tragen kommen. Eine Zeitlang glaubte man, Versicherungen seien eigentlich etwas Ähnliches wie Banken und hätten deshalb die Kompetenz, eine aktivere Rolle auf den Finanzmärkten zu spielen. Davon hat man sich endgültig verabschiedet. Das Versicherungsgeschäft ist dadurch vielleicht etwas weniger aufregend geworden, dafür aber berechenbarer und langfristiger.

Zweitens haben die Versicherer die Standardisierung und Industrialisierung ihrer Dienstleistungen konsequent vorangetrieben. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die durchschnittlichen Margen in der Versicherungsbranche (mit Ausnahme der Rückversicherung) immer schon geringer waren als im Bankengeschäft. Das zwingt zur permanenten Kostensenkung. In dieser Hinsicht ist die Branche verwandt mit der gewerblichen Industrie, die seit den 1990er Jahren enorme Produktivitätsfortschritte erzielt und einen grossen Strukturwandel bewältigt hat.

Drittens hat in bezug auf die Amerikanisierung ein Umdenken stattgefunden. In den 1990er Jahren galt alles, was von jenseits des Atlantiks kam, als besonders dynamisch und das Einheimische als träge und innovationsfeindlich. Heute ist man vorsichtiger geworden und sucht eine Balance zwischen unterschiedlichen Geschäftskulturen. Auch die Verankerung in der Schweiz wird wieder mehr geschätzt.

 

Aussenwirtschaftspolitik

Ein dritter Aspekt der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte, der als Inspiration für die Banken von Interesse sein könnte, ist die Aussenwirtschaftspolitik. In der Bankenbranche herrscht heute die Sorge vor, dass der Zugang zum EU-Markt nur erreicht werden könne, wenn die Schweiz weitgehende Zugeständnisse mache. Wie schwierig das Verhandlungsdossier tatsächlich ist, lässt sich aus der Warte eines externen Beobachters kaum beurteilen. Aber man darf doch daran erinnern, dass diese Situation alles andere als neu ist und die Schweizer Diplomatie bisher immer eine kluge Lösung gefunden hat, die der Wirtschaft geschäftliche Opportunitäten bot.

Besonders schwierig war die Situation nach den Napoleonischen Kriegen. Die grossen Länder, allen voran Frankreich und Grossbritannien, sowie die meisten deutschen Staaten hielten ihre aus dem Krieg ererbten Handelsschranken jahrzehntelang aufrecht. Erst in den 1840er Jahren vollzog sich – zuerst in Grossbritannien – eine Wende zum Freihandel. In dieser schwierigen Zeit richtete sich der schweizerische Aussenhandel vollkommen neu aus. Während der europäische Kontinent bisher der wichtigste Abnehmer der schweizerischen Exportprodukte gewesen war, rückten nun die überseeischen Gebiete ins Blickfeld. Nicht weniger als drei Fünftel gingen ins aussereuropäische Ausland, obwohl der Anteil der Transportkosten am Endpreis damals um ein Vielfaches höher war als heute.

Auch im späten 19. Jahrhundert, als das Deutsche Kaiserreich und Frankreich zum Protektionismus zurückkehrten, fand man hierzulande Mittel und Wege, die Krise zu überwinden. Einige Unternehmen gründeten im nahe gelegenen Ausland Fabrikstandorte, andere wandten sich stärker dem British Empire zu, das am Freihandel festhielt. Auch im 20. Jahrhundert gelang es immer wieder, die Grossmächte gegeneinander auszuspielen. Nur im Zweiten Weltkrieg war der Spielraum der Schweizer Handelsdiplomatie äusserst gering. In vielem musste man Nazideutschland nachgeben, aber einige Konzessionen konnte man durchaus herausholen. Es ist eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

Noch heute verfolgt Bundesbern diese Strategie. Man versucht, mit möglichst vielen Ländern Freihandelsverträge abzuschliessen, um möglichst global vernetzt zu sein. Die Bemühungen um das Renminbi-Offshore-Geschäft weisen in eine ähnliche Richtung. Vielleicht wäre es möglich, diesbezüglich noch weiter zu gehen, indem man die Kooperation mit den USA, China, Indien und anderen Schwellenländern weiter vertieft. Die schweizerische Verhandlungsposition würde gegenüber der EU dadurch zweifellos gestärkt. Wenn man als Kleinstaat nicht mehr die europäischen Mächte gegeneinander ausspielen kann, wie dies in der Vergangenheit in brenzligen Situationen immer wieder möglich war, muss man die bewährte Strategie auf die globale Ebene verlagern.

 

Konklusion

Wie könnte nun die Erneuerung des Bankensektors konkret aussehen? Mir scheinen aus der langfristigen Betrachtung folgende Schritte unumgänglich zu sein. Erstens muss sich die Bankenbranche noch stärker konsolidieren. Wir haben die Schwelle zu einer neuen Epoche bereits überschritten, während die bestehenden Branchenstrukturen noch weitgehend auf den alten Spielregeln beruhen. Mehr als bis anhin sollte man alle Formen der Fusion, Absplitterung, Auslagerung und Zusammenarbeit prüfen. Die heutige Situation erinnert an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als klar wurde, dass viele Banken von der neuen Komplexität des Geschäfts überfordert waren.

Zweitens muss das Geschäft hemmungslos industrialisiert werden. Wenn der Prozess Hand in Hand geht mit der Konsolidierung, könnten hier grosse Produktivitätsfortschritte erzielt werden. Diesbezüglich kann man nur an die historischen Erfolgsgeschichten erinnern, die in den letzten Jahren in anderen Branchen verzeichnet wurden, vor allem in der Uhrenindustrie, der Maschinenindustrie und der Chemie- und Pharma-industrie. All diese Branchen sind schon lange in der Schweiz heimisch, aber konnten nur dank einer gnadenlosen Restrukturierung überleben. Der Bankensektor ist sozusagen der Nachzügler, der nun aufgerufen ist, denselben Weg zu gehen.

Drittens sollte man sich bei den internationalen Geschäften auf die Vermögensverwaltung fokussieren. Hier hat der Finanzplatz Schweiz dank Tradition und Stabilität einen komparativen Vorteil. Gegenüber Visionen, die ganz neue Geschäftsfelder propagieren, ist deshalb Vorsicht geboten. Die Geschichte übt eine ungeheure Sogkraft aus – und ist ein Asset, mit dem man rechnen sollte.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»