Die gefesselte Freiheit

Noch ist nichts entschieden. Tausende versammeln sich am 14. Januar 2011 vor dem Innenministerium in Tunis und verlangen das Ende der Diktatur. Manche haben eilends Plakate beschrieben. Sie wissen, dass ihre Botschaft weltweit gesehen wird. Die Slogans sind daher in mehreren Sprachen verfasst. «Freiheit für alle Tunesier» fordern sie, den Abgang des Despoten, die Auflösung […]

Noch ist nichts entschieden. Tausende versammeln sich am 14. Januar 2011 vor dem Innenministerium in Tunis und verlangen das Ende der Diktatur. Manche haben eilends Plakate beschrieben. Sie wissen, dass ihre Botschaft weltweit gesehen wird. Die Slogans sind daher in mehreren Sprachen verfasst. «Freiheit für alle Tunesier» fordern sie, den Abgang des Despoten, die Auflösung der Regierungspartei. Auch nach Arbeit und Würde rufen sie. Immer öfter sieht man politische Symbole auf dem Boulevard: das V-förmige Siegeszeichen, den drohenden Zeigefinger, die Fäuste des Aufruhrs.

Später, wenn der Volksaufstand zum Bewusstsein seiner selbst gelangt ist, tauchen weitere Zeichen auf. Die roten Nelken in den Gewehrläufen erinnern an Lissabon 1972, flackernde Kerzen an den Herbst 1989 in Leipzig, ein lebendes Bild an den Pariser Mai 1968: die Freiheit ist weiblich und schön und wird von den Männern auf Schultern getragen. Inmitten des historischen Tumults versichern die Menschen sich der Tradition. Die Gesten sind global verständlich und kehren Tage später wieder auf den Strassen von Sanaa, Amman und Kairo. Nur ein Symbol fehlt, die grüne Fahne des Propheten. Die tunesische «Jasminrevolution» will keinen Gottesstaat errichten. Sie trägt die okzidentale Geschichte der Freiheit nach Nordafrika.

Keine Geste erfasst den kritischen Augenblick genauer als das Symbol der gefesselten Freiheit. Ein junger Tunesier ballt die Hände zur Faust, dreht sie nach aussen, kreuzt die Handgelenke und streckt sie der Kamera entgegen. Andere tun es ihm nach. Die Geste zeigt die Fesseln des alten Regimes – und die Ankunft der neuen Zeit. Sie zitiert eine alte Bedeutung und verkehrt sie sogleich ins Gegenteil. Seit je sind die gekreuzten Handgelenke das Zeichen der Gefangenschaft, des Elends,der Wehrlosigkeit. Es ist die Geste Christi bei der Verhaftung auf dem Ölberg und beim Verhör vor Pilatus. Doch Christi Hände weisen nach unten, und die Handflächen sind einwärts gedreht. Im Proteststurm dagegen recken sich die Fäuste gen Himmel und drehen sich nach aussen. Alle sollen sie sehen, sollen die unsichtbaren Handschellen erkennen, sollen sich empören gegen Unrecht und Unfreiheit.

Das Zeichen der Knechtschaft weist den Weg zur Freiheit. Indem sie so tun, als seien sie in Ketten, bedeuten die Menschen einander, der Fesseln endlich ledig zu sein. Der symbolische Akt ist bereits ein Akt realer Freiheit. Trotzdem herrscht keine Euphorie. Wie das Victory-Zeichen nicht den Sieg feiert, sondern die Siegeszuversicht stärken soll, so dient das Fesselsymbol zur gegenseitigen Ermutigung. Es markiert die Schwelle zwischen Nichtmehr und Nochnicht. Die Stimmung schwankt zwischen Ernst und Erleichterung. Ein Demonstrant lächelt, ein anderer greift sich an die heisere Kehle. Vom Jubel und Triumph der grossen Freiheit sind sie alle noch weit entfernt.

Keineswegs ist die Geste nur für die Kamera des Reporters bestimmt. Zuerst setzt sie ein Signal für die Menschen rundum. Sie führen einander ihre Wut vor, ihre Entschlossenheit – und ihre alte Ohnmacht. Wie ein Fanal wirkt das Protestzeichen. Es stiftet Gemeinsamkeit und Gleichheit. Aus der Menge der einzelnen formiert sich die politische Masse. Zweifel und Mutlosigkeit sind überwunden, die Mauer der Angst ist durchbrochen. Im Rhythmus der Gesten, im Gleichklang der Rufe findet die Masse eine Stimme. Der Zorn stiftet Einheit, die Ohnmacht verliert sich im Erlebnis der Dichte und Gleichheit. Es ist nicht entscheidend, dass alle Klassen der Gesellschaft vor dem Ministerium versammelt sind. Die Strasse selbst stellt die Gleichheit her, welche die Fesseln zersprengt. Der Tanz der Schreie, Gesten, Grimassen drängt die Menschen so eng zusammen, dass nichts mehr zwischen sie treten kann. Stimmt einer einen Kampfruf an, fallen die anderen ein. Reckt einer die gekreuzten Hände hoch, ahmen andere ihn nach. Wörter und Gesten sind nur dazu da, sofort weitergegeben zu werden. Während der Demonstration photographieren sich viele Teilnehmer…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»