Die Geldschöpfer

Geschäftsbanken vergeben Kredite, ohne dafür auf Ersparnisse zurückzugreifen. Und sie verdienen an Staatsanleihen, die sonst niemand freiwillig kaufen will. Wie ist das möglich? Wer profitiert? – Und wer bezahlt am Ende den Preis?

Die Geldschöpfer
Detlev S. Schlichter, photographiert von Remy Hunter, London.

Wo kommt unser Geld her? Wer produziert es, und wie wird die Geldschöpfung gesteuert?

Ich vermute, dass ein Grossteil der interessierten Öffentlichkeit bei diesen Fragen zunächst an die Zentralbanken denkt. Geld ist heutzutage allerorts Staatsangelegenheit: Es wird emittiert unter einem regionalen staatlichen Geldmonopol, das von der Zentralbank verwaltet wird. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn das meiste von uns heute benutzte Geld ist eben nicht von der Zentralbank gedrucktes Papiergeld, sondern elektronisches, immaterielles Buchgeld, das lediglich aus Bilanzpositionen bei Geschäftsbanken besteht. Es sind die Geschäftsbanken, die heute das meiste Geld schöpfen. Und dies ist auch nicht erst heute so: Seit es Banken gibt, ist die Emission von Geld – nennen wir es vorsichtshalber zunächst Quasi-Geld – ein elementarer Teil ihres Geschäfts. Wie die Banken das machen und wie die Zentralbank diesen Prozess zu steuern versucht, wollen wir uns im folgenden näher ansehen. Es wird dann rasch ersichtlich, dass diese Vorgänge bei weitem nicht so harmlos sind, wie gerne behauptet und wie oft geglaubt wird.

Als Gold noch Geld war

Um den komplexen und kaum bekannten Geldschöpfungsprozess aufzuschlüsseln, bietet es sich an, zunächst eine Wirtschaft ohne Geldschöpfung zu betrachten. Dies ist nicht weiter schwierig, denn bis vor kurzem war Geldproduktion ja erheblich beschränkt durch die Anbindung des Finanzsystems ans Gold. «Gold ist Geld – und sonst nichts», sagte vor hundert Jahren der Bankier J.P. Morgan und sprach damit eine seit Jahrhunderten geltende Weisheit aus. Geld ist zunächst ja gar nichts Kompliziertes. Geld ist lediglich das von der Öffentlichkeit allgemein akzeptierte Tauschmittel, also das marktfähigste Gut, das im Handel gegen Güter und Dienstleistungen angenommen wird, nicht weil es dem Empfänger direkten Nutzen stiftet, sondern weil er es rasch und einfach wieder tauschen kann.

Die Edelmetalle Gold und Silber haben seit Urzeiten in nahezu allen Kulturen diese Funktion erfüllt. In einem echten Goldstandard kann niemand das Geldangebot flexibel anpassen oder beliebig ausweiten. Gold aus dem Boden zu gewinnen, ist zeitaufwendig und kostspielig, und jedes Jahr weitet sich das Goldangebot nur minimal aus. Die Goldmenge – und damit die Geldmenge – sind somit nahezu stabil. Es findet keine Geldschöpfung statt – jedenfalls so lange nicht, als die Banken nicht die Szene betreten. Aber dazu später.

Entgegen einem heute weitverbreiteten Vorurteil stellt ein derart unelastisches Geldangebot kein Problem dar, auch nicht für eine wachsende Wirtschaft. Eine steigende Nachfrage nach Geld kann einfach dadurch befriedigt werden, dass die Kaufkraft jeder Geldeinheit steigt, und das geschieht automatisch durch die Marktkräfte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Nachfrage nach dem universellen Tauschmittel Geld sich fundamental unterscheidet von der Nachfrage nach jedem anderen Gut. Wir fragen Güter nach, weil sie einen Nutzwert für uns haben, ansonsten wären sie keine Güter. Beim Geld ist das anders. Wir fragen Geld in der Regel ausschliesslich wegen seines Tauschwertes nach. Keiner, der Nachfrage nach Geld verspürt, wünscht, eine bestimmte Menge an Banknoten oder eine bestimmte Menge Gold zu halten. Entscheidend ist jeweils die diesen Geldeinheiten anhängende Kaufkraft.

Steigt in einer Volkswirtschaft die Nachfrage nach Geld, also das Bedürfnis nach nur durch Geldbesitz zu erlangender Disposi­tionsfreiheit, so werden die Wirtschaftsakteure diese zu befriedigen suchen, indem sie ihre laufenden Geldausgaben reduzieren oder Nichtgeldgüter verkaufen, d.h. gegen Geld tauschen. Dies wird die Preise der Güter im Trend drücken, also die Kaufkraft des Geldes erhöhen. Die Volkswirtschaft hat jetzt zwar nicht mehr Geld zur Verfügung, jede einzelne Geldeinheit hat aber eine höhere Kaufkraft, und dadurch wird die erhöhte Geldnachfrage bedient. Dieser Prozess funktioniert genauso in die andere Richtung, wenn die Geldnachfrage abnimmt. Natürlich kann die Starrheit einiger Preise hier Probleme verursachen, aber im Grunde läuft dies so ab.

Geld ist eben das einzige Gut, das nur wegen seines Tauschwertes nachgefragt wird. Geänderte Nachfrage kann immer durch geänderte Kaufkraftänderungen befriedigt werden, während es bei allen anderen Gütern eines veränderten physischen Angebots bedarf. Es bedarf mithin keines Geldschöpfers, und welche Argumente man auch immer für das momentane System kontinuierlicher Geldmengenausweitung ins Feld führen mag, die notwendige Bedienung ständig steigender Geldnachfrage spielt hier keine Rolle.

Als die Banken aus Einlagen «Reserven» machten

In einer modernen Volkswirtschaft erbringen Banken Serviceleistungen in den Bereichen Zahlungsverkehr, Vermögensverwahrung und Kreditvermittlung. Seit ihren Anfängen haben es die Banken verstanden, dieses Leistungsangebot so zu mischen, dass sie zu Quasi-Geld-Produzenten wurden. So haben Banken die sichere Verwahrung von Geld, damals also Gold, angeboten, sind aber schon früh dazu übergegangen, auf Basis der riskanten, wenn auch nicht unbegründeten Annahme, dass nicht alle Einleger gleichzeitig ihr Gold zurückverlangen werden, einen Teil des deponierten Goldes auf eigene Rechnung an Dritte auszuleihen. Sie taten dies in Form von Scheinen, die einen Anspruch auf das in der Bank gelagerte Gold begründeten. Die Kreditnehmer der Banken werden nun ihrerseits das ausgeliehene Gold nicht einfach halten, sondern für den Kauf anderer Güter ausgeben. Kreditnehmer haben in der Regel keine Geldnachfrage, sondern Güternachfrage. Darum nehmen sie Kredite auf und sind bereit, den Banken dafür Zinsen zu zahlen.

Aber irgendjemand wird letztlich das in Form eines Anspruchs verliehene Gold wieder halten. Diese Person glaubt, selbst Goldbesitzer zu sein. Sie täuscht sich allerdings. Denn was ist mit denjenigen, die das Gold ursprünglich deponiert haben und nach wie vor Anspruch gegen die Bank auf Auszahlung in Gold haben? Kein Gold wurde aus der Erde gefördert, aber die Banken haben es geschafft, mehr Ansprüche auf die gegebene Menge Gold zu emittieren, und wie wir noch sehen werden, übernehmen diese Ansprüche – eigentliche Geldderivate – selbst in hohem Masse Geldfunktionen, fungieren also selbst wieder als liquide Tauschmittel. Geld und Quasigeld lassen sich nicht mehr voneinander unterscheiden.

Das Ganze klingt dubios, und seit langem wird diskutiert, ob hier nicht zumindest Elemente des Schwindelns vorliegen. Zur Verteidigung der Banken sei erwähnt, dass sie schon sehr früh ihre Geschäftspraktiken offenlegten und dazu übergingen, ihren Golddeponenten Zinsen auf ihre Einlagen zu zahlen. Wer sein Geld oder Gold zur Bank bringt und, statt für die sichere Aufbewahrung einen Obolus zu entrichten, sogar noch Zinsen erhält, sollte sich vielleicht denken können, dass die Bank das Gold oder Geld nicht nur im Tresor aufbewahrt. Offensichtlich ist der Vertrag, den der Einleger mit der Bank schliesst, eben keiner über ausschliessliche Sicherheitsverwahrung.

Aus dieser Sicht werden jetzt auch die Eigentumsverhältnisse klarer: Wer sein Geld zur Bank bringt, tauscht unmittelbaren Besitz von Geld gegen eine auf Geld lautende Forderung gegenüber einer Bank. Er besitzt jetzt eine andere Form von Geld, eben Buchgeld. Diese mag ihm Vorteile bringen – Zinserträge, geringeres Risiko des Diebstahls, einfachere Verwendung für Zahlungszwecke –, aber sie geht notwendigerweise mit einem neuen Risiko einher: dem Ausfallrisiko Bank. Die bei Bankzusammenbrüchen, wie zuletzt in Zypern, oft zu hörenden Klagen der Einleger, dass sie um ihr Geld betrogen seien, ist vielleicht verständlich, aber doch auch nicht ganz korrekt.

Banken sind Geldproduzenten, da es ihnen gelingt, Einlagengeschäft und Kreditgeschäft geschickt zu vermengen und auf deponiertes Geld zusätzliche Ansprüche in Umlauf zu bringen. Die neuen Ansprüche auf Geld zirkulieren in der Volkswirtschaft wiederum als Geld. Anschaulich wird dies, wenn wir daran denken, dass private Banken diese Ansprüche früher auch in Form eigener Banknoten verbrieften. So erhielten Deponenten von Gold Banknoten, die zur jederzeitigen Einlösung in Gold berechtigten. Diese Banknoten zirkulierten weitläufig in der Wirtschaft und wurden von der Öffentlichkeit genauso als Geld akzeptiert wie echtes Gold, zumindest in guten Zeiten. In schlechten Zeiten wollten plötzlich alle ihr Gold zurückhaben – viele Banken, und in der Folge auch viele Geschäfte und Privatleute, gingen bankrott. 

Das Teilreservegeschäft und seine Folgen

Im Englischen hat diese Geschäftspraktik den treffenden Namen «fractional reserve banking» erhalten. Es ist das Teilreservemodell, das bis heute das Bankgeschäft bestimmt. In dem Masse, in dem Banken bereit sind, ihre Reservehaltung zu reduzieren, können sie mehr Kredite vergeben und darüber mehr Geld in Umlauf bringen. Das ist natürlich profitabel, aber auch riskant. Verlangen zu viele Einleger Auszahlung in Gold oder, in unserem heutigen System, in staatlichem Papiergeld, so besteht die Gefahr eines Bank Run. Darüber hinaus hat die nun mögliche Geldschöpfung neue gesamtwirtschaftliche Phänomene hervorgebracht, die seit mehr als zwei Jahrhunderten die Wirtschaftswissenschaft beschäftigen. Da wären insbesondere die (wenn auch zunächst wohl nur mässige) Inflation und die Entstehung von Konjunkturzyklen zu nennen. 

Seit langem befürchten Volkswirte, dass die Geldschöpfung durch das Teilreservebankgeschäft für die in modernen Industriegesellschaften zu beobachtenden Konjunkturschwankungen verantwortlich ist. Diesen Theorien zufolge sind Konjunkturzyklen das Resultat von monetären Expansionen und Kontraktionen, oder besser: von Kreditausweitungen, auf die früher oder später unweigerlich Kreditkontraktionen folgen. Man kann sich das vereinfacht so denken: In jeder Volkswirtschaft geht es um den möglichst effizienten Einsatz begrenzt verfügbarer Ressourcen, und dabei ist auch der Faktor Zeit von grosser Bedeutung: Inwieweit benötigt die Öffentlichkeit verfügbare Ressourcen für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, wünscht sie diese also jetzt zu konsumieren, und inwieweit ist sie bereit, Ressourcen für zukünftige Konsumption zu sparen, diese also in der Zwischenzeit zu Investitionszwecken zur Verfügung zu stellen?

Konsumieren, Sparen und Investieren sind wirtschaftliche Kernentscheidungen, welche die Zeitdimension betreffen und die vor allem über am Markt zu beobachtende Zinssätze und Kapitalrenditen koordiniert werden. Monetäre Faktoren können die Koordination dieser Prozesse allerdings nachhaltig stören. So kann eine durch die Schaffung neuen Geldes finanzierte Kreditausweitung kurzfristig zu Neuinvestitionen auch ohne Ersparnisbildung und bei gleichbleibendem Konsum führen.

Günstige Kredite führen zu neuen Investitionsprojekten, von denen sich aber viele letztlich als Fehlinvestitionen erweisen werden. Die Zinsen sind zwar jetzt niedriger, sie spiegeln aber eben nicht mehr die echten Bedürfnisse der Bevölkerung wider. Diese haben sich eben nicht geändert. In den Kreditmärkten entsteht der Eindruck, die allgemeine Sparneigung sei gestiegen und mehr Ressourcen stünden für längerfristige Projekte zur Verfügung. Es kommt zunächst zum Aufschwung. Aber die sich herausbildenden Strukturen, vor allem die Kapitalallokation, werden sich letztlich als unhaltbar herausstellen. Niedrige Zinsen und grosse Investitionsvolumina gelten generell als positiv. Das gilt aber eben nur dann, wenn sie den realen Gegebenheiten entsprechen, also den Möglichkeiten und Neigungen zu echter Ersparnisbildung.

Die Geldschöpfung kreiert nur eine vorübergehende Illusion verfügbarer Ersparnis. Konjunkturzyklen sind somit weitgehend monetär induzierte Phänomene. Es sind Kreditzyklen, in denen Kreditexpansionen notwendig zu Fehlinvestitionen führen, welche dann in einer Rezession wieder liquidiert werden müssen. Solange Geld im Kern eben Gold war «und sonst nichts», waren dem Geldschöpfungspotential des Bankensystems enge Grenzen gesetzt, oder anders gesagt: das Potential zu konjunkturellen Verwerfungen war relativ gering. Der «Run» auf die Reserven hing wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Bankiers, die wussten, dass im Ernstfall keiner Gold aus dem Nichts produzieren konnte.

Vom starren Gold zum elastischen Papiergeld

Die Ablösung des Goldes durch staatliches, unbegrenzt produzierbares «Papiergeld» als Grundlage des Finanzsystems erweiterte die Möglichkeiten zur Schöpfung von Bankkrediten und Buchgeld in drastischen Ausmassen. Dabei blieben die Kernelemente des «fractional reserve banking» im Grunde bestehen. Banken können nach wie vor Geld schöpfen, jetzt eben als Buchforderungen gegen Staatsgeld anstelle von Gold. Sie sind weiterhin mit dem Risiko konfrontiert, dass Kunden Auszahlung der Geldforderungen in Geldformen verlangen, welche die Banken nicht selbst schöpfen können.

Was früher für das Bankensystem die Goldreserve war, sind heute die Bargeldbestände im Tresor und die Kontoguthaben der Banken bei der Zentralbank. In einem Papiergeldsystem können diese Reserven schnell und nahezu kostenlos aus dem Nichts geschaffen werden, solange die Zentralbank eben dazu bereit ist. Durch den Ankauf theoretisch jeder Bilanzposition der Banken oder durch Kreditgewährung gegen jede Bilanzposition als Sicherheit kann die Zentralbank den Banken praktisch unbegrenzt neue Reserven zur Verfügung stellen. In der jüngsten Finanzkrise hat die amerikanische Notenbank, das Federal Reserve, den US-Banken mit einem Schlag eintausend Milliarden Dollar an Hypothekendarlehen abgekauft und ihnen somit eintausend Milliarden neue Reserven gutgeschrieben. 

Die harte und unsentimentale Disziplin des naturgegebenen und natürlich unelastischen Goldes ist der fast endlosen Flexibilität des Staatsgeldsystems gewichen. Der Versorgung des Bankensystems mit Reserven sind jetzt nur noch politische Grenzen gesetzt, und die Zinssätze, welche die Banken für neue Reserven zu entrichten haben, werden auch administrativ festgelegt. Aus dem Goldstandard ist ein Bürokratiestandard geworden. Den Banken ist das genehm. Sie betreiben ihre Geld- und Kreditschöpfung jetzt mit Netz und doppeltem Boden – und drehen ein noch viel grösseres Rad als zuvor. Die Risiken werden seitens der Zentralbanken grösstenteils sozialisiert, nämlich über erhöhte Inflation der Allgemeinheit aufgebürdet. Der Staat, der grösste Schuldner der Gegenwart, ist in der Regel ebenso an wachsenden Kreditvolumina und ständig expandierender Wirtschaft interessiert wie die Banken, und Gesundschrumpfen, ob nun notwendig oder nicht, ist hier wie dort unbeliebt. Bank- und Staatsinteresse sind weitgehend deckungsgleich. 

Da die Banken als sicher gelten, können sie noch mehr Risiken eingehen. Alle Banken scheinen ja in nahezu gleichem Masse vom institutionalisierten Rettungsschirm der Notenpresse und von staatlichen Einlagenversicherungen zu profitieren, und alle Banken unterliegen der gleichen staatlichen Aufsicht, die jetzt das notwendige Korrelat zur staatlichen Subventionierung der Geldproduktion darstellt. Daher hat die Bankkundschaft weitgehend aufgehört, zwischen einzelnen Instituten nach deren Risikoprofil zu unterscheiden. Für die Einleger sind nahezu alle Banken gleich und die Anreize für das Bankmanagement dementsprechend gering, sich durch eine konservative Bilanzpolitik abzuheben und dadurch mehr Einlagengelder anzuwerben. Jetzt lohnt es sich vielmehr, innerhalb der von der staatlichen Aufsicht vorgegebenen Toleranzgrenzen maximale Risiken zu fahren. Statt den eigenen Kunden und Einlegern ist das Bankmanagement jetzt Bürokraten in der Zentralbank und in den staatlichen Aufsichtsorganen Rechenschaft schuldig.

Zudem ist es für die Banken jetzt weniger kritisch, die eigenen Deponenten bei der Stange zu halten. Solange sie über Finanzpositionen verfügen, welche die Zentralbank in neue Reserven zu tauschen bereit ist, bleiben Banken eben liquide. Und wie wir jüngst am Beispiel der europäischen Schuldenkrise und der EZB gesehen haben, können sich Zentralbanken genötigt sehen, nahezu jedes Finanzaktivum in den Bilanzen von Problembanken, auch solche mit fragwürdiger Bonität, als Sicherheit für weitere Zentralbankkredite zu akzeptieren – und somit noch mehr Reserven zu schaffen.

Wie auch in anderen Lebensbereichen, in denen der Staat Marktkräfte aushebelt unter dem Vorwand, der Öffentlichkeit damit ein höheres Mass an Sicherheit zu verschaffen, so muss der Bürger auch beim Geldwesen erleben, dass das staatliche Sicherheitsversprechen mit weitgehender Entmündigung erkauft wird. Staat und Banken sind jetzt die mächtigen Komplizen beim grossen Spiel des Gelddruckens, und obwohl der Bürger ahnt, dass er die Zeche zu zahlen haben wird, ist er dennoch zur blossen Schachfigur degradiert.

Die angebliche Stabilität dieses Systems erweist sich aber immer mehr als Illusion. Das flexible Papiergeldsystem, die Zentralbanken als «lenders of last resort», als Kreditgeber letzter Instanz, und die staatlichen Einlagengarantien stellen nichts anderes dar als die institutionalisierte Subventionierung des Teilreservegeschäfts, die es den Banken weltweit ermöglicht hat, ihre Reservesätze drastisch zu reduzieren und somit immer gigantischere Bilanzgebäude zu errichten. Dabei haben sie den Staat im Griff, denn je grösser die Banken werden, umso weniger kann er sich Bankenkrisen leisten. Ja es ist schnell der Punkt erreicht, an dem selbst eine Verlangsamung der Kreditexpansion als nicht mehr zu tolerierende volkswirtschaftliche Belastung gilt. Die Banken sind in diesem System längst keine marktwirtschaftlichen Unternehmen mehr, sondern Transmissionsriemen staatlicher Wirtschaftspolitik. Bis jetzt haben sie es geschickt verstanden, diese Position für sich zu nutzen. Im kreditfinanzierten Aufschwung werden private Gewinne eingefahren, in der unweigerlich folgenden Rezession profitiert man von der Niedrigzinspolitik der Notenbanken und von anderen Rettungsmassnahmen. Bankrotte Banken werden in der Regel nicht mehr vom Markt liquidiert, sondern vom Staat rekapitalisiert.

Der Staat ist hier nicht unschuldiges Opfer. Er verfolgt mit diesem System seine eigenen Interessen. Gold durch unbegrenztes staatliches Monopolgeld ersetzen, Partner der Banken im Geldschöpfungsprozess werden und letztlich die Führerschaft in diesem Prozess übernehmen – all das hat dem Staat ermöglicht, einen seit Jahrtausenden gehegten Wunsch zu realisieren, nämlich sich durch einfaches Gelddrucken zu finanzieren. Früher musste der Staat die Münzhoheit beanspruchen und sich dann mühsam über heimliche Entwertung des Metallgehalts Vorteile erheischen. Das wurde schon im alten Rom praktiziert. Im China des frühen 12. Jahrhunderts führten einige Dynastien die ersten Papiergeldsysteme ein, die aber alle in Inflation und Chaos endeten. Spätere Papiergeldsysteme haben zwar auch nie lange gehalten, dennoch bleibt festzuhalten: Die Geldschöpfung aus dem Nichts im grossen Stil wurde erst möglich und populär, als das Bankwesen entstand und sich der Staat seiner bemächtigte.

Die Vorteile für den Staat liegen auf der Hand. Er profitiert als bereitwilliger Schuldner von den zusätzlichen Bankkrediten, die in diesem System möglich sind, zumal seine Stellung im Kreditmarkt eine besondere ist: Im Unterschied zu allen anderen Kreditnehmern braucht der Staat seine Schulden nicht aus einem unter grosser Unsicherheit am Markt erzielten Einkommen zu bedienen, sondern kann einfach die in der Vorperiode erfolgreichen Marktakteure besteuern. Der Staat ist ein beliebter Schuldner und kann leicht private Kreditnehmer verdrängen, was jedoch weniger nötig ist, wenn er gleichzeitig das allgemeine Kreditwachstum mittels seiner Bankgarantien und Geldpolitik anheizt. Zudem reguliert der Staat das unter seiner Obhut stehende Bankwesen dahingehend, dass Bankkredite an ihn, weil ja weniger ausfallgefährdet, mit geringem oder gar keinem Eigenkapital hinterlegt werden müssen. Regierungsanleihen sind zudem die bevorzugten Kaufobjekte der Zentralbanken, wenn sie Finanzpositionen der Banken erwerben, um ihnen neue Reserven gutzuschreiben. Die Geschäftsbanken honorieren dies, indem sie freizügig Staatsanleihen aufkaufen – das verspricht einen schönen Gewinn bei einem Risiko, das gegen null tendiert.

Wachsende Instabilität

Seit das moderne Staatsgeldsystem im August 1971 die letzten Fesseln des Goldes abstreifte – indem Präsident Nixon das «Goldfenster» schloss und den globalen Papierstandard einläutete –, sind weltweit Bankbilanzen und Schuldenberge explodiert. Geldentwertung und Budgetdefizite gehören mittlerweile zur Tagesordnung, wobei die Wirtschaft von immer grösseren Blasen in den Finanzmärkten geplagt wird. Es entbehrt nicht einer gewissen Frivolität, dass das politische und monetäre Establishment jetzt wirtschaftliche Stabilität vielerorts als zwei Prozent Inflation und drei Prozent Budgetdefizit definiert – und selbst diese selbstgefälligen Vorgaben regelmässig verletzt.

Von wirklicher Stabilität kann aber selbstverständlich nicht die Rede sein. Die Schaffung von Bankkrediten aus dem Nichts führt nach wie vor zu künstlichen Aufschwüngen und bedingt Fehlverwendungen von Kapital, jetzt einfach noch in grösserem Masse. Nur fehlten eben lange die periodischen Bereinigungen durch den Markt. Das von Zeit zu Zeit erforderliche und früher vom harten Goldanker regelmässig eingeforderte Gesundschrumpfen blieb lange aus. Rezessionen wurden mit Zinssenkungen seitens der Zentralbank und der Schaffung neuer Bankreserven immer wieder verhindert oder zumindest abgemildert. Konjunkturelle Altlasten wurden so durch Abschwünge durchfinanziert, statt liquidiert zu werden, und im nächsten geldinduzierten Aufschwung kamen neue Verwerfungen hinzu.

Das Ganze erschien lange stabil, doch sind die kurzen Konjunkturzyklen des Goldstandards bloss durch neue Megazyklen ersetzt worden. Die Ungleichgewichte türmen sich auf, noch grössere Krisen sind letztlich unausweichlich.Das globale Geldschöpfungssystem hat sich selbst schachmatt gesetzt. Dies lässt sich daran ablesen, dass mittlerweile alle grossen Zentralbanken ihre Zinsen bei null halten und über die massive Ausweitung der eigenen Bilanzen die Märkte für Vermögensgüter nach oben drücken und so weitreichende Liquidierungen zu verhindern versuchen. Es wird böse enden. 

 


Weitere Interventionen zum Geldwesen u.a. von Ernst Baltensperger, Gunnar Heinsohn und Karl Reichmuth folgen in den nächsten Ausgaben.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»