Die den Karren ziehen

Manager sind untendurch. Unternehmer stehen hoch im Kurs. Aber was ist das, ein Unternehmer?

Die den Karren ziehen

Der Begriff des Unternehmers ist heute wieder in aller Munde. In Zeiten medialer Angriffe auf Abzocker, Heuschrecken und «neoliberale» Kapitalisten bietet er für viele Leistungswillige die Legitimation ihres Handelns. So bilden Top-Business-Schools gemäss Selbstdeklaration unternehmerische Manager aus, Compensation Committees modellieren ihre Vergütungsmodelle für hochbezahlte Topmanager nach unternehmerischen Gesichtspunkten, und erfolgreiche angestellte Manager von Konzernunternehmen lassen sich in sehr freier Auslegung des Unternehmerbegriffes zum «Entrepreneur des Jahres» küren. Alles nach dem Motto: Wenn schon Kapitalist, dann bitte in der vergleichsweise gesellschaftlich akzeptablen Gestalt des Unternehmers.

Was für Unternehmer aber braucht das Land? Von welchen Usurpatoren des Begriffes gilt es sich abzugrenzen? Wo lauert, sozusagen, die Gefahr in den eigenen Reihen? Tatsächlich gibt es keine allgemeingültige Definition des Unternehmers, und der in weiten Teilen der Gesellschaft positiv besetzte, ungeschützte Begriff wird zunehmend verwässert. Begriffe wie «Serial Entrepreneur», «unternehmerischer Financier» oder «Social Entrepreneur» illustrieren die Bandbreite derer, die sich ein positives Image vom selbstgewählten Unternehmerstatus versprechen.

Der Unternehmer ist zunächst einmal in der umgangssprachlichen Bedeutung des Wortes der Inhaber (Eigentümer) eines Unternehmens beziehungsweise eines Betriebes, den er selbständig und eigenverantwortlich führt. Es genügt also nicht, «nur» Eigentümer zu sein oder «nur» selbständig und eigenverantwortlich zu führen. Erst wenn beide Kriterien erfüllt sind, haben wir es nach gängiger, aber durchaus präziser Lesart mit Unternehmern zu tun. Erfreulicherweise ist die Gründung oder Übernahme eines Unternehmens in den vergangenen Jahren wieder beliebter geworden. Doch sind diese Neu- und Jungunternehmer «echte» Unternehmer, oder erleben wir hier eine Mogelpackung? Mir geht es hier weniger um die Schumpetersche Unterscheidung zwischen dem Unternehmer als Innovator und Gleichgewichtszerstörer und dem Kapitalisten als (planvoll) Ressourcen unter Renditeaspekten einsetzendem «Wirt». Für mich steht vielmehr der soziale Nutzen und die soziale Akzeptanz der Unternehmer im Vordergrund, die ihr eigenes Schicksal mit dem ihrer Unternehmen verbinden und als Kapitäne das sinkende Schiff als Letzte verlassen, sollte es zum Äussersten kommen.

In diesem Sinne bietet sich eine Erweiterung der Begriffsdefinition an, um den Unternehmertypus zu beschreiben, der meiner Meinung nach einen echten gesellschaftlichen Nutzen erzeugt und dem die Gesellschaft auch zu Recht Respekt zollt: eine Erweiterung um den Aspekt der Langfristigkeit. Es war Winston Churchill, der diesen Unternehmertypus treffend beschrieb: «Manche Leute halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse. Andere sehen in ihm eine Kuh, die man ununterbrochen melken müsse. Nur wenige erkennen in ihm das Pferd, das den Karren zieht.» Der Unternehmer wird von Churchill also als gesellschaftlicher Leistungsträger – nicht als Innovator oder Gleichgewichtszerstörer – definiert. Dabei verzichtet er auf moralische Kriterien. Der Karren wird bewegt: von dieser Leistung profitiert die Gesellschaft. Sie ist die Quelle von Wohlstand, Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen für den Staat und von Produkten und Dienstleistungen für den Konsumenten.

 

Arbeit, Verzicht, Leistungswillen

Viele Unternehmen, die heute das Rückgrat der Volkswirtschaften Mitteleuropas bilden, wurden in beeindruckenden Lebensleistungen von Vertretern der Nachkriegsgeneration aufgebaut. Durch harte Arbeit, Verzicht, Kreativität und unbedingten Leistungswillen der Unternehmer entstanden Werte, die Generationen überdauert und bis heute Bestand haben. Bei diesen Unternehmern ist also zweifelsfrei das Kriterium der Langfristigkeit erfüllt.

Schauen wir uns dazu im Vergleich die neuen Unternehmer von heute an. Eine Aussage von Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der WHU-Universität, Otto Beisheim School of Management, im deutschen Magazin «Wirtschaftswoche» ist aufschlussreich. 2009 hielt er fest, dass zuletzt jeder fünfte Absolvent der Eliteuniversität ein eigenes Unternehmen gegründet habe – und dass die Gründung gerade in Krisenzeiten an Attraktivität gewinne. Zugleich gab er zu Protokoll, dass die beliebtesten Neugründungen Web-2.0-Internet-unternehmen seien, weil diese Branche einen schnellen und ertragreichen Exit (!) verspreche. Gleichzeitig beklagte er einen relativen Mangel an langfristig interessanten Unternehmensgründungen im Technologiebereich. In dieselbe Kerbe schlug der jüngst verstorbene Steve Jobs, in dessen Biographie…

Leistungsgesellschaft oder Wie man das Beste von sich gibt
Leistungsgesellschaft oder Wie man das Beste von sich gibt

In den letzten Jahrzehnten ist es den Industrienationen gelungen, eine beispiellose Mehrung des Wohlstandes zu generieren. Nicht nur alle angenommenen «Grenzen des Wachstums» wurden gesprengt, entgegen vielerlei Verlautbarungen ist es der westlichen Welt auch gelungen, die Durchlässigkeit der sozialen Schichten zu erhöhen: gesellschaftlichen Gruppen, denen früher aufgrund von nationaler oder religiöser Herkunft, Hautfarbe oder sexuel-len […]

Fürchtet euch nicht!

Viele Leistungsträger fürchten unternehmerisches und persönliches Scheitern wie der Teufel das Weihwasser. Warum? Weil sie ein falsches Erfolgsdenken kultivieren. Die Kultur des Scheiterns ist Grundlage für erfolgreiche Anpassung. Und damit für eine echte Leistungsgesellschaft.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»