Die Flucht führt im Kreis herum

Der Solothurner Soziologie, Künstler und Autor Urs Jaeggi wartet gleich mit zwei neuen Romanen auf. Nach längerer, fast zwanzigjähriger Pause markiert der Roman «Weder noch etwas» einen literarischen Neuanfang. Der Fall der Mauer verhilft dem Ingenieur Franz Behnke zu einer Neugeburt, deren Folgen nicht ohne Komplikationen sind. In der DDR aufgewachsen und mit der Tochter […]

Der Solothurner Soziologie, Künstler und Autor Urs Jaeggi wartet gleich mit zwei neuen Romanen auf. Nach längerer, fast zwanzigjähriger Pause markiert der Roman «Weder noch etwas» einen literarischen Neuanfang. Der Fall der Mauer verhilft dem Ingenieur Franz Behnke zu einer Neugeburt, deren Folgen nicht ohne Komplikationen sind. In der DDR aufgewachsen und mit der Tochter eines bekannten Schweizer Regisseurs verheiratet, erschien ihm die neu gewonnene Freiheit nach der Wende zwiespältig. Im ICE pendelt er heute als Speisewagenkellner zwischen Berlin und Basel, wohnhaft ist er auf halber Strecke in Fulda. Ein französischer Journalist bringt ihn während der Reisen zum Reden.

Urs Jaeggi schildert einen verstörten Menschen, der bedrohlich zwischen Aufruhr und Resignation schwankt. Behnke versteckt illegale Flüchtlinge in seinem Gartenhaus vor der Polizei, und hasst sich zugleich für diese selbstlose Tat. Auch wenn er nostalgische Gefühle für sein altes Leben hegt, wird er nicht zum Verklärer der DDR. Aber es schmerzt ihn, wenn er in der Fuldaer Nachtkneipe als Ossi beschimpft wird, der besser drüben geblieben wäre.

Behnke ist ein Getriebener, der in einem Speisewagen gestrandet ist. Seine fiebrige Unruhe überträgt sich auf den Erzählduktus. Als beobachtender Autor variiert Urs Jaeggi den Gefühlstumult seines Helden, sprachlich gekonnt, im Wechselspiel von Pausen und Redeschwall, Hoffnung und Resignation. Ein kleines Fragezeichen setzt lediglich die allzuopulente Ausstattung Behnkes mit kulturellem, vorab literarischem Wissen, das der einstige Ingenieur souverän herbeizitiert. In Behnke steckt wohl ein Quentchen zuviel Jaeggi.

Anders präsentiert sich «Wie wir». Der Roman besteht aus drei stilistisch ungleichen Texten, deren jeder andere Wahrnehmungen der Welt dokumentiert. In «outback» sucht ein Erzähler in Australien einen Neuanfang als stummer Säulensteher, nachdem ihm zuvor in einer Bar der Bauch aufgeschlitzt worden war. «Vol Terra» lässt uns eintreten in eine psychiatrische Klinik, in der die Patienten von allen guten Geistern, auch von ihrem medizinischen Beistand verlassen sind. Unter der geheimen Patronage des verrückten Dichters Antonin Artaud – den auch Behnke wiederholt zitiert – herrscht hier eine tobende Ordnung, die die Rolle des Erzählers fein in der Schwebe lässt. In «Beobachter der Beobachter der Beobachter» schliesslich – an Dürrenmatts berühmte Novelle erinnernd – scheint jegliches Toben gebändigt. Rings um vier Türme sitzen Beobachter, die sich gegenseitig beäugen und darauf warten, dass in den für die Aussenwelt völlig uneinsehbaren, mysteriösen Türmen endlich irgendetwas passiert.

In drei Variationen erschliesst uns der Phantast Jaeggi hier eine Welt, die kein Entrinnen kennt. «Die Flucht führt im Kreis herum und die Fliehenden wissen es.» So kapituliert das Ich und spinnt sich in den eigenen Sprachkokon ein. Vielleicht liegt darin eine letzte Hoffnung.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern

«Ursino III», aus «Progetto Siciliano», Acryl auf Leinwand, 120 x 120, 2003

Urs Jaeggi: «Weder noch etwas». Klagenfurt: Ritter, 2008

Urs Jaeggi: «Wie wir». Frauenfeld: Huber, 2009

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»