Die falsche linke Solidarität mit Diktatoren
Die Linke befindet sich in einer tiefen intellektuellen Krise. Die blinde Unterstützung Maduros bei gleichzeitigem Schweigen zum Iran ist Ausdruck davon. Ein Plädoyer für «Menschlichkeit First».
Vergangene Woche in Zürich. Eine Gruppe demonstriert mit venezolanischen Flaggen für das Maduro-Regime. Ein Passant tritt auf sie zu und konfrontiert sie: «Kein Einziger von euch ist Venezolaner.» Als die Demonstranten schweigen, sagt er: «Ich bin politisch Verfolgter und wurde vom Maduro-Regime gefoltert.»
Die Szene offenbart ein Muster. Im Iran erschiesst das Regime Demonstranten und kappt das Internet, um unbeobachtet zu töten. Doch die Empörung vieler Linker bleibt aus. Keine Petitionen, keine Protestmärsche. Diese Selektivität folgt einer Logik.
Das Weltbild dahinter teilt die Welt in zwei Lager: Auf der einen Seite die USA als Inbegriff des Bösen. Auf der anderen Seite alle, die sich gegen Amerika positionieren. Was einmal internationale Solidarität war, ist zur Formel «meines Feindes Feind ist mein Freund» degeneriert. Iran und Venezuela inszenieren sich als Gegenpole zu Washington und geniessen deshalb in Teilen der Linken eine Art Schutzstatus.
«Iran und Venezuela inszenieren sich als Gegenpole zu Washington und geniessen deshalb in Teilen der Linken eine Art Schutzstatus.»
Verrat an der eigenen Geschichte
Dieses Lagerdenken pervertiert ein Kernprinzip linker Tradition: die Idee universeller Menschenrechte. Wer nur dann protestiert, wenn der Täter «auf der falschen Seite» steht, verabschiedet sich vom Universalismus. Er betreibt moralische Aussenpolitik nach Parteibuch und unterscheidet sich darin kaum von den Zynikern, die er sonst im Westen kritisiert.
Es ist auch ein Verrat an der eigenen Geschichte. Die Linke unterstützte einst Dissidenten in Chile, Oppositionelle in Osteuropa, die Solidarność-Bewegung. Heute beäugt sie Dissidenten in Teheran oder Caracas misstrauisch, weil diese angeblich «dem Westen und Zionisten in die Hände spielen».
Was dabei übersehen wird: Es gibt im Iran, in Venezuela, in Syrien linke, feministische, gewerkschaftliche Bewegungen – und genau diese werden von den Regimen verfolgt, die im Westen als «antiimperialistische Verbündete» verklärt werden. Wer Maduro oder die Islamische Republik schützt, fällt nicht «dem Westen» in den Rücken, sondern den linken, säkularen, feministischen Kräften vor Ort.
Am Ende steht eine zynische Ethik: Der Zweck heiligt die Mittel, und der Mensch ist nicht mehr Zweck an sich. Es ist egal, wie viele Demonstranten die Mullahs erschiessen, wie viele Frauen sie hinrichten, wie viele Oppositionelle in Maduros Kerkern verschwinden – Hauptsache, diese Regime stehen gegen Israel und die USA. Der einzelne Mensch zählt nicht mehr als Träger unveräusserlicher Rechte.
Wahre Solidarität gilt den Menschen
Dahinter steckt ein kulturrelativistischer Fehlschluss, der auch in Teilen der linken postkolonialen Theorie angelegt ist. Denkerinnen wie Gayatri Chakravorty Spivak kritisieren den liberalen Menschenrechtsdiskurs als hegemonial und westlich geprägt – er konstruiere Subalterne als Opfer, die vom Westen «gerettet» werden müssten.
Dieser Ansatz liefert ein Deutungsmuster, das sich politisch instrumentalisieren lässt: Wer sich im globalen Süden auf individuelle Freiheit beruft, kann schnell als Produkt westlicher Diskurse abgetan werden. Freiheit selbst wird zum Importgut erklärt, das mit den Menschen dort nichts zu tun habe. Wenn sie dennoch danach streben, gelten sie als intellektuell manipuliert, als Marionetten fremder Mächte. Während der Verhüllungsverbotsdebatte in der Schweiz brachte ein Sprecher der Operation Libero diese Haltung erschreckend unverblümt auf den Punkt: Muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen, würden bloss «die westliche Mittelschichtsfrau als Massstab der Befreiung» nehmen.
Der Venezolaner in Zürich hat diese bequeme Projektionsfläche zerstört. Wer im sicheren Zürich ein Regime verteidigt, das seine Bürger ins Exil treibt, verwechselt politische Haltung mit moralischer Selbstinszenierung. Wahre Solidarität gilt nicht Regierungen, Flaggen oder Symbolen. Sie gilt den Menschen.
«Wer im sicheren Zürich ein Regime verteidigt, das seine Bürger ins Exil treibt, verwechselt politische Haltung mit moralischer Selbstinszenierung.»