Die Geldschöpfer

Geschäftsbanken vergeben Kredite, ohne dafür auf Ersparnisse zurückzugreifen. Und sie verdienen an Staatsanleihen, die sonst niemand freiwillig kaufen will. Wie ist das möglich? Wer profitiert? – Und wer bezahlt am Ende den Preis?

Die Geldschöpfer
Detlev S. Schlichter, photographiert von Remy Hunter, London.

Wo kommt unser Geld her? Wer produziert es, und wie wird die Geldschöpfung gesteuert?

Ich vermute, dass ein Grossteil der interessierten Öffentlichkeit bei diesen Fragen zunächst an die Zentralbanken denkt. Geld ist heutzutage allerorts Staatsangelegenheit: Es wird emittiert unter einem regionalen staatlichen Geldmonopol, das von der Zentralbank verwaltet wird. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn das meiste von uns heute benutzte Geld ist eben nicht von der Zentralbank gedrucktes Papiergeld, sondern elektronisches, immaterielles Buchgeld, das lediglich aus Bilanzpositionen bei Geschäftsbanken besteht. Es sind die Geschäftsbanken, die heute das meiste Geld schöpfen. Und dies ist auch nicht erst heute so: Seit es Banken gibt, ist die Emission von Geld – nennen wir es vorsichtshalber zunächst Quasi-Geld – ein elementarer Teil ihres Geschäfts. Wie die Banken das machen und wie die Zentralbank diesen Prozess zu steuern versucht, wollen wir uns im folgenden näher ansehen. Es wird dann rasch ersichtlich, dass diese Vorgänge bei weitem nicht so harmlos sind, wie gerne behauptet und wie oft geglaubt wird.

Als Gold noch Geld war

Um den komplexen und kaum bekannten Geldschöpfungsprozess aufzuschlüsseln, bietet es sich an, zunächst eine Wirtschaft ohne Geldschöpfung zu betrachten. Dies ist nicht weiter schwierig, denn bis vor kurzem war Geldproduktion ja erheblich beschränkt durch die Anbindung des Finanzsystems ans Gold. «Gold ist Geld – und sonst nichts», sagte vor hundert Jahren der Bankier J.P. Morgan und sprach damit eine seit Jahrhunderten geltende Weisheit aus. Geld ist zunächst ja gar nichts Kompliziertes. Geld ist lediglich das von der Öffentlichkeit allgemein akzeptierte Tauschmittel, also das marktfähigste Gut, das im Handel gegen Güter und Dienstleistungen angenommen wird, nicht weil es dem Empfänger direkten Nutzen stiftet, sondern weil er es rasch und einfach wieder tauschen kann.

Die Edelmetalle Gold und Silber haben seit Urzeiten in nahezu allen Kulturen diese Funktion erfüllt. In einem echten Goldstandard kann niemand das Geldangebot flexibel anpassen oder beliebig ausweiten. Gold aus dem Boden zu gewinnen, ist zeitaufwendig und kostspielig, und jedes Jahr weitet sich das Goldangebot nur minimal aus. Die Goldmenge – und damit die Geldmenge – sind somit nahezu stabil. Es findet keine Geldschöpfung statt – jedenfalls so lange nicht, als die Banken nicht die Szene betreten. Aber dazu später.

Entgegen einem heute weitverbreiteten Vorurteil stellt ein derart unelastisches Geldangebot kein Problem dar, auch nicht für eine wachsende Wirtschaft. Eine steigende Nachfrage nach Geld kann einfach dadurch befriedigt werden, dass die Kaufkraft jeder Geldeinheit steigt, und das geschieht automatisch durch die Marktkräfte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Nachfrage nach dem universellen Tauschmittel Geld sich fundamental unterscheidet von der Nachfrage nach jedem anderen Gut. Wir fragen Güter nach, weil sie einen Nutzwert für uns haben, ansonsten wären sie keine Güter. Beim Geld ist das anders. Wir fragen Geld in der Regel ausschliesslich wegen seines Tauschwertes nach. Keiner, der Nachfrage nach Geld verspürt, wünscht, eine bestimmte Menge an Banknoten oder eine bestimmte Menge Gold zu halten. Entscheidend ist jeweils die diesen Geldeinheiten anhängende Kaufkraft.

Steigt in einer Volkswirtschaft die Nachfrage nach Geld, also das Bedürfnis nach nur durch Geldbesitz zu erlangender Disposi­tionsfreiheit, so werden die Wirtschaftsakteure diese zu befriedigen suchen, indem sie ihre laufenden Geldausgaben reduzieren oder Nichtgeldgüter verkaufen, d.h. gegen Geld tauschen. Dies wird die Preise der Güter im Trend drücken, also die Kaufkraft des Geldes erhöhen. Die Volkswirtschaft hat jetzt zwar nicht mehr Geld zur Verfügung, jede einzelne Geldeinheit hat aber eine höhere Kaufkraft, und dadurch wird die erhöhte Geldnachfrage bedient. Dieser Prozess funktioniert genauso in die andere Richtung, wenn die Geldnachfrage abnimmt. Natürlich kann die Starrheit einiger Preise hier Probleme verursachen, aber im Grunde läuft dies so ab.

Geld ist eben das einzige Gut, das…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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