Die Droge, von der wir nicht genug kriegen
Illustration von Daniel Garcia.

Die Droge, von der wir nicht genug kriegen

Bekenntnisse eines genesenden Mediensüchtigen.

 

Es ist das Merkmal unserer Zeit. Wohin auch immer man seinen Blick wendet, sieht man Menschen in ihre Smartphones vertieft. Sei es nun am Esstisch, im Kinosaal oder auf der Autobahn, zur Konstante gehören die ständigen kurzen Blicke auf Facebook, Instagram und andere Portale. Noch vor kurzem gehörte ich auch zu ihnen. Doch heute bin ich kaum noch auf sozialen Medienplattformen zu finden. Denn die Nachteile überwogen für mich letztlich die Vorteile.

Meine Generation – ich bin 1998 geboren, also 21 Jahre alt – ist die erste, die keine Zeit vor dem Internet kennt. Noch bevor wir zehn Jahre alt waren, gehörten soziale Medien zu einem integralen Bestandteil unseres Lebensstils. Nach den Schultagen eilten wir nach Hause, um uns gegenseitig auf Windows Live Messenger – oder MSN, wie man es damals umgangssprachlich nannte – Nachrichten zuzusenden. Als wir in der vierten Klasse der Primarschule waren, hatten alle von uns ein Konto bei Facebook. Mit der Zeit dann wurde Facebook von Snapchat, Instagram und anderen Plattformen ersetzt.

Von MSN über Facebook zu Tiktok

Aktuell gehören vor allem Instagram und neuerdings die chinesische Video-App Tiktok zu den Tummelplätzen der Jugend. Obschon sich die spezifischen Plattformen änderten, so waren sie stets Teil unseres Lebens. An sich waren die sozialen Medien in unserer Kindheit kein allzu grosses Problem. Wir hatten nicht konstant Zugriff darauf und die meisten unserer Eltern legten Grenzen fest, wie viel Zeit wir jeden Tag am Computer verbringen durften. Selbstverständlich gab es einige Fälle von Cybermobbing, jedoch nichts, was sich nicht auch auf dem Pausenhof ereignen würde; so sind Kinder nun einmal.

Die grosse Veränderung kam erst mit dem ersten Smartphone. Es erlaubte uns allen, dauerhaft über soziale Medien verbunden zu sein. Folglich änderte sich graduell auch der Umgang mit den sozialen Medien. Anstelle des sporadischen Zugriffs vom eigenen Computer aus gelangte die dauernde Verbundenheit zu allen Kontakten weltweit in Griffweite.

Zum Gefühl des Komforts gesellte sich über die Jahre Ärger über diese Plattformen. Ich fand, dass wir zunehmend inkompetent wurden, Zeit miteinander verbringen zu können, ohne ständig auf das Handy zu schauen. Ich löschte viele meiner Benutzerkonten auf sozialen Medienplattformen oder liess sie inaktiv werden. Einige wenige habe ich beibehalten, hauptsächlich Insta­gram. Aus Gewohnheit schaue ich sporadisch darauf. Doch allmählich entferne ich mich auch davon.

«In meiner Kantonsschulzeit hatte ich viele Lehrer, die Studenten sinnlose Aufgaben zuteilten, um den Rest der Lektion am Bildschirm klebend verbringen zu können. Der didaktische Mehrwert fiel, wie man leicht erraten kann, gering aus.»

Ein anderer Blick auf die Welt

Inzwischen habe ich auch die E-Mail-App von meinem Smartphone entfernt. Die Resultate meiner Abstinenz zeigen sich nun. Seitdem ich die sozialen Medien grösstenteils verlassen habe, fällt es mir wieder um einiges leichter, mich länger zu konzentrieren. Seit ich mich vom Drang befreit habe, die neuesten Nachrichten zu erfahren, bin ich wieder frei, mich der Schönheit des Moments zu widmen. Die freigewordene Zeit kann ich nun nutzen, um mich – im klassischen Sinn – selbst zu bessern und verwirklichen. Ich habe wieder mehr Zeit, mich in meinem Fachgebiet weiterzubilden, eine neue Fertigkeit zu erlernen, mich meinen persönlichen Beziehungen zu widmen.

Besonders interessant für mich: Ich sehe mein früheres Verhalten nun überall um mich herum in einem Ausmass, das mir früher nie klar wurde. Versucht man, mit seinen Freunden oder der Familie am Esstisch eine Konversation zu führen, so zückt ein Gegenüber irgendwann sicher das Smartphone, um sich einige Bilder auf Instagram anzuschauen. Trifft man sich mit einem Freund auf ein Bierchen, um über Gott und die Welt zu philosophieren, so liegt das Smartphone offen daneben, im Hinterhalt auf eine Nachricht wartend. Geht man…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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