Baschi Dürr, zvg.

Die fünfte Kolonne

Der Westen wird geeint, bleibt aber unter Druck.

 

Als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine ist der Westen zurück. Das beginnt mit dem Begriff des «Westens», der bis vor kurzem als geradezu revisionistisch galt und mittlerweile gar im deutschen Staatsfernsehen ohne Anführungszeichen verwendet wird, und endet bei der Nato, die selten nötiger und populärer schien als heute. Wie immer eint ein gemeinsamer Feind. Doch wird dieser Westen tatsächlich am Schwarzen Meer verteidigt, wie oft zu lesen ist? Gewiss ist zentral, wer den Krieg verliert und wer ihn gewinnt – für die Ukraine sowieso, aber auch für die mittelbare Sicherheit von Mittel- und Westeuropa. Und geopolitisch bleibt eminent, dass sich die freieren gegen die autoritäreren Länder durchsetzen.

Aber letztlich entscheidet – auch wie immer – die «Heimatfront» über den Erfolg des Westens. Und damit ist nicht in erster Linie die Auseinandersetzung mit «Putin-Verstehern» an den linken und rechten Rändern des politischen Spektrums gemeint. Vielmehr geht es darum, ob wir bei uns zu Hause das, was den Westen so schön, reich und sicher gemacht hat, behalten wollen. Denn Freiheit und Selbstverantwortung, Wettbewerb und Markt, Subsidiarität und Föderalismus erodieren von Wien bis Vancouver. Und dafür kann die russische Armee nichts!

Während im Kalten Krieg diese interne Debatte noch scharf geführt und den Sympathisanten der anderen Seite «Moskau einfach» empfohlen wurde, sind die Fronten heute diffundiert. Man hört Wirtschaftsführer, die das chinesische Modell loben, Politiker, die auch das Privateste noch verpolitisieren wollen, und allesamt ertappen wir uns dabei (wenn wir’s denn noch merken), wie vermeintlich einfacher das Leben doch wäre, wenn wir etwas Selbständigkeit und Verantwortung abgeben könnten – kurz: Die offene Gesellschaft wird nach aussen und innen immer wieder in Frage gestellt. Am Schluss verteidigen wir den Westen nur dann erfolgreich, wenn wir die fünfte Kolonne in uns selbst zu überwinden vermögen.

«Alles wo es sein muss:
Tiefe in den Gedanken.
Höhe im Niveau.»
Mark Schelker, Professor für Ökonomie,
über den «Schweizer Monat»