Die freie Welt verteidigen
Thomas Kleine-Brockhoff, zvg.

Die freie Welt verteidigen

Im Westen haben die Ideen der Aufklärung ihre politische Heimat gefunden. Heute gilt es die Attacke neuer Kulturrelativisten abzuwehren.

Ohne Zweifel befindet sich der Westen in einer Krise, deshalb schreiben manche «den Westen» nur noch in Anführungszeichen. Der deutsche Historiker Gregor Schöllgen etwa hält die Nato und dazu noch die Europäische Union für moribund. Für ganze Kohorten von europäischen Analysten sind die USA verloren. Sie können die liberale internationale Ordnung bloss noch im Rückspiegel erkennen und sehen am Horizont vielmehr die Morgenröte einer anbrechenden «Post-West-Ära» aufscheinen.

Wer den Westen mit seinen gegenwärtigen Institutionen gleichsetzt, dem ist der Endzeitton zu verzeihen. Der Bedeutungsverlust dieser Institutionen ist schwer zu übersehen. Doch der Westen sei zugleich ein normativer Prozess, gibt Historiker Heinrich-August Winkler zu bedenken. Der politische Westen kann eben nicht bloss als eine Gemeinschaft von Nachkriegsverbündeten in Amerika und Europa verstanden werden. Er ist zugleich verbunden durch eine Ideenwelt, die auf die Aufklärung zurückgeht und in Institutionen ihren heutigen Ausdruck fand. Diese Verschränkung macht die gegenwärtige Krisendebatte so relevant und so komplex.

Von Traueranzeigen für den politischen Westen ist abzusehen

Seinen ersten Auftritt hatte der politische Westen nicht etwa 1941 mit der Atlantik-Charta, nicht 1948 mit dem Marshallplan und nicht 1949 mit dem Nato-Vertrag, sondern schon während der atlantischen Revolutionen von 1776 und 1789, und zwar mit der Grundrechteerklärung von Virginia und der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung. Der Westen beruht somit nicht allein auf Institutionen, die Machtstrukturen und Präferenzen nach dem Zweiten Weltkrieg abbilden. Er fusst vielmehr auf Prinzipien, die die Revolutionen des 18. Jahrhunderts (und übrigens auch die polnische Verfassung von 1791) etabliert haben: unveräusserliche Menschenrechte, Herrschaft des Rechts, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie. Der Westen – das sind letztlich politische Werte mit universalistischem Kern. In diesem Verständnis sind die westlichen Demokratien gelebte aufklärerische Praxis. Die Praxis schafft sich Institutionen, innerstaatliche und zwischenstaatliche. Die Institutionen mögen sich wandeln, der Wertekern nicht. Weil die aufklärerischen Ideale wirkmächtiger und dauerhafter sind als die Institutionen, die sie sich geschaffen haben, empfiehlt es sich, von Traueranzeigen für den politischen Westen zunächst abzusehen.

«Der politische Westen kann nicht bloss als eine Gemeinschaft von Nachkriegsverbündeten in Amerika und Europa verstanden werden.»

Wer genau hinsieht, wird bemerken, dass der Bedeutungsverlust von Institutionen nicht der einzige beobachtbare Trend ist. Denn zugleich hat ein neuer Streit um den Westen begonnen, um dessen Wesen und Zukunft, also um eine moderne Übersetzung aufklärerischer Ideale in die politische Praxis der liberalen Demokratie.

Diese Kontroverse beginnt mit der Begriffsdefinition, um die gerungen wird, weil sich darin die verschiedenen Vorstellungen spiegeln, was der Westen ist oder sein sollte. Stark vereinfacht lassen sich vier Definitionen unterscheiden: Da ist erstens der Westen als Synonym für eine historisch gewachsene Kulturgemeinschaft, die auf christlichem oder jüdisch-christlichem Erbe fusst. Darüber hinaus gibt es zweitens eine rassistische Deutung, die den Westen über das Weisssein definiert. Drittens steht der Westen für die Gruppe der entwickelten und technologisch führenden Länder. Und viertens lässt sich der Westen als eine politische Gemeinschaft liberaler Demokratien beschreiben.

Letztere, also die politische Definition, war nach den atlantischen Revolutionen lange Zeit umstritten und in der regierungspraktischen Übersetzung eine Art Minderheitenprogramm ausgewählter Nationalstaaten. Gegen die Konkurrenz der technologischen, der rassistischen und der kulturalistischen Definition wurde die aufklärerisch-politische Interpretation des Westens erst nach dem Zeiten Weltkrieg prägend, und zwar zunächst regional. Vollends durchzusetzen schien sie sich erst nach dem Ende der Sowjetunion.

Kritik und Widersprüche

Die Kritik am Begriff des politischen Westens ist gleichwohl niemals verstummt. Da gibt es jene, die unterstellen, der Westen sei im Grunde bis heute nichts anderes als ein exklusiver, andere ausschliessender Club und insofern keineswegs den Werten der Aufklärung verpflichtet. Dabei ist der heutige Westen, auch wenn er von Anrainern des Atlantiks gegründet wurde, gerade keine geografische, sondern eine politische Standortbestimmung. Er ist offen…

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