Die Diktatur der Mittelmässigkeit

Gesamtschule statt Gymnasium, Grossbildschirm statt Bibliothek, Denkverbot statt Debatte – Bürgertum ade, klagt Thomas Hürlimann. Die einst fortschrittliche und mächtige Gesellschaftsschicht, so der Schriftsteller, wurde von einem Kleinbürgertum abgelöst, das den Gleichheitsmief kultiviert. So erklärt sich der Triumph des Bauchgefühls an der Urne, der Qualitätsverlust in den Medien und nicht zuletzt so mancher Shitstorm gegen Intellektuelle. Gespräch mit einem, der glücklich darüber ist, aus der Zeit gefallen zu sein.

Die Diktatur der Mittelmässigkeit
Thomas Hürlimann, photographiert von Jannis Keil.

Herr Hürlimann, Sie haben kürzlich Ihren mehrjährigen Kampf gegen den Krebs gewonnen – zunächst: Herzliche Glückwünsche dazu! Wie geht es Ihnen?

Danke, mir geht es gut. Mein Immunsystem ist noch etwas angeschlagen, aber ich fühle mich fit.

Sie haben – trotz Krankheit – in den vergangenen Jahren neben der literarischen Arbeit auch viele Essays veröffentlicht, sich vermehrt mit den politischen Entwicklungen in der Schweiz beschäftigt. Am 11. Februar des letzten Jahres etwa erschien in der FAZ ein kurzer, recht persönlicher Text von Ihnen. Der Gegenstand: die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Titel: «Der Schweizer als Höhlenmensch». Lassen Sie uns mit dem Inhalt dieses Essays beginnen, er hat hohe Wellen geschlagen. Sie behaupten darin: die Schweiz hat schlecht abgestimmt – und das nicht zum ersten Mal. Sie sprechen, ich zitiere, von einer «Diktatur der Mittelmässigkeit» in Ihrer Heimat – und greifen damit die Schweizer Stimmbürger frontal an. Von Ihnen, einem doch eher bürgerlichen Vertreter der Schriftstellerspezies, kam das überraschend.

Ich nehme zunächst mit Erstaunen zur Kenntnis, dass Sie mich für einen «Bürgerlichen» halten. (lacht)

Sind Sie’s denn nicht?

Solche Zuteilungen stimmen in der Regel nicht mehr. Und ich hätte Mühe, mich selber zu definieren. Als ich in Westberlin studierte, in den siebziger Jahren, wurde das Philosophische Institut der FU in ein Institut für Sozialwissenschaften umbenannt. Mit einigen Freunden zog ich mich zurück, um privat einen Lesezirkel für Heideggers «Sein und Zeit» aufzuziehen. Deshalb wurde ich auf einem Aushang im Institut, einer Art maoistischen Wandzeitung, als «Anarcho-Solipsist» gebrandmarkt. Auf diesen Titel bin ich heute noch stolz. Ich habe nie einer Partei oder einem politischen Lager angehört.

Sie weichen aus.

Nein, ich versuche Ihnen zu erklären, aus was für einer Position ich den von Ihnen zitierten Text geschrieben habe.

Verschieben wir also die Antwort auf die Eingangsfrage um Ihren Artikel und klären zunächst, was das Wort «bürgerlich» eigentlich bedeutet. Ich habe es eben als vagen Sammelbegriff für liberale und gemässigt konservative politische Haltungen gebraucht – das reicht offenbar nicht.

Allem voran bedeutet bürgerlich «vergangen»: Das Bürgertum war einmal. Mit dem Ersten Weltkrieg verabschiedet sich die bürgerliche Gesellschaft von der Weltbühne. In Thomas Manns «Zauberberg» wird erzählt, wie dem Bürgertum buchstäblich die Luft ausgeht. Ich kann also kein Bürgerlicher sein, selbst wenn ich es wollte.

Was zeichnete dieses untergegangene Bürgertum aus?

Seine Hochphase hatte es in der sogenannten Gründerzeit, im neunzehnten Jahrhundert. Zwar existierten Adel und Klerus formal weiter, aber die Bürger hatten die Macht übernommen, sie erschufen mit besseren Strassen, Laternen, Eisenbahnen, Dampfschiffen und der Telegraphie eine neue Welt. Damit verbunden waren auch neue Sitten. Auf einem Schiff zum Beispiel wurden nicht mehr als erstes die vornehmen Herrschaften gerettet, jetzt hiess es: Frauen und Kinder zuerst. Und für den Kapitän war es eine Selbstverständlichkeit, dass er mit seinem Schiff unterging. Der letzte Befehl von Captain Smith auf der sinkenden «Titanic» lautete: «Be british, boys!» In diesem wunderbaren Wort ist eine ganze Ideologie enthalten. Der Bürger fühlte sich seiner Nation zugehörig und er war bereit, für sie sein Leben zu geben. Ein Kapitän Schettino dagegen, der nach der selbst verschuldeten Havarie wohl als einer der ersten von Bord ging, ist der schlagende Beweis, dass bürgerliche Umgangsformen nicht mehr gelten.

Wie kam es aus Ihrer Sicht zum Niedergang?

Der Erste Weltkrieg war zwar ein Krieg zwischen Kaiserreichen, aber die Soldaten waren Bürger – und sie haben den Blutzoll bezahlt. Vielleicht könnte man sogar sagen: Sie haben diesen Krieg verloren. Siehe «Zauberberg»: Zum Schluss verschwindet der bürgerliche Held in den Fluten des Weltkriegs. Jedenfalls lag die strahlende Gründerzeit, die uns die schönen Villen und Mehrfamilienhäuser hinterlassen hat, anno 18 in Schutt und Asche. In Russland kam eine…