«Die Depressionsgefahr ist vorbei»
Tobias Straumann, fotografiert von Ruedi Keller.

«Die Depressionsgefahr
ist vorbei»

Die Wirtschaft ist bisher besser durch die Krise gekommen als befürchtet, auch dank den staatlichen Massnahmen. Verschuldung und ultralockere Geldpolitik könnten aber neue Verwerfungen auslösen.

Das Coronavirus hat Risse verursacht im Netz der globalisierten Weltwirtschaft. Gut eingespielte Lieferketten wurden unterbrochen, Lieferungen verzögert. Wie gravierend sind die Einschnitte?

Weniger gravierend, als man noch im Frühling gemeint hat. Es erinnert etwas an die Finanzkrise 2008/09, in der es ebenfalls nicht nur einen Nachfrageschock gab, sondern auch Angebotspro­bleme. Letztere haben sich jedoch, auch dieses Mal, relativ schnell wieder aufgelöst. Global aufgestellte Unternehmen sind an solche komplexen Herausforderungen gewohnt und in der Lage, sie zu meistern. Es kann auch künftig wieder zu Einschränkungen kommen, aber ich glaube nicht, dass sie zu Supply-Chain-Problemen führen werden. Es wird keinen zweiten Lockdown geben, davon bin ich überzeugt.

Wie schätzen Sie die bisherigen Regierungsmassnahmen rückblickend ein?

Die Schweizer Regierung hat wohl etwas zu spät gehandelt, aber das ist ein wohlfeiler Vorwurf. Dass man zum Instrument des Lockdowns gegriffen hat, fand ich richtig. Dass man nicht frühzeitig einen Exitplan geschmiedet hat, war dagegen ein Fehler – deshalb dauerte der Lockdown zu lange und wurde zunächst zu zögerlich gelockert. Die Ladenlokale etwa hätten wir problemlos früher wieder öffnen können.

Im Vergleich zum benachbarten Ausland waren die Massnahmen der Schweiz vergleichsweise zurückhaltend, man setzte schon auch auf ­Eigenverantwortung.

Ich bin sehr froh, dass keine radikalen Lockdown-Massnahmen wie in Italien oder Frankreich eingeführt worden sind. Ich weiss nicht, ob solche Lösungen in Betracht gezogen worden sind, fände das aber bedenklich. Auch seitens der Medien kamen viele radikale, aus meiner Sicht überzogene Forderungen.

Wäre man der Mehrheitsmeinung der Journalisten gefolgt, hätte es einen Lockdown wie in Italien gegeben. Aber ohne Lockdown, mit Lockdown – es gab massive Einschränkungen, die einzelne Unternehmen an den Rand des Ruins trieben. Wie sehr darf eine Regierung eigentlich eingreifen?

Die Maxime muss natürlich «So wenig wie möglich» lauten. Die Regierung musste aber handeln, und sie hat dabei zu einer «halbliberalen» Lösung gefunden. Ich habe nach wie vor Verständnis dafür, dass man gesagt hat, jetzt müsse man ganz zumachen. Auch aus psychologischer Sicht: So haben die Leute den Ernst der Lage realisiert.

Waren die raschen Corona-Gratiskredite aus liberaler Sicht eine gute Idee? Angeschmiert waren doch alle, die Verantwortung für ihre Firma getragen haben und für den Ernstfall privat vorgesorgt hatten. Ihre kerngesunden Firmen zahlen nun weiterhin Zins für aufgenommene Kredite, während nun selbst marode, hoffnungslose Firmen in den Genuss von Krediten ohne Zins gekommen sind.

Jede Massnahme hat ihre Nachteile, aber es ist mir viel lieber, wenn der Staat zinslose Darlehen garantiert als Subventionen ausschüttet. Es gab ja durchaus die Forderung, dass der Staat den von ihm verursachten Schaden voll entschädigen müsse. Ich fand es auch richtig, die Kurzarbeitsanträge grosszügig zu behandeln und die Selbständigen zu unterstützen. Wichtig ist es nun, während des Spiels die Regeln nicht zu ändern – schon gar nicht rückwirkend. Die Kurzarbeit darf nicht an Bedingungen geknüpft ­werden; es ist eine Versicherung, in die man eingezahlt hat und auf die man Anspruch hat. Auch bei den Mieten sollte die Vertragsfreiheit nicht tangiert werden.

«Ja, es wird gut kommen. Die Wirtschaft wird nächstes oder spätestens übernächstes Jahr wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben.»

 

Einige der Kredite wurden an Zombiefirmen vergeben. Sie werden niemals zurückbezahlt werden.

Wir erlebten im Frühling eine systembedrohende Krise, und in ­einer solchen muss man rasch, unkompliziert und sehr freigiebig handeln – genau das hat man gemacht. Zur Erinnerung: Es ging nicht darum, Konkurse zu verhindern, sondern darum, dass die Konkurse nicht alle zugleich stattfinden und einen Dominoeffekt auslösen. Dass diese Massnahmen in grossem Stil Strukturverzerrungen verursachen, muss man nicht befürchten. Strenge Auf­lagen verdient haben dagegen die Kredite an Grossfirmen wie etwa die Swiss.

Wir stehen vor einem potentiell heissen Herbst: US-amerikanische Wahlen zwischen zwei alten Männern, deren Gesundheit…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»