Die Erotik der Grenze

Für mehr Gelassenheit: Ein wenig Politik-Entzug würde uns allen gut tun.

Sehen Sie einen grossen Ansturm fremdländischer Einwanderer auf sich zukommen? Haben Sie Angst vor Überfremdung? Kein Problem, auf Wunsch macht die Politik die Grenzen dicht.

Bereiten Ihnen internationale Währungsschwankungen Sorgen? Sind Sie der Meinung, die Finanzmarktakteure würden den Schweizer Franken unfair behandeln, wenn am Ende eine Parität zum Euro steht? Kein Problem, der Staat führt kurzerhand eine Wechselkursuntergrenze ein.

Kümmern Sie sich um die Umwelt? Sind Sie überzeugt, unser CO2-Ausstoss verwandle die Erde langsam, aber sicher in einen grossen Backofen? Keine Bange, die Staatslenker dieser Welt beschliessen eine absenkbare Abgasobergrenze.

Leiden Sie an sozialer Kälte? Meinen Sie, eine freie Wirtschaft führe zu einer ungehemmten Selbstbereicherung der Topmanager? Nur Mut, die Politik zieht entschlossen eine Lohnobergrenze durch die Unternehmenslandschaft.

Betrachten wir die politischen Verlautbarungen der vergangenen Monate, so drängt sich der Eindruck auf: Die Politik hat auf alles eine Antwort parat, und stets ist diese Antwort eine Grenze. Warum aber gerade eine Grenze, was macht sie politisch so attraktiv?

Der Ökonom Friedrich von Hayek warnte die Politiker vor einer «Anmassung von Wissen». Damit meinte er die irrige Vorstellung sich selbst überschätzender Intellektueller, komplexe und dynamische Entwicklungen vorhersehen zu können. Wer sich irrtümlich einbildet, Wissen zu besitzen, das er gar nicht besitzen kann, trifft riskante Entscheidungen, die sich regelmässig als Fehlentscheidungen entpuppen. Die Anmassung von Wissen ist freilich bloss die Vorstufe zur Anmassung von Macht. Eine Anmassung von Macht ist die irrige Vorstellung, komplexe und dynamische Entwicklungen beeinflussen, ja sogar steuern zu können, die doch in Wahrheit ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Die Grenze ist in der heutigen Politik die Verkörperung dieser Anmassung. Das Setzen einer Grenze ist vor allem ein symbolischer Akt. Er besagt: «Seht her, ich greife ein! Ich lenke, ich gestalte!» Die Grenze hat etwas Absolutes, was vielen Bürgern Eindruck macht. Sie zieht einen Strich, der nicht überschritten werden kann. Sie gibt damit Klarheit und vor allem: Sicherheit.

In einer Welt, die immer kleiner wird und immer näher zueinanderrückt, in der es scheinbar kein Entkommen gibt vor Bürgerkriegen wie jenem in Syrien, Aufständen in Tunesien, Atomunfällen wie jenem in Japan, Piraterie in Somalia, religiösem Fanatismus in Pakistan, steigenden Meeresspiegeln, Finanz- und Währungskrisen – in dieser Welt sehnen sich immer mehr Menschen nach Klarheit und Sicherheit. Und die Politik ist sich nicht zu schade, dieses Bedürfnis für ihre Zwecke zu nutzen. So erklärt sich, warum François Hollande versucht, den Lohn der französischen Manager zu deckeln, obwohl Kapital heute flüchtig und mobil ist und schnell eine neue Heimat findet. So erklärt sich auch, warum die Umweltminister Europas an den entferntesten Ecken der Welt über CO2-Zertifikate debattieren, obwohl ganz Asien weiter ungehemmt Abgase freisetzt. So ist zu verstehen, warum die SNB einen Frankenkurs diktiert (1 Euro = 1.20 Franken), obwohl das Experiment Euro scheitert und Milliarden Euro an Steuergeldern mit ins Grab nimmt. Und so ist auch zu erklären, dass das Schweizer Parlament das Asylgesetz verschärft, obwohl das Land in die Überalterung abrutscht, während Millionen junge Menschen weltweit darauf warten, ihre Arbeitskraft in Europa einzusetzen – ob legal oder illegal.

Die Erotik der Grenze, ihre reizvolle Mischung aus Entschiedenheit, Macht und Sicherheit, führt uns so immer wieder in einen politischen Rausch, auf den ein schmerzhaftes Erwachen folgt, wenn Illusion und Anmassung an der Realität zerbersten. Die anonymen Alkoholiker haben sich darum ein «Gelassenheitsgebet» gegeben. Es besagt: «Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» In diesem Sinne würde uns allen ein wenig Politik-Entzug gut tun.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»