Die dritte Chance

Noch ist die EU nicht verloren. Eine historische deutsche Sicht.

Beim Geld hört, nach alter Volksweisheit, die Gemütlichkeit auf. Das gilt auch für den Euro. Man spricht von der Schicksalsgemeinschaft in der gemeinsamen Währung. Darin liegt beides: die Hoffnung des grossen Europas und die Ahnung des Zerfalls. Eine unbestimmte, allenfalls nach der enormen Grössenordnung zu beziffernde Angst greift nach den Menschen, wenn sie in die Zukunft blicken. Die eigene wie die der Kinder und Enkel ist von kaum vorstellbaren Bürgschaften und Staatsschulden verstellt, von denen niemand sagen kann, wann sie fällig werden und wie. Zugleich aber liegt in der gemeinsamen Währung die Vision einer starken Europäischen Union (EU), die unter den Weltmächten des 21. Jahrhunderts sich zu behaupten weiss.

Die Währung ist nicht nur technisches Tauschmittel. Sie ist nach der Lehre des grossen Joseph Schumpeter – «Vom Wesen des Geldes» – die Summe all dessen, was ein Volk war, ist und sein will, Inbegriff seiner Werte, Ängste und Hoffnungen. Eine Staatsnation indes sind die Europäer noch lange nicht, die EU ist vielmehr ein, wie 1994 das Bundesverfassungsgericht orakelte, «Staatenbund neuer Art». Die gemeinsame Währung sollte zusammenzwingen, was nicht zusammengehört. Doch die Frage, ob es des Euros bedurft hätte, erübrigt sich angesichts der Kraft des Faktischen. Nun ist klar: die Währung aufs Spiel zu setzen, hat noch immer in Tränen geendet – und oft in Blut. Die Verlässlichkeit des Geldes ist für die Politik heute wie zu allen Zeiten eine entscheidende, vielleicht die wichtigste Frage überhaupt, und sie verlangt Antwort. Sonst schwindet alles Vertrauen. Die Geschichte ist reich an Beispielen, alle ohne Ausnahme katastrophal, was geschieht, wenn einmal das Vertrauen in die Währung dahin ist.

 

Sein oder Nichtsein

Die gemeinsame Währung der Siebzehn (seit dem 1. Januar gehört Estland dazu) ist ins Gerede gekommen. Das aber ist das Schlechteste, was einer auf Vertrag und Vertrauen gegründeten
Papierwährung passieren kann. Die Frage, die die Märkte stellen, lautet nicht mehr, ob der Euro überdauert, sondern wann er ausein–anderbricht zwischen Nord und Süd. Das aber ist mehr als eine Geldfrage. Letzten Endes geht es, wie zuerst die Bundeskanzlerin und dann der Präsident der Bundesbank Ende 2010 sagten, um Sein oder Nichtsein. Die EU, deren harter Kern nicht die Brüsseler Eurokratie ist, sondern Vertrauen und Solidität der Währung, wird zu den Führungsmächten der Welt zählen – oder Europa ist nur noch ein geographischer Begriff. Ein Drittes gibt es nicht.

Zu den politischen Konsequenzen gehört schon jetzt, dass auch die alte deutsche Frage sich wieder stellt, diesmal in ihrer wirtschaftlichen Variante – Deutschland ist zu klein für die Führung, zu gross für das Gleichgewicht. Deutschland bildet, um ein Bismarck-Wort zu brauchen, das Schwergewicht am Stehaufmännchen Europa – und ist doch mit der Aufgabe des Schulmeisters und Besserwissers politisch und moralisch überfordert.

Ein währungspolitisches Regelsystem made in Europe ist zugleich Ziel und Voraussetzung des gemeinsamen Geldes. Das aber erfordert eine Gemeinsamkeit der Normen, Lebensformen und
Anstrengungen, wie es sie in der europäischen Geschichte niemals gab und wohl auch nicht geben wird. Da es eine durchsetzungsfähige und akzeptierte Führungsmacht nicht gibt, wie die USA nach Bretton Woods 1944, sollen Verträge leisten, was sie nicht leisten kann.

Zweimal waren es in den letzten hundert Jahren die Vereinigten Staaten, die in welthistorischen Krisen den Europäern halfen, sich selbst zu finden. Ob Amerika ein drittes Mal die Kraft dazu hat? Wer kann das sagen in einer Zeit globaler Überanstrengung der Vereinigten Staaten, ihrer aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen unausweichlichen Hinwendung zum Pazifik und ihrer chronischen finanziellen Selbstüberforderung? Europa wird sich diesmal selber helfen müssen, und das wird schwierig. Aus dem dichtgedrängten Führungsvakuum in Brüssel wird die Hilfe nicht kommen, und dass sie zugleich aus 27…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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