Die Eule ist gelandet

Im Superkunstjahr 2017 war unser Kunstkorrespondent auf «Grand Tour» quer durch Europa und berichtet von der erstmals in zwei Städten stattfindenden Documenta 14 aus Athen und Kassel. «Learning from Athens» lautet der diesjährige Titel. Aber: was gibt es überhaupt zu lernen? Wie viel Athen steckt in Kassel, wie viel Kassel in Athen? Und: ist die Wanderausstellung ein Modell für die Zukunft?

Die Eule ist gelandet
Auf dem Filopappou-Hügel mit Blick auf die Akropolis: Aus Marmor gehauenes Flüchtlingszelt von Rebecca Belmore (Kanada), «Biinjiya’iing Onji [from Inside]» (2017).

DIE DOPPELAUSSTELLUNG DOCUMENTA 14

Die Eule mit umgelegtem Kopf ist das Logo der diesjährigen Documenta. Als Begleiterin von Athene, der Göttin der Weisheit – und Namensgeberin von Griechenlands Hauptstadt –, ist die Eule ein bekanntes Symbol aus der griechischen Mythologie. Über die Jahrhunderte ist ihre symbolische Bedeutung vielschichtiger geworden und wird seit dem Mittelalter auch mit einem negativen Aberglauben assoziiert: die Eule als Symbol für den nahenden Tod.

Masken von Beau Dick (Kanada) aus der Serie «Undersea Kingdom» (2016/17) im EMST in Athen.

 

Indirekt hing dieser Schatten auch über den Vorbereitungen der diesjährigen Documenta: Als Adam Szymczyk 2013 zum künstlerischen Leiter gewählt wurde, hatte er sich mit einem kühnen Konzept gegen fünf Konkurrenten durchgesetzt: Er wollte die Documenta, die seit 1955 traditionell in Kassel stattfindet, gleichberechtigt in zwei Städten stattfinden lassen. Noch vor ihrem offiziellen Beginn in Kassel sollte die Schau in dem von Finanz- und Flüchtlingskrise gebeutelten Athen eröffnet werden.

Athen als Schauplatz der anhaltenden ökonomischen Krise Europas sei ein «Sinnbild für eine sich rapide verändernde globale Situation» (Szymczyk) und verkörpere «die wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Dilemmas, mit denen sich Europa heute konfrontiert sieht – ähnlich wie Kassel 1955 für die Notwendigkeit stand, mit dem Trauma der Zerstörung, das der Nationalsozialismus in Deutschland mit sich gebracht hatte, umzugehen».

Gross war zu Beginn der Aufschrei und die Verlustangst in den deutschen Lokalmedien. «Der Pole nimmt uns die Documenta weg», war hinter vorgehaltener Hand zu hören. Kassel war Documenta und Documenta war Kassel, dabei sollte es bleiben. Auch in Athen stiess das «Geschenk» der deutschen Kunstexpansion nicht nur auf Begeisterung. Schnell war der Verdacht geäussert, die Athener Krise könnte zur Ressource der Kreativen werden – nach dem Schuldenkampf die «ästhetische Ausbeutung», von «Ruinenromantik» und «Exotisierung» des Südens war die Rede. Als wenig später, im Jahr 2015, die sogenannte Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreichte und auch für den Zentraleuropäer sichtbar wurde, galt Szymczyk in vielen Augen plötzlich als Prophet.

Verlernen, um zu lernen?
Die erste Documenta wurde 1955 von Arnold Bode als exemplarisches politisches Erziehungsprojekt der Nachkriegsjahre gegründet. Vor diesem Hintergrund erscheint es heute nur konsequent, die Schau (teils) in ein zunehmend fragmentiertes und orientierungsloses Europa auszuquartieren. Kassel, so Adam Szymczyk, solle seine alleinige Gastgeberrolle aufgeben und sich als Gast «dem Fremden» stellen, um sich selbst und die Welt besser zu verstehen. Damit solle die Documenta jene weltpolitische Dringlichkeit wiedergewinnen, die das Anliegen Bodes ursprünglich ausgezeichnet hatte. Szymczyk bezeichnete das «Lernen» bei der Eröffnungspressekonferenz deshalb als «das Arbeitsprinzip der Documenta». Sie werde «keine Interpretationen oder wörtlichen Erläuterungen abgeben. Die grosse Lektion hier ist, dass es keine Lektion gibt.» Die beste Art, sich der Ausstellung zu nähern, sei also, zu verlernen, was wir zu wissen glauben – um sich wieder überraschen zu lassen.

Das grosse Unbehagen und ein neuer Anspruch
Wenig überraschend ist allerdings der diesjährige thematische Rahmen: behandelt werden erneut die aufreibenden Fragen der Gegenwart – Flucht, Unsicherheit, Unterdrückung, Terror, Minderheiten, Ausbeutung, die Krise der Demokratien –, die Documenta 14 gibt sich dabei immerhin aber interessanter und aktueller als die sich naiv-affirmativ auf bestehende Konzepte von Werk und Künstler zurückziehende Venedig-Biennale. Die «neue» Documenta zeugt von einem tiefsitzenden Unbehagen an der Kunst: grosse zeitgenössische Namen sind in der wichtigsten Ausstellung der Welt rar gesät. Auffällig hingegen ist die Hinwendung zu Werken aus nichtmodernen Traditionen, eine Liebe zur Vergangenheit und die vielen Referenzen auf die 1970er Jahre, deren Öffnung des Kunstbegriffes in Form partizipativer und utopischer Ansätze heute wieder ein breites Publikum findet.

 

«Fluchtzieleuropahavarieschallkörper» (2017) von Guillermo Galindo (Mexiko). Zu Musikinstrumenten umgebaute Überresten von an Lesbos angespülten Schiffswracks in der Documenta-Halle in Kassel.

 

Das spiegelt sich auch in der Verwendung der Formate und Medien: Selten wurde auf einer Documenta aus kuratorischer Sicht so massiv die Beschränkung aufs Visuelle kritisiert. Stattdessen: viel Audio, Performance, Aktion, Theater, Musik, Film, Installation und Dokumentarmaterial. Sogar ein eigenes Radioprogramm wurde entwickelt. Weiter versucht die Documenta 14 mit Bauten und Aktionen in öffentlichen Spielstätten die Stadt und das Leben (um) zu gestalten. In Athen wurden etwa der Kotzia-Platz, der Syntagmaplatz oder der Filopappou-Hügel bespielt, in Kassel neben dem Friedrichsplatz und der Karlsaue auch der Königsplatz oder der Nordstadtpark.

Mit der Documenta lernt man so die jeweilige Stadt, ihre unterschiedlichen Quartiere und Institutionen besser kennen, da sich die Ausstellung nicht mehr auf einige wenige Ausstellungsorte beschränkt, sondern auf rund 50 (Athen) bzw. 35 (Kassel) ausbreitet. So besucht man in Athen neben dem Museum für zeitgenössische Kunst (EMST) auch das Konservatorium (Odeion), das Benaki-Museum, die Kunstakademie (ASFA), das Polytechnion (Uni) oder das Archäologische Museum. In Kassel gesellen sich zu den bekannten Spielorten Fridericianum, Documenta-Halle, Neue Galerie, Orangerie und Ottoneum als neue Orte die Neue Hauptpost, die Gottschalk-Halle, das Stadtmuseum, der Schlachthof und die Tofu-fabrik. In Kassel lernt man so auch «Problemquartiere» wie die Nordstadt kennen, in Athen führt der Weg nach Piräus oder auf die Akropolis.


Die Künstler
Bei der Documenta 14 sind mehr als 160 Künstlernamen gelistet. Allerdings sind davon auch mehr als 60 bereits verstorben. Die ältesten Teilnehmer sind weit über 90; 30- bis 40-jährige Künstlerinnen und Künstler zählt man nur etwa ein Dutzend. Der wohl jüngste Documenta-Teilnehmer ist ein griechischer Rapper mit ghanaischen Wurzeln: der 1991 in Athen geborene Negros Tou Moria. Die wohl älteste Künstlerin dürfte die 96-jährige Choreographin Anna Halprin sein, die rumänische Künstlerin Geta Bratescu wiederum feiert mit ihren 91 Jahren gerade erst ihren internationalen Durchbruch.

 

ATHEN – ENJOY THE RUINS

Am Ort der ultimativen Ratlosigkeit, im Epizentrum der europäischen Wirtschafts- und Flüchtlingskrise, will die Documenta zeigen, dass sie einen neuen, direkten Zugang zur Welt auftun kann. Adam Szymczyk versprach eine Ausstellung «in Echtzeit» und im «Ausnahmezustand». Eine gewisse Ruinenromantik lässt sich aber trotzdem nicht absprechen.

Blick vom obersten Stock des Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen: Graffito «Welcome and enjoy the ruins» (unbekannt).

 

In Athen sind neben Museen auch Kinos, Bibliotheken, Schulen, Fernseh- und Radiostationen, Konzerthäuser, private Liegenschaften und öffentliche Plätze ins Konzept integriert. Sie alle bilden ein über die ganze Stadt gestreutes Netz an Austragungsorten, die teils nur schlecht auffindbar sind und sich auch nicht immer streng an die angegebenen Öffnungszeiten halten. Dabei trifft man nicht selten auf Strassen, in denen jedes zweite Haus leersteht, und auf flächendeckende Graffiti, die der Krise und dem Aufbegehren der Athener Bevölkerung Luft verschaffen. In Athen ist der Eintritt zur Documenta (im Gegensatz zu Kassel) fast überall kostenfrei. Zahlen würden aus der lokalen Szene wohl auch nur wenige: weil sie das Geld nicht haben oder weil ihnen die Documenta ziemlich egal ist.

Kritik der lokalen Szene
Viele der lokalen Künstler kritisieren sogar die deutsche Grossausstellung. Das Motto «Learning from Athens» wird nicht nur als gut gemeinte, demütige Geste verstanden, sondern auch als beinahe-kolonialistischer Eingriff. Dutzende von kritischen Graffiti und «Documenta – Fuck off»-Postern lassen die aufgeheizte Grundstimmung auch für den Aussenstehenden unschwer erahnen. Programmatisch ist auch der vom Dachgeschoss des Nationalen Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) deutlich sichtbare Graffito «WELCOME AND ENJOY THE RUINS» zu deuten: die Antike wird als Panorama auf Augenhöhe geboten – nachgefragt (und hiermit angeklagt) wird aber nicht zuletzt eine Art neuer Katastrophentourismus. Weder Szymczyk noch seinen zahlreichen Kuratoren und lokalen Kontaktleuten ist es offenbar gelungen, die griechische Kunstszene für sich zu gewinnen; von einem Interesse der breiteren Öffentlichkeit ganz zu schweigen: an den meisten Ausstellungsorten waren kaum Einheimische anzutreffen. Und dennoch lohnt sich die Reise nach Athen gleich mehrfach. Auf dem – zugegebenermassen oft langen und schon mal mühsamen – Weg in die Aussenstationen der Ausstellung bekommt man so viel mehr von der Stadt, ihren Problemen, aber auch Schönheiten mit, dass manchmal das Kunstwerk, das es zu besichtigen gilt, sekundär hinter das Gesamterlebnis zurücktritt. Selbst wenn – oder gerade weil – mal wieder die Öffnungszeiten nicht eingehalten werden oder man die Lokalität (eine Privatwohnung, ein Community-Center oder eine Aussenskulptur) schlicht nicht findet: «von Athen lernen» kann man ganz hervorragend. Auch die Athener haben durchaus etwas von dem Trubel, gerade weil der indirekte Mehrwert der Kunstausstellung sich nicht selten ausserhalb der Künste manifestiert: So verteilte der englisch-pakistanische Künstler Rasheed Araeen zweimal täglich warme Mahlzeiten auf dem Kotzia-Platz, und der US-Amerikaner Rick Low gründete am Syntagmaplatz gar ein Gemeinschaftszentrum, das mindestens ein Jahr über die Documenta hinaus betrieben wird.

 

Was Sie sehen sollten

Filopappou-Hügel: Das aus Marmor gehauene Flüchtlingszelt von Rebecca Belmore (Biinjiya’iing Onji [from Inside], 2017)

Konservatorium Odeion: insbesondere die Werke von Nevin Aladag (Music Room, 2017) und Emeka Ogbho (The way earthly things are going, 2017)

Kunstschule ASFA: insbesondere die Werke von Anna und Lawrence Halprin (Landscape Score, 1962–1971) und das Video von Artur ˙Zmijewski (Glimpse, 2017)

EMST: die Filme von Naeem Mohaiemen (Tripolis cancelled, 2017) und Sammy Baloji (Tales of the copper cross garden, 2017)

Tositsa 5: Installationen und Performances von Georgia Sagri (Dynamis, 2017)


Was Sie sich sparen können

Benaki-Museum: Angestaubte Präsentation 

Megaron-Konzerthalle: Performative Werke mit unregelmässigen Aufführungszeiten

Archäologisches Museum Piräus: Lange Anreise (es sei denn, Sie interessieren sich für Tanz zwischen alten Steinen)

 

 

KASSEL – COMING HOME

Nun kehrt die Documenta also heim. Was hat sie von Athen gelernt und wie präsent ist Griechenland in Kassel?

«Parthenon of Books» (2017) von Marta Minujín (Argentinien) auf dem Friedrichsplatz in Kassel, behängt mit einst oder immer noch verbotenen Büchern. 

 

Unübersehbar nimmt ein monumentaler Nachbau des berühmtesten griechischen Tempels, des Parthenon, das geographische Zentrum der Ausstellung vor dem Fridericianum ein. Der Nachbau des Akropolistempels aus rund 40 000 verbotenen Büchern ist eine Arbeit der Argentinierin Marta Minujín – und eine Rekonstruktion ihrer früheren Arbeit «Parthenon der Bücher», die sie 1983 in Buenos Aires aus Baugerüsten errichtete und mit Büchern behängte, die während der Militärdiktatur auf dem Index standen. Die Kuratoren verstehen die Wiederauflage als eine Kritik an der weltweit wachsenden Einschränkung der Meinungsfreiheit. Aber auch jenseits solcher Rezeptionshinweise ist der monumentale Tempel mit seinen schimmernden, in Plastik eingeschweissten Büchern formal beeindruckend: der Bau scheint riesig und leicht zugleich.

Unübersehbar nimmt ein monumentaler Nachbau des berühmtesten griechischen Tempels, des Parthenon, das geographische Zentrum der Ausstellung vor dem Fridericianum ein. Der Nachbau des Akropolistempels aus rund 40 000 verbotenen Büchern ist eine Arbeit der Argentinierin Marta Minujín – und eine Rekonstruktion ihrer früheren Arbeit «Parthenon der Bücher», die sie 1983 in Buenos Aires aus Baugerüsten errichtete und mit Büchern behängte, die während der Militärdiktatur auf dem Index standen. Die Kuratoren verstehen die Wiederauflage als eine Kritik an der weltweit wachsenden Einschränkung der Meinungsfreiheit. Aber auch jenseits solcher Rezeptionshinweise ist der monumentale Tempel mit seinen schimmernden, in Plastik eingeschweissten Büchern formal beeindruckend: der Bau scheint riesig und leicht zugleich.

Auf Tuchfühlung in der Tofufabrik
Während die liebliche Karlsaue den eigentlichen Mittelpunkt der letzten Documenta bildete, hat sich Szymczyk dafür entschieden, in diesem Jahr eine ganze Reihe von anderen Institutionen und Orten zu bespielen. Er zeigt vor allem auch das Kassel, das wirklich hässlich ist. Wenn man etwa entlang einer lauten Ausfallsstrasse im Norden, vorbei am trostlosen Strassenstrich mit dutzenden Sexarbeiterinnen, ins postindustrielle Hinterland zur Tofufabrik gefunden hat, wird es wirklich düster. Der süssliche Tofugeruch hängt noch immer in der Halle, die gut auch als Filmset für einen Horrorfilm durchginge. Zu sehen sind zwei Filmprojektionen des schweizerisch-britischen Duos Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor, die einem den Atem stocken lassen. In einem experimentellen Dokumentarfilm (Commensal, 2017) kommt man dem psychopathischen Frauenmörder und Kannibalen Issei Sagawa viel näher, als einem lieb ist. Es ist eines der wenigen Werke dieser Documenta, das nicht auf Diskurs oder Abstraktion setzt, also verschlossen in einer sicheren Vitrine aus historischer Distanz betrachtet werden kann, sondern direkt berührt. Das liegt nicht zuletzt an der es umgebenden Architektur. Ähnliches gelingt auch im spannendsten der grossen Ausstellungsorte, der «Neuen Neuen Galerie» (Neue Hauptpost): Im tristen, brutalistischen Betonbau bekommen alle ausgestellten Werke eine andere Dringlichkeit, etwa Ahlam Shiblis Fotoserie «Heimat» oder die forensische Spurensuche der «Society of Friends of Halit», die den Mord am Kasseler Halit Yozgat, einem von rund 10 NSU-Mordopfern anfangs der 2000er Jahre, minutiös nachkonstruiert hat. Hier könnte die Ausstellung dann auch «Learning from Kassel» heissen.

Versöhnung mit der Stadt (und der Welt und der Kunst) bieten die betörenden Musikfilme von Romuald Karmakar in der Orangerie oder die Frosch-Sinfonie des kürzlich verstorbenen Fluxus-Künstlers Benjamin Patterson in der Karlsaue hinter der Kunsthochschule Kassel.

 

Was Sie sehen sollten

Friedrichsplatz: Parthenon von Marta Minujín (The Parthenon of Books, 2017)

Tofufabrik: Film von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor (Commensal, 2017)

Torwache: Kohlensäcke von Ibrahim Mahama (Check Point Sekondi Loco. 1901–2030. 2016–2017, 2016/17)

Orangerie: Film von Romuald Karmakar (Byzantion, 2017) 

Palais Bellevue: Film von Roee Rosen (The Dust Channel, 2016) 

Kunsthochschule: Soundinstallation von Benjamin Patterson (When elephants fight, it is the frogs that suffer, 2016/17)


Was Sie sich sparen können

Gottschalk-Halle: Pseudo-trashige, also nervige Präsentation

Fridericianum: Sammlung des EMST (es sei denn, Sie haben viel Zeit und stehen auf griechische Gegenwartskunst)

Mehrstündige Performances: z.B. «Social Dissonance» in der Documenta-Halle. Es sei denn, Sie haben eine Woche Zeit und lassen sich gern vorführen.

 

DOPPELT HÄLT BESSER?

Die Idee des künstlerischen Leiters der Documenta 14 war, dass jeder Künstler ein Werk für Athen und ein Werk für Kassel einreicht. Wie eng die Verbindung zwischen beiden Arbeiten ist, blieb den Eingeladenen selbst überlassen. Hat sich diese Strategie ausgezahlt?

«Check Point Sekondi Loco 1901–2030. 2016–2017» (2016/17) von Ibrahim Mahama (Ghana) – mit Kohlen-säcken verhängte Torwache in Kassel.

 

Während einige Künstler individuell auf den jeweiligen Ort und seine Situation eingegangen sind (z.B. Maria Eichhorn, die in Athen ein Haus «vor Spekulanten rettet» und sich in Kassel mit dem Thema NS-Raubkunst auseinandersetzt), zeigen andere die gleiche Arbeit an beiden Orten, mit durchaus unterschiedlicher Wirkung. Dabei zeigt sich auch der durch die Spaltung gewonnene Nachbild-Effekt: Es ist, als träfe man alte Bekannte. Dieser Vertiefungseffekt fällt für diejenigen weg, die nur einen Teil der Ausstellungen sehen.

Viele Künstler wiederum lassen ihre beiden Arbeiten miteinander kommunizieren (wie etwa Bili Bidjocka, in deren Schachspiel Besucher aus Athen gegen Kasseler antreten können) oder thematisieren die Reise zwischen den beiden Orten. Der Inder Nikhil Chopra beispielsweise legte die 3000 km zwischen Athen und Kassel in drei Wochen mit dem Auto zurück und zeigt die auf dem Weg entstandenen Arbeiten nun in Kassel. Noch länger unterwegs sind die Pferde von Ross Birell: bei der Eröffnung in Athen im April schickte er vier Reiter los, die zu Pferd nach Kassel unterwegs sind. Wenn nichts dazwischenkommt, sollen sie am 9. Juli dort eintreffen.

Getauscht wurde natürlich auch: Während die Documenta in Athen die Räume des dortigen Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) bespielt, zogen ausgewählte Werke der EMST-Sammlung ins Kasseler Fridericianum.

Sokol Beqiri wiederum holte sich Zweige von Beuys-Eichen aus Kassel und pfropfte diese auf eine griechische Eiche in Athen (Adonis, 2017). Das kann man durchaus als eine Anspielung auf den deutschen Kunstwahn um 1800 lesen, als Denker und Künstler gen Süden zogen und an den Gestaden des Mittelmeers von idealer Schönheit und «dem Wahren» träumten. Auch die Zeichnungen vom Documenta-Gründer Arno Bode, die er während seiner Reisen nach Griechenland anfertigte, spiegeln diese Sehnsucht. Sie werden in der Neuen Galerie gezeigt, wo Fragen nach Eigentum und Nationalität behandelt werden.

Lange hatte sich die Documenta um den vieldiskutierten Gurlitt-Nachlass bemüht, den man gerne hier gezeigt hätte – bis vor einem Jahr Kulturstaatsministerin Grütters den Riegel schob. Ersatzweise gibt es in der Neuen Galerie zwei Bilder von Cornelius Gurlitts Urgrossvater Louis Gurlitt zu sehen: diese Akropolis-Malereien im Sonnenuntergang (ca. 1858) schliessen den Kreis.

Experiment geglückt – Patient gestorben?
Man kann bestätigen: das Experiment – der Tausch und das Aufbrechen der Ausstellung auf zwei Standorte – geht auf. Es bringt die Welt (und das Denken) nicht nur ins beschauliche Kassel, sondern auch unsere beschauliche Welt hinaus in die Welt. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie auf diese neue Ansage in den nächsten Jahren reagiert wird. Werden die Befürchtungen der Kasseler schneller wahr, als ihnen lieb ist – und die Documenta wird zur Wanderausstellung, wie es die Manifesta bereits praktiziert? Die aktuelle Ausgabe beweist: so schlimm wäre das gar nicht.

 

 


Weitere Informationen

Das Budget der Documenta 14 betrug für beide Stationen rund 34 Mio. Euro und wurde hauptsächlich von der Kulturstiftung des Bundes (20 Mio. Euro), dem Land Hessen, der Stadt Kassel, privaten Sponsoren, Stiftungen und der Documenta selbst getragen. Erwartet werden rund eine Million Besucher an den beiden Orten. Während die Ausstellung in Athen seit April läuft und am 17. Juli ihre Tore schliesst, ist sie in Kassel erst gestartet und dauertnoch bis zum 17. September.

Die sehr informative Website www.documenta14.de ist sowohl zur Vorbereitung als auch während des Rundgangs sehr zu empfehlen, da Infos in den Ausstellungsräumen Mangelware sind.

 

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»