Die Folgen für die Praxis sind verheerend

Im Dossier «Fehlkonzept Rechtschreibreform» —wurde – in dieser Gründlichkeit hierzulande zum ersten Mal – aufgezeigt, welches Unheil die mit allerlei Winkelzügen ewigmorgiger Reformer durchgesetzte Reform angerichtet hat.

Die im Druck- und Verlagswesen Tätigen – also die Hauptbetroffenen – wurden bei der Erarbeitung der Reform geflissentlich ferngehalten und alle ihre Warnungen in den Wind geschlagen. Was unschwer vorauszusehen war, erfahren sie nun täglich: daß die Reform ihre Arbeit ungemein erschwert hat. Sie müssen sich mit drei Schreibvarianten herumschlagen: mit der alten Orthographie (die viele Autoren weiterhin verlangen), der offiziellen neuen Duden-Schreibung sowie deren Variante gemäß dem Duden-Praxiswörterbuch, das vielfach die herkömmliche Schreibung bevorzugt. Die Texte, mit denen man es in der Praxis zu tun hat, sind natürlich ein Gemisch aus all diesen Orthographien.

Für die Zeitungsverlage ergeben sich keine großen Probleme. Der Verlag ist sein eigener Auftraggeber und kann ohne weiteres die offizielle oder auch eine von der Reformschreibung abweichende Hausorthographie dekretieren (so bei der NZZ). Der technische Betrieb beziehungsweise die Korrektoren sorgen für die strikte Durchführung. Ganz anders sieht es aus, wenn eine Druckerei für die verschiedensten Auftraggeber arbeitet. Da stellt sich bei jedem einzelnen Auftrag die Frage, welche Schreibung der Kunde wünscht. Rückfragen, Diskussionen und Konflikte sind unvermeidlich.

In der täglichen Praxis hat dies natürlich verheerende Folgen. Vor dem Computerzeitalter wurden die als Manuskripte angelieferten Texte in den Druckereien von den Setzern neu erfaßt und von den hauseigenen Korrektoren auf Schreibfehler und Rechtschreibung überprüft. Sie konnten sich auf eine allseits anerkannte Einheitsschreibung berufen. Heute werden die Texte von den Kunden erfaßt und per Diskette angeliefert. Eine Durchsicht dieser Texte durch fachkundige Korrektoren wäre nötiger denn je. Unter den geschilderten Umständen ist es aber für eine Druckerei nicht mehr einsichtig, warum sie das kostenträchtige Korrektorat weiter pflegen soll. Mit dieser Dienstleistung handelt sie sich nämlich nicht selten ärgerliche Diskussionen ein. Und so braucht man sich denn nicht zu wundern, wenn bald jede zweite Buchbesprechung ein Lamento über die vielen Druckfehler und stilistischen Ungereimtheiten anstimmt.

Fazit: Wir sind wieder dort angelangt, wo man vor der Einführung der deutschen Einheitsschreibung von 1901 bereits einmal war: bei den Hausorthographien oder – noch schlimmer – einem heillosen Durcheinander (und dies im Zeitalter der Normierung!). Die umtriebigen, aber sachunkundigen Reformer haben der Sprachpflege wahrlich einen Bärendienst erwiesen.

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