Die Frau des Metzgers

Ein alter Löl erklärt die Welt

Das Phänomen Altersmilde ist sattsam bekannt. In «Die Frau des Metzgers» erzählt ein alter Tatterer in charmantem Plauderton wie er als 19jähriger empfindsamer Metzger in ungeschlachter Umgebung seine grosse Liebe kennenlernte. Da macht einer glauben, dass Liebe seinerzeit einfach nicht vorhanden gewesen, ihm aber das Glück zuteil geworden sei, «ein Hildi» kennenzulernen, das ihm klar machte, was Liebe sei. Er ist in Liebesdingen ein Mann der alten Schule und verschreibt sich lebenslänglich dieser Frau. Verehrerinnen wird er mitunter erst los, wenn er ihnen «in der Wursterei einen Munistotzen an den Grind warf». Als Hildi schwanger wird, begräbt er berufliche Zukunftspläne, sucht 21jährig eine Arbeit: «Die Ethik und der Stolz spielten bei mir eine Musik. Dazu brauchte ich keine Pfaffen. Entweder weiss man, was man zu tun hat, oder man weiss es eben nicht… Wir krampften von früh bis spät, fünfzehn Stunden oder mehr am Tag. Ab und zu feierten wir ein bisschen und fielen unter die Tische. Das war das ganze Leben.»

Der 92jährige Hans Meister erzählt seiner Enkelin die Geschichte vom Kennenlernen bis zum Tod seiner grossen Liebe. Eine Geschichte, die in den 1920ern beginnt und in den 1990er Jahren endet. Das ist natürlich jede Menge Stoff. Weil der lebenslustige Greis den Tod nahen spürt, gibt er sich schonungslos und freimütig, möchte abladen, versucht auf den Grund zu gehen, kommt aber doch nicht aus seiner Haut heraus: «Ein bisschen verdreschen schadet niemanden. Statt immer nur lafern. Das ist meine Meinung, musst sie ja nicht teilen.» «Säbi Zit», so die Standardrechtfertigung, wäre eben ganz anderes gewesen. «Säbi Zit» machte der Hans Karriere, und das Hildi vereinsamte. «Säbi Zit» wurde er wichtig, sie bekam Minderwertigkeitskomplexe. Er lernte Leute kennen, sie konnte nicht mitreden. «Säbi Zit» traf er die Entscheidungen, alle. Gefragt wurde niemand, sie wurde vor vollendete Tatsachen gestellt und zwar in allen Bereichen, betrafen sie nun den Umzug, die Firmengründung oder den Urlaub. Frauen hätten heutzutage diese «Hingabe» nicht mehr, heisst es da.

Ein «alter Löl» erklärt da die Welt, gibt sich reuig, schämt sich bisweilen und gesteht ein, nicht über seine Nasenspitze hinausgeschaut zu haben. Eine Abrechnung nicht nur zu eigenen Gunsten, und die Enkelin, Susanna Schwager, schreibt mit, verdichtet und veredelt in grossartiger Manier. «Alles was ich aufschrieb, wurde gesagt. … Die Wahrheit bleibt ein Umriss», schreibt sie in ihrem Nachwort.

«Die Frau des Metzgers» erzählt die Geschichte Hildi Meisters nicht nur aus der Erinnerung ihres Mannes, sondern es kommen auch ihre jüngste Schwester und ihre älteste Tochter zu Wort. «Er brachte sie dann nach Hause, mit der Handtasche voller Scherben», so erzählt die Tochter über ihre Zeugung. Drastisch wird klar, dass die Erinnerung des Herrn Meister sich im Laufe der Jahrzehnte offenbar verselbständigte und mit der Wahrheit wohl nur mehr entfernt verwandt sein dürfte. Dieses Buch lässt den Leser die Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse begreifen, führt vor Augen, warum sich so lange nichts änderte. Ein trauriges, aber wichtiges Buch. Ein Monument für eine grosse Schweigerin. Eine uneingeschränkte Empfehlung.

vorgestellt von Markus Köhle, Wien

Susanna Schwager: «Die Frau des Metzgers». Zürich: Chronos, 2007.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»